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24. März 2010 01:15 Uhr
BZ-Interview
Experte: "Missbrauch kann vielfältig sein"
Es ist schwer, bei den vielen Missbrauchsfällen noch die Übersicht zu behalten. Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth fordert, in der Debatte über die Vorfälle stärker zu differenzieren.
BZ: Warum gibt es gerade in Internaten häufig Fälle von Misshandlungen und Pädophilie?
Tenorth: Internate sind Welten eigener Art. Sie schotten sich stark nach außen ab. Die Schüler sind getrennt von den Eltern und haben eine starke Bindung an die eigene Gruppe und an die Pädagogen. Es herrschen rigide Normen und Hierarchien, die zu verletzen ein eigenes Vergnügen ist. Außerdem ziehen Internate offenbar Menschen mit pädophilen Neigungen an. Denn das dichte Zusammenleben vom Aufstehen bis zum nächtlichen Schlussgebet, die Hygiene, der Sport ermöglichen Nähe und Intimität, ohne als Abweichung aufzufallen.
BZ: Schulen sind Orte voller Gefühle. Lehrer sind beliebt oder werden sogar geliebt. Wie wichtig ist pädagogischer Eros?
Tenorth: Eine Schule ohne Emotionalität gibt es nicht. Schüler haben Angst vor Misserfolg. Sie lernen nicht nur aus Liebe zum Fach, sondern auch, weil sie den Lehrer mögen. Der pädagogische Eros ist die kontrollierte liebevolle, emotionale Zuwendung zum Schüler. Ziel ist es, den Schülern Freiraum für persönliche Entfaltung und das Gefühl von Akzeptanz zu geben – aber dieser Eros hat nichts mit körperlicher Zudringlichkeit oder Sexualität zu tun.
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BZ: Wo beginnt der Missbrauch?
Tenorth: Er kann vielfältig sein: physisch, bei körperlichen Strafen. Psychisch bei Bedrohungen, Liebesentzug oder Bloßstellen vor der Klasse. Oder wenn der Lehrer sich lustig macht über das Aussehen eines Schülers. Sexueller Missbrauch ist der Extremfall, er traumatisiert Kinder fürs ganze Leben.
BZ: Missbrauch, Übergriff, sexueller Missbrauch – differenzieren wir derzeit zu wenig?
Tenorth: Ja. Man muss schon auf den Zeitpunkt schauen, wann der jeweilige Vorfall passiert ist. In den 60er Jahren war die Ohrfeige oder der kleine Klaps eine autoritäre Form von Führung. Schläge waren damals eine tolerierte Erziehungsform. Natürlich sind sie zu missbilligen, aber sie haben nicht die gleiche Dimension wie sexueller Missbrauch.
BZ: Viele Lehrer werden durch die Debatte Angst haben, ein Kind überhaupt noch anzufassen.
Tenorth: Das wird leider der Fall sein. Aber in einzelnen Situationen kann Körperlichkeit sehr wichtig sein. Ist Missbrauch schon da, wenn ich die Hand jemandem zum Trösten auf die Schulter lege? Natürlich nicht. Trotzdem muss der Schüler in dieser Situation noch die Chance haben zu sagen: Ich will das nicht. Und zwar ohne dass er negative Folgen fürchten muss – dann wäre es Missbrauch. Die Frage ist: Wie können wir Lehrer und Erzieher selbstkritischer werden ohne in eine prüde, autoritäre und körperfeindliche Welt zurückzufallen?
BZ: Kann man den 68ern Vorwürfe machen? Der jetzige grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit etwa hat sich dafür entschuldigt, in einem Buch sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen verharmlost zu haben.
Tenorth: Nacktheit, Homoerotik, offene Sexualität und Körperlichkeit wurden damals befürwortet, um alte bürgerliche Zwänge abzustreifen. Kinder wurden für mündig erklärt; man sollte seine Sexualität auch mit ihnen ausleben dürfen. Das ist heute weder aktuell noch akzeptabel, ohne dass die heutige Pädagogik in die Zeit vor 68 zurückgefallen wäre. Wie in manchen reformpädagogischen Modellen ist Ende der 60er nicht entschieden genug auf klare Unterscheidungen geachtet worden. Ich erinnere mich an Mahnungen älterer Kollegen, die damals eine solche Art des Umgangs mit Sexualität kritisiert haben, weil sie das Gegenteil von dem erreicht, was man will. Aber sie wurden oft verlacht, als prüde und altertümlich hingestellt. Auch heute gibt es noch beim Thema Pädophilie nicht nur in manchen reformpädagogischen Kreisen viel Abgrenzungsbedarf.
BZ: Schon 1999 gab es heftige Kritik an der Odenwaldschule, die eine der Schulen mit Missbrauchsfällen ist. Warum ist die Kritik schnell wieder verstummt?
Tenorth: Ich wunderte mich auch, warum die Öffentlichkeit damals nicht stärker reagierte. Ich selbst wusste von der Kritik an dem damaligen Schulleiter Gerold Becker. Wir haben uns alle sehr gewundert, wie schnell das wieder vom Tisch war.
BZ: Das große Pädagogenvorbild Hartmut von Hentig hat die Vorwürfe gegen seinen Lebensgefährten Gerold Becker bagatellisiert.
Tenorth: Ich kenne Hentig auch persönlich – nicht erst seit heute. Ich bin ratlos, entgeistert und bedrückt darüber, wie er sich verhält. Allerdings beginnt jetzt eine Debatte, die so tut, als könnte sie sein Lebenswerk vom Tisch wischen. Da kann ich auch verstehen, dass er defensiv wird. Ohne die reformpädagogische Wende ginge die Arbeit in der Schule wohl bis heute an der Lebenswirklichkeit der Schüler vorbei. Diese Missbrauchsfälle diskreditieren doch nicht die gesamte Pädagogik, nicht alle Reformpädagogen und auch nicht alle Priester.
BZ: Wie groß ist der Schaden für die Reformpädagogik?
Tenorth: Ich fürchte, sehr groß. Die Kollegen, die sich auf Reformpädagogik berufen und auf Begriffe wie Gemeinschaft, intensive Zuwendung und pädagogische Liebe, die werden sich ganz deutlich neu äußern und abgrenzen müssen.
BZ: Welche Folgen müssen die Missbrauchsfälle für die Aus- und Fortbildung der Lehrer haben?
Tenorth: Es reicht nicht, in der Lehre nur Themen wie pädagogischen Eros, Knabenliebe im alten Griechenland oder Homoerotik in der Jugendbewegung aus historischer Distanz zu behandeln. Emotionalität im Umgang von Lehrern und Schülern in Schulklassen muss systematisch Thema werden. Wir Pädagogen müssen mehr und offen über die schwierige Balance von Nähe und Distanz sprechen.
BZ: Wie könnte Prävention gegen Missbrauch aussehen?
Tonarth: Eine gute Schulkultur mit Transparenz und Offenheit ist ein mögliches Rezept dafür. Das Kollegium einer Schule muss die Instanz sein, die weiß, was die Kollegen im Klassenzimmer tun. Wenn Kollegen sich abschotten, ist das ein erstes Warnsignal. Eine Kommunikationsfähigkeit auch über schwierige Probleme zeichnet eine gute Schule aus. Was im Klassenzimmer passiert, muss öffentlich diskutiert werden können. Sobald Lehrer ihren Schülern sagen, darüber dürft ihr aber nicht sprechen, ist etwas faul. Gute Lehrer unterstützen Schüler auch darin, sich gegen Lehrer, die Grenzen überschreiten, zur Wehr zu setzen.
Autor: Michael Neubauer


