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14. August 2010

Pakistan: „Wir brauchen das Geld dringend“

BZ-INTERVIEW mit Billi Bierling, die in Pakistan für die UNHCR in der Katastrophen- und Flüchtlingshilfe arbeitet.

  1. unhcr Foto: bierling

  2. Während die Flut steigt und steigt, versuchen Kinder, Wasserflaschen zu fangen, die aus Hubschraubern verteilt werden. Links Billi Bierling. Foto: dpa/privat

FREIBURG. Mehr als 13 Millionen Menschen in Pakistan sind von der Flutkatastrophe betroffen. Zwar wächst die Spendenbereitschaft, wie Caritas international am Freitag berichtete, aber die Hilfsorganisationen brauchen dringend weitere Unterstützung. Für UNHCR, das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, ist Billi Bierling im Land. Mit ihr sprach Niklas Arnegger.

BZ: Frau Bierling, wie sieht die Lage im Katastrophengebiet aus?

Bierling: Es ist wahnsinnig viel zerstört – ein Drittel des Landes. Es sind Provinzen vom Norden bis zum Süden betroffen. In Swat zum Beispiel hat es über 25 große Brücken weggeschwemmt. Sie haben dort teilweise keinen Strom und viele Telefonleitungen funktionieren nicht. Bis dort alles wieder aufgebaut ist, wird es Monate, wenn nicht Jahre dauern. Wir von der UNHCR haben hier in der Nähe von Peshawar, wo ich bin, fünf Lagerhäuser, von denen vier betroffen sind. Darin hatten wir bis zu drei Meter Wasser.

BZ: Wie ist die UN-Flüchtlingshilfe in Pakistan auf Katastrophen vorbereitet?

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Bierling: Wir sind hier immer vorbereitet. Wir haben Zelte, Decken, Plastikplanen, Kochsets, Daunenbettdecken und Verpflegung für die Flüchtlingslager. Das hat sich jetzt ein bisschen verwischt, denn die Lager sind genauso von den Überschwemmungen betroffen. Natürlich ist keine UN-Organisation und keine NGO auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet. Bisher haben wir 80 000 Decken verteilt und bis Donnerstag 300 000 Menschen erreicht. Dies ist zwar nicht gerade ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es bleibt noch sehr viel zu tun.

BZ: Wie werden die Hilfsgüter transportiert?

Bierling: Mit Lastwagen.

BZ: Obwohl Straßen und Brücken zerstört sind?

Bierling: Natürlich gibt es da große Probleme. Wir haben zum Beispiel einen Transport nach Belutschistan geschickt, und die Wagen standen eine Zeit lang auf der Straße und kamen nicht voran. Am Mittwoch kamen dort endlich die ersten Nahrungsmittellieferungen an.

BZ: Was wird am dringendsten benötigt?

Bierling: Zelte, Plastikplanen und Nahrungsmittel, auch Schlafmatten und Medikamente. Aber für Nahrung ist eine andere Organisation zuständig.

BZ: Die Organisationen arbeiten also zusammen; die Hilfe wird koordiniert?

Bierling: Ja. Es gibt die sogenannten Cluster. Mit ihrer Hilfe wird festgelegt, welche Organisation was wohin schickt. Im Augenblick geht es zwar noch drunter und drüber. Aber in den nächsten Tagen, wenn die Maschinerie ins Rollen kommt, wird es besser werden.

BZ: Werden Sie vom Militär beziehungsweise der pakistanischen Zivilregierung eher unterstützt, eher behindert oder arbeiten Sie weitgehend autonom?

Bierling: Wir arbeiten mit der Regierung zusammen und müssen dies auch. Es gibt zwei staatliche Katastrophenschutzorganisationen; eine auf nationaler, eine auf Provinzebene. Die liefern teilweise unsere Hilfsgüter vor Ort aus.

BZ: Es ist hier immer wieder zu hören, dass in der Bevölkerung große Enttäuschung über die Regierung herrsche und dass die Taliban und andere Islamisten versuchten, dies auszunutzen.

Bierling: Ich kann das schlecht beurteilen. Klar, die Regierung wird immer kritisiert. Aber sie tut durchaus etwas. Für die UNHCR kann ich sagen, dass wir rund um die Uhr arbeiten. Es ist aber unmöglich, alle Menschen zu erreichen und überall hinzukommen. Darum gibt es Gebiete, wo noch keiner war und wo sich die Leute vielleicht verlassen fühlen. Man darf auch nicht vergessen, dass immer noch 1,7 Millionen Flüchtlinge aus Afghanistan in Pakistan leben – seit 30 Jahren.

BZ: Im Westen gibt es gegenüber Pakistan politische Vorbehalte, was die Spendenbereitschaft womöglich beeinträchtigt.

Bierling: Die pakistanische Bevölkerung hat schon in den vergangenen Jahren viel einstecken müssen. Man stelle sich vor: Die Millionen Flüchtlinge aus dem Swat-Tal kehren zurück und denken, jetzt baue ich mein Leben wieder auf. Und dann wird ihnen ihr Haus weggewaschen. Wenn man auf der Autobahn nach Peshawar fährt, stehen Zelte sogar auf dem Mittelstreifen. Es geht nicht um die Regierung, sondern um das Volk, die Menschen. Mir tun sie wahnsinnig leid.

BZ: Bessert sich denn bei Ihnen im Norden die Lage?

Bierling: Im Süden werden derzeit noch Dörfer evakuiert, aber auch im Norden sinkt der Wasserspiegel noch nicht.

BZ: Können Sie unseren Lesern versichern, dass Spenden an der richtigen Stelle ankommen?

Bierling: Ich kann Ihnen mein Wort geben: Wenn Sie an die UNHCR spenden, kommt das Geld an – und wir brauchen es dringend. Wenn die Menschen im Westen an Pakistan denken, sollten ihnen nicht nur Selbstmordattentäter einfallen.

SPENDENKONTEN:

UNO-Flüchtlingshilfe: Konto 200 088 50, Sprk. Köln-Bonn, BLZ

370 501 98, Stichwort: Nothilfe Pakistan; Diakonie: Kto. 502 707, Postb. Stuttgart BLZ 600 100 70, "Fluthilfe Pakistan" (http://www.diakonie-katastrophenhilfe.de Caritas: , Kto. 202, Bank f. Sozialwirtschaft Karlsruhe, BLZ 660 205 00 (http://www.caritas.de/spenden "Fluthilfe Pakistan"; Welthungerhilfe: 1115, Spk. Köln-Bonn, BLZ 370 501 98 (http://www.welthungerhilfe.de  

Autor: kna

Autor: arn