Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Juni 2012

Wenn die Jugend nicht mehr wählen geht

Viele Franzosen befürchten, dass bei den Parlamentswahlen am Sonntag erneut zahlreiche Wähler den Urnen fernbleiben.

FREIBURG. Am Sonntag ist in Frankreich die zweite Runde der Parlamentswahl – und viele Franzosen fürchten, dass ein Großteil der Wähler wieder zu Hause bleiben wird. Denn der große Gewinner der ersten Runde vor einer Woche war die Wahlenthaltung. Mit 42,8 Prozent hatte sie einen historischen Rekord erreicht. Besonders die jungen Franzosen sind den Urnen ferngeblieben. Zwei von drei Wählern zwischen 18 und 24 sind am vergangenen Sonntag nicht zur Wahl gegangen – aus Gelassenheit und Desinteresse. Viele sind von den Politikern enttäuscht.

Aus dieser schwachen Wahlbeteiligung müsse man eine Lehre ziehen, heißt es immer wieder. In Südfrankreich in der Region PACA, wo die Stimmenthaltung sehr oft am höchsten ist, nimmt sich seit einigen Monaten eine Gruppe von Jugendlichen des Themas an. Die Gruppe "Au vote Citoyens!" ("Zu den Urnen, Bürger!") will das politische Gewissen der Jugend ansprechen. "Wählen Sie, wen Sie wollen. Aber wählen Sie!", lautet das Motto von Sofiane Zemmouchi, einem der Begründer der Bewegung. "Wir wollen frische Luft in die Politik bringen und eine Bürgerdynamik in der Gesellschaft wiederherstellen", erklärt der 24-jährige Jurastudent. "Die Leute unterschätzen sich. Sie denken, dass ihre Stimme nicht zählen wird und betrachten misstrauisch die traditionellen Parteien", sagt er.

Werbung


Die Gruppe hatte schon während der Präsidentschaftswahlen Flugblattaktionen und Volkstreffen organisiert und will jetzt ihren Kampf verstärken. Sofiane Zemmouchis Kopf ist voll mit Ideen: "Eines unserer Projekte ist, das Fach politische Bildung in der Schule einzuführen. Das Problem ist heute, dass die Jugendlichen nicht wissen, wie die französischen Institutionen funktionieren." Politik sei für sie weit weg – und die Jugendlichen seien keine Akteure des politischen Lebens.

Zu derselben Feststellung ist Bernard Roudet gelangt, Mitarbeiter im Forschungsinstitut für Jugend INJEP in Paris. Während es für die ältere Generation selbstverständlich sei, wählen zu gehen, würden die Jüngeren das Wahlrecht nicht mehr als Pflicht empfinden: "Die jungen Franzosen gehen mehr zu den Urnen bei den Präsidentschaftswahlen. Ein Monat später, bei den Parlamentswahlen denken sie, dass nicht mehr so viel auf dem Spiel steht." Roudet spricht von Wahlüberdruss.

Diese desillusionierte Jugend ist die Zielgruppe der Piratenpartei Frankreichs ("Parti Pirate"), deren 101 Kandidaten bei diesen Parlamentswahlen zum ersten Mal ins Rennen gehen. Sie schafften es aber in keinem Wahlkreis in den zweiten Wahlgang. "Aber auch Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden!", sagt Maxime Rouquet, einer der beiden Vorsitzenden der Partei. "Im Hinblick auf unsere begrenzten Mittel haben wir aufmunternde Ergebnisse erzielt." Die Partei hat jetzt bis zur Europawahl 2014 Zeit, um sich zu beweisen.

PROGNOSEN

Frankreichs neuer Präsident François Hollande kann bei der Endrunde der Parlamentswahl am Sonntag auf eine absolute Mehrheit für seine Sozialisten hoffen. Nach einer am Freitag veröffentlichten Umfrage prognostiziert das Ipsos-Institut für die Sozialisten und deren direkte Verbündete bis zu 313 Mandate in der Nationalversammlung. Die bislang dominierende konservative UMP des abgewählten Präsidenten Nicolas Sarkozy könnte mit Verbündeten nur 226 Sitze bekommen.  

Autor: dpa

Autor: Sophia Andreotti