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20. Januar 2012
Meuterei gegen den Ex-Piraten
Enttäuscht von ihren Politikern gehen die Rumänen auf die Straße und protestieren gegen Armut und Korruption.
"Nein", sagt Maria und zieht ihren Anorak noch fester zu. "Dass sie jetzt die Krankenversicherung privatisieren wollen, das geht zu weit." 38 Jahre lang hat die 57-Jährige gearbeitet, in der Verkehrsbranche im Büro. "Und 190 Euro kriege ich als Rente", klagt sie. Die Nachbarin, erzählt Maria, muss sogar nur mit 75 Euro auskommen. "Uns kleinen Leuten hat der EU-Beitritt nichts gebracht", sagt die stille, zarte Frau. "Und ins Ausland können wir ja sowieso nicht reisen."
Es ist vor allem die Generation 50 plus, die sich auf den Straßen von Bukarest schon seit vier Tagen allabendlich bei Minusgraden und eisigem Wind versammelt – Männer in Windjacken und Baseballkappen in Gesellschaft von ein paar Frauen mit Wollmützen und Mänteln.
Transparente haben nur die Wenigsten gebastelt. Viele halten ihre Botschaft an die Welt einfach in Form eines DIN-A-4-Blatts in Klarsichtfolie hoch. "Schluss mit dem Diebstahl, der Arroganz, der Heuchelei, der Demagogie", steht auf einem. "Wir sind nicht manipuliert, wir sind arm!", behauptet ein anderes trotzig. Immer wieder wird der Präsident Traian Basescu geschmäht – als "Mafioso", "Analphabet", sogar als "Ex-Pirat", eine Anspielung auf dessen früheren Beruf als Schiffskapitän.
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Proteste werden inzwischen aus 62 Städten und Ortschaften gemeldet. In Piatra Neamt, einer kleineren Stadt im Norden, hat sich eine Gebetsrunde zusammengefunden und erfleht den Rücktritt des Präsidenten. In Cluj, der größten Stadt Siebenbürgens, traten die Opernsänger in den T-Shirts des Rettungsdienstes Smurd auf, an dessen Zerschlagung der Protest sich entzündet hatte. Das Auditorium applaudierte stehend.
Der Präsident hatte beabsichtigt, gerade dieser als vorbildlich geltenden privaten Non-Profit-Organisation die staatliche Unterstützung zu entziehen. Ihr Chef, der Arzt Raed Arafat, hatte daraufhin verärgert sein Amt niedergelegt. Erzürnt über die geplante Gesundheitsreform und den Rückzug des Volkshelden und Hoffnungsträgers in dem ansonsten maroden rumänischen medizinischen Versorgungssystem ging das Volk auf die Straße.
Nicht immer ging es bei diesen Protesten geschmackvoll zu. In Bukarest verspeisten Demonstranten Coliva, einen süßen Brei, den man in Rumänien als Leichenschmaus reicht – zum Zeichen dafür, dass sie sich Basescus Begräbnis wünschen. Ein Künstler trat mit einer blutbefleckten Präsidentenmaske auf.
Auf dem Universitätsplatz der Hauptstadt Bukarest schwenken auf den Stufen zum Denkmal des rumänischen Schriftstellers Ion Luca Caragiale einige Leute Nationalflaggen, auf denen in der Mitte ein Loch klafft. Wie anno 1989, bei den erfolgreichen Protesten gegen den Diktator Nicolae Ceausescu, haben sie das rumänische Wappen herausgeschnitten. "Basescu = Ceausescu" steht auf einer Tafel, einer hat einem kopierten Basescu-Bild aus der Zeitung ein Hitlerbärtchen gemalt.
Alles konzentriert sich auf den Präsidenten. Er hat alle Macht an sich gerissen, dem Premier hineinregiert und sich immer wieder in autoritärer Weise in Fachgebiete eingemischt, die ihm völlig fremd sind. Jetzt trägt er in den Augen der Demonstranten auch für alles die Verantwortung. "Zum Beispiel für die Abholzung der Wälder", sagt Maria. "Alles wird kaputtgemacht, alles wird gestohlen."
Der Universitätsplatz ist kein guter Ort zum Protestieren. Hinter der Schar der Demonstranten ragt riesig und drohend das Gebäude des Hotels Intercontinental auf, ein Betonturm aus den Siebzigerjahren. Vor ihnen rauscht der Verkehr über den achtspurigen Magheru-Boulevard. 3000 Menschen haben sich heute versammelt, und dennoch nimmt sich die Kundgebung verloren aus auf dem weitläufigen Gelände. Aber der Platz wird voller und voller. "Pass mal auf", sagt der 35-jährige Student Dan, der sich mit einem Job in einem Restaurant über Wasser hält, "am Wochenende sind wir wieder 20 000 – und dann wird es eng für den Präsidenten." Auch Cristian Pirvulescu, ein Politikprofessor, der als Orakel für alle politischen Vorgänge von den Medien gern zitiert wird, sieht Traian Basescu langsam in die Ecke gedrängt.
Vorausgesetzt, die Proteste bleiben friedlich. "Keine Gewalt", haben deshalb auch einige Frauen auf ihre Tafeln geschrieben. Am Montag hatten sich gewalttätige Fußballfans unter die Menge gemischt und Brandsätze gegen Polizeibeamte geworfen. Danach war der blasse Premierminister vor die Kameras getreten und hatte sich, wie immer in leicht beleidigtem Ton, über die Ausschreitungen beklagt. Auch der Präsident hat schon reagiert und die Entlassung des Rettungsdienstchefs und Staatssekretärs Raed Arafat rückgängig gemacht. "Aber das interessiert uns schon nicht mehr", sagt Dan und schlägt vor Kälte immer wieder die Hacken zusammen. "Basescu muss gehen"
für den Präsidenten
Als die Partidul National Liberal noch an der Macht war, gehörten ihre Politiker zu den eifrigsten Privatisierern. Auch die Gewerkschaften haben für die nächste Woche Proteste angekündigt; den besten Ruf aber haben auch sie nicht, nachdem viele ihrer Anführer auf lukrative Parteiposten gehievt wurden.
Maria hat früher Corneliu Vadim Tudor gewählt, einen Demagogen, der in Rumäniens Politik kaum noch eine Rolle spielt. Dan dagegen war für Basescu. "Ich habe dem hier vor sieben Jahren persönlich die Hand geschüttelt", erinnert er sich.
Ein großer, dicker Mann hält einen Besenstiel mit einem Plakat: "Die einzige Lösung: das Cojocaru-Gesetz!" Was das denn sei? Komm mit, deutet er an und führt an den Rand der Kundgebung, wo ein älterer Herr einer Journalistin seine Ideen ins Mikro spricht. "Der Kapitalismus", sagt er, "ist in Amerika viel gerechter als hier." Fünf Jahre lang habe er am Ende der Ceausescu-Ära als politischer Flüchtling in Chicago gelebt. Seine Idee: Jeder fünfte Leu, wie sich die rumänische Währung nennt, solle in einen großen Investmentfonds gezahlt werden. Aus diesem könnten dann wiederum die einfachen Leute die Verwirklichung ihrer Geschäftsideen finanzieren. Constantin Cojocaru, wie sich der ältere Herr nennt, ist schon 69, hat sich aber nun entschlossen, selbst in die Politik zu gehen. Zusammen mit Dan Diaconescu, einem bekannten Moderator von Trashprogrammen im Privatfernsehen, hat er eine "Partei des Volkes" gegründet. Wenn die beiden die einzige Lösung für das Land sind, muss die Verzweiflung wirklich groß sein.
Autor: Norbert Mappes-Niediek


