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16. November 2010

"Lärm führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen"

BZ-INTERVIEW mit dem Sozialmediziner Eberhard Greiser über die Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit.

  1. Eberhard Greiser Foto: bz /privat

Lärm macht krank. Das ist keine leere Behauptung, wie Eberhard Greiser am Beispiel des Flughafens Köln-Bonn nachgewiesen hat. Mit dem Leiter des Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin der Universität Bremen sprach Franz Schmider.

BZ: Wie kommen Sie zu dem Ergebnis, dass Lärm krank macht?

Greiser: Wir haben im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn die Daten von einer Million gesetzlich Versicherten zusammengebracht mit den Daten von Umgebungslärm – also Fluglärm, Autolärm, Bahnlärm und dem Lärm von Betrieben. Wir hatten von den Krankenkassen adressgenau die Daten über Arzneiverordnungen sowie von Krankenhausbehandlungen. Und da zeigen sich eben signifikante Unterschiede.

BZ: Und woran erkranken Lärmgeplagte?
Greiser: In erster Linie an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei Menschen, die mit Fluglärm belastet sind, sind solche Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch häufiger als bei Lärmgeschädigten generell. Und wir haben auch gesehen, dass jene, die nicht vom Flughafenbetreiber bezahlte Schallschutzfenster eingebaut haben, stärker betroffen sind. Das spricht zum einen dafür, dass solche Schallschutzfenster tatsächlich den Lärm verringern und in gewisser Weise vor Erkrankungen schützen. Es zeigt aber auch, dass der Lärm einen erheblichen Anteil an den Erkrankungen hat.

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BZ: Kann man diese Erkrankungen genauer eingrenzen?
Greiser: Vor allem sind es Herzinfarkte, koronare Herzkrankheit, Herzschwäche und Schlaganfälle. Für diesen Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauferkrankungen und Fluglärm gibt es auch eine ganze Beweiskette. Es gibt hierzu zahlreiche Studien aus vielen Ländern, die bis ins Jahr 1977 zurückgehen. Diese Studien laufen auf das gleiche hinaus: Man findet mehr Bluthochdruck oder mehr Verordnungen für blutdrucksenkende Mittel oder mehr Verordnungen für Herzmedikamente insgesamt. Und was wir bei Fluglärm gefunden haben, gilt auch für andere Arten von Lärm. Wenn der sehr lange anhält und intensiv ist, haben wir ähnliche Krankheitsbilder.
BZ: Kann man das auf den Bahnlärm übertragen?
Greiser: Es ist leider so, dass es weltweit keine einzige Studie explizit zum Bahnlärm gibt. Man könnte das mit dem vergleichbaren Aufbau wie der Flughafenstudie bei heutiger Datenlage in weniger als zwei Jahren haben. Aber vom Verlauf der Lärmkurve her kann man sagen, dass sich Flug- und Bahnlärm vergleichen lassen.
BZ: Besonders problematisch scheint der nächtliche Lärm.

Greiser: Ja, besonders relevant ist der Nachtlärm, weil der Mensch die Nacht zur Regeneration braucht. Und was sich gezeigt hat ist, dass Störungen in der ersten Nachthälfte besonders heftig wirken auf eine Fehlregulation. Dann werden mehr Stresshormone ausgeschüttet – und zwar auch dann, wenn der Mensch dabei gar nicht aufwacht. Das heißt, es reicht, dass der Mensch den Lärm über das Ohr wahrnimmt.
BZ: Sie haben aber auch herausgefunden, dass das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter abnimmt.
Greiser: Wir haben lange gerätselt, woran das liegen könnte und sind dann darauf gekommen, dass es wohl schlicht damit zusammenhängt, dass mit zunehmendem Alter auch die Schwerhörigkeit zunimmt. Und wenn man wegen Schwerhörigkeit den Lärm nicht mehr wahrnimmt, dann schadet er auch nicht.

Autor: fs