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15. November 2017

Italien

Wie die sportliche und wirtschaftliche Krise zusammenhängen

Wie die große Fußballnation das historische Scheitern ihrer Squadra Azzurra erlebt – und sich zurückgeworfen sieht auf Dinge, die auch sonst nicht gut laufen.

  1. Die italienischen Spieler nach dem Ausscheiden gegen Schweden Foto: dpa

Der Nebel in der dunkelsten aller Mailänder Nächte hatte sich noch nicht gelichtet, da erging sich Italien bereits in Angstszenarien für den kommenden Sommer. "Keine Biere vor dem Fernseher, keine gehissten Fahnen auf den Balkons", so stellte sich die italienische Huffington Post die Orientierungslosigkeit während der WM 2018 vor. Nicht einmal die deutschen Touristen an den Stränden werde man mit herausforderndem Blick provozieren können. Nein, der Traum ist aus.

Italien hat sich erstmals seit knapp 60 Jahren nicht für eine Fußballweltmeisterschaft qualifiziert. Ein 0:0 im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion gegen Schweden war nicht genug, stattdessen fahren die Skandinavier zur WM 2018 in Russland. Seit Montagabend herrscht Stille in einem Land, in dem Stille eigentlich nicht vorgesehen ist.

Am Dienstag darauf wacht Italien mit einem gewaltigen Kater auf, ausgelöst durch die ureigenste Leidenschaft der Südeuropäer. Fußball war lange Zeit ein letzter Anker für das angeschlagene Selbstbewusstsein des Südens. Nun müssen sich die Tifosi auf fast allen Fernsehkanälen die Bilder der eigenen Unzulänglichkeit ansehen. Italiens Krankheiten sind bekannt: Die Folgen der Wirtschaftskrise, knapp 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Skandalpolitiker zuhauf. Aber immerhin stand Gigi Buffon zuverlässig im Tor der Squadra Azzurra. Ein lebendiges Denkmal. Unter Tränen gestand der Torwart das Scheitern seiner selbst und der Nation ein. "Dahin auch die Illusion, wenigstens im Fußball noch etwas zu zählen", schreibt der Corriere della Sera am Dienstag auf seiner ersten Seite. Die Tifosi hatten nicht einmal die Kraft, ihre gefallenen Helden mit Tomaten zu bewerfen wie bei früheren sportlichen Katastrophen. Luca Lotti, der für Sport zuständige Minister, forderte die "völlige Neuaufstellung des italienischen Fußballs". Was das heißen soll, blieb sein Geheimnis. Genauso gut hätte er eine Neuordnung des Landes fordern können. Experten rechneten die ökonomischen Verluste der Nicht-Qualifikation vor. Während der letzten Europameisterschaft habe das Geschäft mit Fernsehern um vier Prozent zugelegt, daraus wird im nächsten Jahr garantiert nichts. Ganz Wagemutige beziffern den Zuwachs des italienischen Bruttosozialprodukts im Jahr des letzten WM-Gewinns 2006 mit einem Prozent. Aus der Traum auch unter diesen Gesichtspunkten. Das Land, in dem einst die Zitronen blühten, steckt in der Depression. Schon lange.

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Ein WM-Titel wie 2006 oder Reformerfolge einzelner Regierungen sind Ausreißer in einer stagnierenden Wirklichkeit. Prägend sind trotz aller positiven Wasserstandsmeldungen immer noch die Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 ihren Anfang nahm. Und die kurzsichtige Politik. Eine ganze Generation junger Menschen kann nicht mehr optimistisch in die Zukunft blicken. Am Horizont sehen viele allenfalls Gelegenheitsjobs. Das historische Scheitern der Nationalelf bestätigt den traurigen Befund nur aufs Neue. Italien wartet auf einen Umschwung. Im Fußball wird dieser jetzt mit dem Abgang der älteren Generation erzwungen. Die Jungen müssen ran, ob sie wollen und können oder nicht. "Fine" (Ende) titelt die Gazzetta dello Sport, als sei nun viel mehr als nur ein Fußballspiel zu Ende.

Mario Franchi, Leiter einer Schule zur Ausbildung von Therapeuten in Udine, sagt: "Die Italiener verstehen eher durch den Fußball, dass sie am Abgrund angekommen sind, als durch die Politik." Und in der Politik wird der Misserfolg im Fußball bereits fleißig instrumentalisiert. "Zu viele Ausländer auf den Spielfeldern", tönt der Chef der fremdenfeindlichen Lega Nord, Matteo Salvini. In der Politik arbeitet sich gerade auch ein alter Bekannter wieder ins Rampenlicht: der wegen Steuerbetrugs verurteilte Ex-Premier Silvio Berlusconi. Eine WM ohne Italien – und Berlusconi zurück an der Macht? Das ist nicht Science Fiction, sondern ein Ausblick ins Italien des Jahres 2018.

Autor: Julius Müller-Meiningen