Terror

Im Kampf gegen IS hat der Westen nur zwielichtige Verbündete

Karim El-Gawhary

Von Karim El-Gawhary

Di, 26. August 2014

Ausland

Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat kann sich der Westen nur auf problematische Verbündete stützen.

Kämpfen demnächst auch iranische Revolutionsgarden mit US-Luftunterstützung im Irak gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates? Das ist kein abwegiges Szenario mehr. Erstmals hatten mehrere hundert iranische Soldaten am vergangenen Freitag die irakische Grenze kurzzeitig überschritten, um an der Seite der kurdischen Peschmerga gegen die Dschihadisten der Organisation des Islamischen Staates (IS) zu kämpfen, berichtet die arabische Fernsehstation Al-Jazeera und beruft sich auf kurdische Sicherheitskreise. Gemeinsam soll man versucht haben, die Stadt Jalaula zurückzuerobern, die die irakische Armee vor Wochen kampflos den Dschihadisten überlassen hatte, und die nur 25 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt liegt.

DIE US-TRÄUME SIND ZERPLATZT

Der Fall zeigt: Die Erfolge der IS rütteln das westliche Freund-Feind-Schema gründlich durcheinander. Aus ehemaligen Schurken wie dem Iran werden Partner, aus deklarierten Terroristen wie der kurdisch-türkischen PKK werden Brüder im Kampfe. Damit muss ein Jahrzehnt US-Politik in der Region und die neokonservative Mär vom "Neuen Nahen Osten" als gescheitert erklärt werden. Weder hat Amerika einen stabilen, demokratischen Irak erschaffen können, noch den Iran politisch isoliert.

Auch mit einer großen militärischen Interventionsmacht haben es die USA im vergangenen Jahrzehnt nicht geschafft, die Kräfteverhältnisse der Region in ihrem Sinne zu verändern. Jetzt holen Washington die regionalen und lokalen Kräfteverhältnisse ein. Mehr als ein Jahrzehnt, seit Amerikas Neokonservative den Nahen Osten mit militärischer Stärke und politischem Druck in ihrem Sinne formen wollten, hat sich die Region in einer Weise verändert, die nicht nur die USA, sondern auch Europa zwingen, ihre gesamte regionale Strategie und ihre Bündnispartner neu zu überdenken.

Den Dschihadisten des IS Einhalt zu gebieten, ist nicht eine Frage von ein paar Wochen. Und das Ganze ist kein exotisches Problem, fern von Europa. Die ausländischen Kämpfer der IS werden nicht nur in die Region, sondern auch nach Europa zurückkehren. Sie werden dort zu einem massiven Sicherheitsproblem, das al-Qaida in den Schatten stellen könnte.

STELLVERTRETERKRIEG DER KURDEN?

Da weder die USA noch Europa bereit sind, Bodentruppen ins irakische Feld zu werfen, muss die Arbeit von anderen verrichtet werden. In den vergangenen Wochen wurden die kurdischen Peschmerga gern als das große Bollwerk gegen die IS dargestellt und massiv vom Ausland bewaffnet. Aber sie sind alles andere als ein Zaubermittel gegen die IS. Zumal die kurdischen Ambitionen für die Rückeroberung der Orte jenseits der kurdischen Gebiete im Nordirak begrenzt sein dürften.

Den Peschmergas geht es in erster Linie darum, ihr Gebiet abzusichern. Sie werden nicht den Kopf für den Rest des Iraks hinhalten, der ihnen nie etwas gegeben hat. Und selbst innerhalb der Kurdenfront finden sich für den Westen Partner, die man bisher gemieden hat und die von der Türkei, der EU und den USA als Terroristen gebrandmarkt werden. Gerade im türkisch-syrischen Grenzdreieck sind es die Kämpfer der aus der Türkei stammenden kurdischen PKK, die sich gegen die IS als die militärisch potenteste Gegenmacht profiliert haben. Jesidische und christliche Flüchtlinge ergehen sich in ihren Lagern im sicheren kurdischen Gebiet in Lobeshymnen auf die PKK und deren syrischen Partner PYD, die sie aus den Händen der IS gerettet haben.

So ist es kein Wunder, dass die PKK die deutsche Regierung und andere westliche Staaten aufgefordert hat, Waffen auch an ihre Kämpfer in Syrien und im Irak zu liefern. Die IS könne nur geschlagen werden, wenn jene "Kräfte mit Waffen ausgestattet werden, die am effektivsten gegen die Terrorgruppe vorgehen", meint der Vize des politischen Arms der PKK, Cemil Bayik. Im Nordwesten des Irak kämpft also eine von Europa als "Terroristen" gebrandmarkte Gruppierung am effektivsten gegen die IS, im Nordosten sind es neuerdings entsandte Soldaten des "Schurkenstaates" Iran, die den Kurden unter die Arme greifen.
DAS SYRISCHE DILEMMA

Das westliche Freund-Feind-Schema wird gründlich durcheinandergerüttelt. Und auch in Syrien müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Hochburgen der IS liegen in der Provinz Rakka. Die Grenze zwischen Syrien und dem Irak ist de facto nicht mehr existent. Um die IS effektiv militärisch zu bekämpfen, muss auch ihr syrisches Rückzugsgebiet einkalkuliert werden. Dafür gäbe es zwei mögliche Partner: Syriens Regime oder andere, moderatere syrische Rebellengruppen, die schon jetzt gegen die IS kämpfen.

Dem syrischen Regime wird immer wieder vorgeworfen, der Geburtshelfer der IS-Dschihadisten zu sein – um so ein Gegengewicht zu anderen Rebellen zu schaffen. Und um zu zeigen, dass die Opposition nur aus radikalen heiligen Kriegern besteht und diese so international zu diskreditieren. So werden Gebiete, die die IS kontrolliert, weniger vom Regime bombardiert. Das Regime Assad kauft sogar Öl von Quellen, die die radikalen Islamisten kontrollieren. Dieses doppelte Spiel macht Damaskus kaum zu einem Partner. Obwohl Assad jetzt in Sachen IS versucht, mit dem Westen ins Geschäft zu kommen, im Sinne seiner Machterhaltung.

Auf der anderen Seite sind die syrischen Rebellen tatsächlich von radikalen Islamisten unterwandert worden. Der Westen hat die Wahl, mit dem IS-Geburtshelfer Assad oder unübersichtlichen Rebellengruppen gegen die IS zusammenzuarbeiten. Ein aktuelles Beispiel verdeutlicht das Dilemma. IS-Kämpfer haben am Wochenende die Luftwaffenbasis al-Tabka erobert, die letzte Position der Regierung in der Provinz Rakka. Einerseits fürchtet man sich im Westen, weil die IS ihren Eroberungsfeldzug fortsetzt. Andererseits müsste man froh sein, dass das Assad-Regime eine Luftwaffenbasis weniger besitzt, von der aus es Zivilisten mit Fassbomben bombardieren kann.

DAS MISSTRAUEN DER SUNNITEN
Und dann kommen zum Schluss die Sunniten im Irak. Ihre Stämme und die ehemaligen militärischen und politischen Kader Saddams sind in der sunnitischen Gesellschaft noch fest verankert. Sie werden als ein Schlüssel angesehen, den IS-Dschihadisten den sunnitischen Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Nun gehören die alten Saddam-Kader sicherlich nicht zu den natürlichen Bündnispartnern des Westens. Auch sie wurden einst zu Schurken erklärt – und sollen dem Westen jetzt aus der Patsche helfen.

Doch nach Jahren ihres blutigen Widerstandes gegen die US-Besatzung nach 2003 und später der Vernachlässigung durch die schiitische Zentralregierung in Bagdad wird es nicht einfach werden, das Vertrauen der Sunniten zu gewinnen. Nachdem ihre Stämme von 2007 an zeitweise mit den US-Truppen und der Regierung in Bagdad zusammengearbeitet hatten, um ihre Gebiete von Al-Qaida-Gruppen zu säubern, hatte man sie politisch und wirtschaftlich wieder vergessen, als der Job erledigt war. Warum sollen sie nun erneut ein Bündnis mit Bagdad und dem Westen eingehen, von dem sie schon einmal bitter enttäuscht wurden? Dazu kommt, dass alle anderen Bündnispartner im Kampf gegen die IS stets den sunnitischen Ambitionen im Irak entgegen standen – seien es die Kurden, die von Schiiten dominierte irakische Armee oder der Iran. Das sind keine guten Voraussetzungen für ein Kampfbündnis.

Während US-Luftschläge gegen IS-Stellungen vielfach gefeiert werden, als seien sie ein entscheidender Faktor, das Blatt im Irak militärisch zu wenden, steckt in ihnen auch eine Gefahr. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis uns Meldungen erreichen werden von einer bombardierten Hochzeit in einem sunnitischen Dorf, die mit einer Ansammlung von IS-Kämpfern verwechselt wurde. Da ist schnell "zusammengebombt", was man politisch auseinanderdividieren wollte.