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15. Juni 2012

Interview

Memet Kilic: "Mich stört die Doppelzüngigkeit bei Saudi-Arabien"

BZ-INTERVIEW mit Memet Kilic (Grüne) über die Salafisten und was die deutsche Gesellschaft gegen sie unternehmen kann.

  1. Memet Kilic Foto: Grabherr

Der Salafismus ist nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes hierzulande ein Jugendphänomen. Sowohl die Predigten wie auch die Kommunikation im Internet spielen sich überwiegend auf Deutsch ab. Wie Jugendliche davor geschützt werden können, in die Fänge der Salafisten zu geraten, wollte Annemarie Rösch von Memet Kilic (45) wissen. Der gebürtige Türke ist Bundestagsabgeordneter der Grünen für den Wahlkreis Pforzheim.

BZ: Warum sind manche Jugendliche anfällig für den Salafismus?

Kilic: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass junge muslimische Einwanderer keine Ausgrenzung erfahren. Es gibt mehrere Studien, die zum Ergebnis gelangt sind, dass gerade junge Menschen, die sich nicht akzeptiert fühlen, in den Extremismus abdriften können. Ich weiß, dass es in allen Ländern schwierig ist für Migranten, auch in der Türkei. Doch wir hier in Deutschland müssen dafür sorgen, dass wir ein modernes Zuwanderungsland werden, in dem andere Religionen und Kulturen respektiert werden. Das würde schon helfen.

BZ: Müssen nicht auch die hiesigen Moscheevereine aktiv werden, um die Extremisten auszubremsen?

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Kilic: Natürlich müssen auch die Gemeinden aktiv werden. So sind zum Beispiel arabischsprachige Moscheegemeinden aufgrund ihres Hintergrunds und ihrer Erfahrungen in der Lage zu erkennen, wenn sich Extremisten bei ihnen breitmachen wollen. Als Bürger ist es ihre Aufgabe, da einzuschreiten. Wenn nötig, müssen sie auch die Sicherheitsbehörden einschalten. Allerdings bin ich nicht dafür, dass man Gemeinden Sicherheitsaufgaben überträgt. Das muss Aufgabe von Polizei und Verfassungsschutz bleiben.

BZ: Moscheegemeinden kamen nach dem 11. September 2001 in die Kritik, weil sie zum Teil Extremisten gewähren ließen. Wie hat sich das entwickelt?

Kilic: Das Bewusstsein ist bei den meisten Moscheegemeinden deutlich geschärft worden. Man geht schneller gegen Leute vor, die die Jugend verführen wollen. Ich finde aber, die Muslime müssen sich noch bewusster werden, dass neben der Religionsfreiheit auch die Kunst- oder die Meinungsfreiheit wichtig ist. Und sie müssen akzeptieren, dass es eine Unglaubensfreiheit geben muss. Da sehe ich noch Nachholbedarf.

BZ: Was muss die Regierung tun?

Kilic: Mich stört die Doppelzüngigkeit der deutschen Mehrheitsgesellschaft beim Thema Saudi-Arabien. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Ursprung der salafistischen Ideen in Saudi-Arabien liegt. Mit Hilfe staatlicher Stellen in Saudi-Arabien werden die Schriften der Salafisten gedruckt. Es sind die Saudis, die diese Extremisten also fördern. Allerdings wird das bei uns gerne unter den Teppich gekehrt. Schließlich ist Saudi-Arabien ein wichtiger Lieferant von Erdöl. Zudem sind die Saudis gute Abnehmer von deutschen Waffen. Dass man den Zusammenhang zwischen Saudi-Arabien und dem Salafismus nicht besser benennt und ihn anprangert, das finde ich unverzeihlich. Auch der Verfassungsschutz wiegelt da gerne ab.

Autor: ar