Er hat die jungen Leute im Blick

Norbert Wallet

Von Norbert Wallet

Do, 06. Dezember 2018

Deutschland

Jens Spahn – Geduld ist nicht seine Stärke, aber die könnte zur Führung einer Partei wie der CDU unerlässlich sein.

Das stärkste Pfund, mit dem Spahn wuchern kann, ist sein Alter. Der 38-Jährige kann biografisch glaubhaft für sich in Anspruch nehmen, die Interessen der Jüngeren im Blick zu haben. Das macht es glaubwürdig, wenn er mit Blick auf eine Sozial- und Rentenpolitik, die er für zu üppig hält, davor warnt, nachfolgende Generationen zu stark zu belasten.

Ein zentrales strategisches Problem der Union ist der Verlust städtischer Milieus. Spahn hat wenig vom bräsigen, traditionsverhafteten Honoratioren-Duktus, mit dem die CDU vor allem beim jungen akademischen Publikum und dessen kunterbunten Familienentwürfen nicht mehr recht ankommt.
Spahn ist für alle in der Union ein attraktives Angebot, die finden, dass es Zeit ist für einen wirklichen Wechsel und kein Weiter-so unter anderen personellen Vorzeichen. Er hat zwar Gemeinsamkeiten mit Friedrich Merz, dem anderen Kandidaten, der für einen grundsätzlich neuen Ansatz steht, aber Spahn kann wesentlich besser integrieren. Spahn hat als Gesundheitspolitiker den Kontakt zum Sozialflügel seiner Partei nicht verloren.

Spahn ist schlicht unbeliebt. Das kann man durchaus unfair finden, aber ein Wählermagnet ist er ganz bestimmt nicht. Das zeigt eine Umfrage nach der anderen. Er strahlt die kühle Intellektualität eines Experten aus. Aber ein Menschenfänger ist er bestimmt nicht.

Er ist ein junger und damit auch recht unerfahrener Politiker, auch wenn er schon lange im Geschäft ist. Ob er sich schon die Abgebrühtheit angeeignet hat, die nötig sein kann, wenn seine Partei für eine längere Periode im Sturm steht, ob er dann Strategien entwickeln kann, ist eine völlig offene Frage. Er hat sich bislang vor allem als Fachpolitiker bewährt. Parteipolitiker, gar Vorsitzender – das ist eine ganz andere Sache.

Spahn ist niemand, der abwartet. Erkennt er ein Problem, geht er es an. So hält er es als Gesundheitsminister. Ob das als Parteichef funktioniert, bezweifeln viele. In einer Partei ist immer manches krumm und schief, und es ist klug, manche Unvollkommenheiten auszuhalten und nicht jeden gut eingefrorenen Konflikt klären zu wollen.