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22. September 2017 00:01 Uhr

Frankreich

Führungskampf bei den Rechtspopulisten eskaliert

Nach ihrem verpatzten Präsidentschaftswahlkampf ekelt Frankreichs Rechtsextremistin Marine Le Pen ihren Stellvertreter aus der Partei. Damit zeichnet sich auch ein politischer Kurswechsel beim Front National ab.  

  1. Bei der Parteirechten verhasst: Florian Philippot beantwortet Fragen von Journalisten. Foto: AFP

"Natürlich verlasse ich den Front National." Mit diesem Satz brachte Florian Philippot die schwelende Krise in der rechtsnationalen Partei Frankreichs am Donnerstag zum Ausbruch. Es wäre "lächerlich", wenn er Vizepräsident bleiben würde, aber keine Kompetenzen mehr habe, meinte der bisherige Chefstratege von Parteichefin Marine Le Pen. Sie hatte Philippot zuvor einen Teil seiner Aufgaben entzogen, weil dieser eine Parallelorganisation namens "Les patriotes" gegründet habe.   Der 35-jährige Medienstar war 2011 von der linksrepublikanischen Bürgerbewegung des Ex-Verteidigungsministers Jean-Pierre Chevènement zum FN übergelaufen. Seither zeichnete er verantwortlich für einen sozial-nationalen Kurs "weder rechts noch links". Damit versuchte er, die Partei aus der rechtsextremen Ecke zu holen und in eine Massenbewegung zu verwandeln.

Zuerst hatte er Erfolg: Marine Le Pen feierte große Wahlerfolge auf lokaler und regionaler Ebene und lancierte eine fulminante Präsidentschaftskandidatur – bis sie mit einem verheerenden TV-Auftritt ihre eigenen Chancen zunichte machte.

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  Für dieses Fiasko zahlt nun Philippot den Preis. Der Absolvent der Eliteverwaltungsschule ENA und unerschütterliche Rhetoriker war auf dem rechten FN-Flügel seit jeher umstritten gewesen; namentlich Parteigründer Jean-Marie Le Pen gefiel sich in Anspielungen auf Philippots – unfreiwillig geoutete – Homosexualität. Tochter Marine hielt aber zu ihrem Sekundanten, der ihren Aufstieg ideologisch absicherte.   Dazu gehörte auch die Forderung nach einem Ausstieg aus dem Euro und eventuell aus der EU. Als sich in Umfragen zeigte, dass die Franzosen zu über 70 Prozent vor einem Euroausstieg zurückscheuen, begann Le Pen – nicht Philippot – zu schwanken. Sie verstrickte sich zunehmend in widersprüchliche Aussagen über die EU-Zugehörigkeit Frankreichs. Zum Schluss erzielte sie bei der Präsidentschaftswahl mit 34 Prozent Stimmen ein für sie sehr enttäuschendes Wahlresultat.  

Unter Beschuss geriet aber in der Folge vor allem Philippot. Le Pen senior griff den Parteivize frontal an, und seine Enkelin Marion Maréchal-Le Pen, die für einen stramm rechten, auch wirtschaftsliberalen Kurs eintritt, zog sich aus den Parteigremien zurück.   In den vergangenen Wochen ließ auch die Parteichefin ihren Vize fallen. Als letzten Dank warf sie ihm am Donnerstag noch vor, er spiele sich mit seinem Rücktritt als Opfer auf. Um anzufügen, die Partei werde sich davon erholen. Das ist aber gar nicht so sicher. Vom Linksnationalen Philippot befreit, wird sich der rechte Flügel des FN beim nächsten Parteikongress im Frühjahr 2018 wieder in Szene setzen. Auch Marine Le Pens innerfamiliäre Gegner, Vater Jean-Marie und Nichte Marion, beginnen wieder zu hoffen. Ohne ihren sozialen Flügel käme die Parteichefin kaum mehr auf elf Millionen Stimmen wie bei den Präsidentschaftswahlen. Ihr Vater hatte jedenfalls rechts außen nie auf mehr als 5,5 Millionen Stimmen erhalten.  

Philippots neue Partei "les Patriotes", der sich auch eine FN-Europaabgeordnete angeschlossen hat, könnte Marine Le Pen zusätzlich Stimmen kosten. Eine ernsthafte Konkurrenz stellt Philippot allerdings kaum dar. Die gleiche Erfahrung hatte schon 1999 der frühere Le Pen-Adlat Bruno Mégret gemacht: Mit seiner eigenen Formation MNR geriet er alsbald ins politische Abseits.  

Philippot war bei den Parteirechten stets verhasst gewesen. Vergangene Woche hatte Philippot ein Bild von einem Couscous-Dîner mit Freunden in Straßburg veröffentlicht. Die nordafrikanische Speise brachte die strammen FN-Mitglieder auf die Palme: Die Spezialität des Elsass, twitterten sie zurück, sei nicht Couscous, sondern Sauerkraut.

Autor: Stefan Brändle