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27. Dezember 2008

TSG Hoffnungsträger

Eine SPD-Karriere in Hessen: Erst verspottet, jetzt "auf Augenhöhe mit Koch": Herr Schäfer-Gümbel / Von Heinrich Halbig

  1. „Du musst es machen“, sagte die Vorsitzende (unten) – und jetzt macht er es: Spitzenkandidat TSG. Foto: ddp

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  3. Foto: BZ

Der Anruf aller Anrufe erreicht Thorsten Schäfer-Gümbel am 7. November beim Parteitag des SPD-Unterbezirks Gießen inmitten seiner Vorstandsfreunde. Es ist Freitag, vier Tage nach dem von vier Abgeordneten vereitelten Versuch der Hessen-SPD, einen Regierungswechsel mit Unterstützung der Linkspartei herbeizuführen und die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin zu wählen. Tags darauf will der Parteirat in Frankfurt einen Weg aus der tiefen Krise suchen. Und alles rätselt, ob die Landesvorsitzende – frei nach Kurt Beck – ein drittes Mal "mit demselben Kopf gegen dieselbe Wand rennen", oder einen anderen Kopf damit beauftragen wird. Dabei wird nur über einen Namen spekuliert: den des Bezirkschefs Hessen-Nord und Bürgermeisters von Baunatal, Manfred Schaub.

Wenn Schäfer-Gümbel da nicht gesessen hätte, hätte ihn Ypsilantis Anruf, sagt er, wohl "von den Socken gehauen". Nicht, dass die Parteichefin den ebenfalls zum linken Lager zählenden Genossen nicht häufiger an der Strippe hatte. Doch als sie ihm am Handy sinngemäß sagt, "Thorsten, du musst es machen" und ihn damit quasi im Alleingang zum Herausforderer von Roland Koch adelt, war er "im ersten Moment einfach platt". Sie hakt nach. Der 39-Jährige bittet um Bedenkzeit, will sich erst mit der Familie beraten. Seine Frau klingelt er unverzüglich an. "Schatz, wir haben heute noch eine Frage zu klären." Als er sie später damit konfrontierte, sei ihre erste Reaktion "nicht gerade freudestrahlend" gewesen.

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Das Weitere ist bekannt. Als tags darauf der Name des neuen Hoffnungsträgers durchsickert, fragen viele: "Thorsten Schäfer-wer?" Und schütteln den Kopf. Einen Nobody, seit 2003 im Landtag und auf einer hinteren Bank sitzend, will die SPD gegen den routinierten und mit allen politischen Wassern gewaschenen Koch ins Rennen schicken? Schnell wird er von der CDU und einigen Gazetten als "Marionette" und "Strohmann" Ypsilantis geschmäht. Doch das sollte sich bald geben.

Seit Mitte Dezember ist Thorsten Schäfer-Gümbel – Parteispitzname TSG – auch offiziell Spitzenkandidat für den 18. Januar. 97 Prozent des Parteitags haben für ihn gestimmt. "Das hat mich überrascht", gesteht der sonst zur Ironie neigende Genosse gerührt.

"TSG" stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie – Vater Lkw-Fahrer, Mutter Hausfrau, drei Geschwister. Mangels Geld ist er der Einzige, der Abitur machen kann. Er konvertiert vom Katholizismus zum Protestantismus. Politisch hat er sich längst freigeschwommen. Er wird schon "auf Augenhöhe mit Koch" gesehen und von diesem ernst genommen. Doch was hätte er geantwortet, wenn ihm am Anfang dieses Jahres prophezeit worden wäre, am Ende würden ihn Wirren in der SPD an deren Spitze katapultieren? "Ich hätte gesagt, dass ich einen guten Nervenarzt kenne."

Auch Schäfer-Gümbel weiß, dass Politik nicht einfach planbar ist und Karrieren von Ereignissen abhängen. Doch hält sich der dreifache Familienvater, der seinen Magister in Politik mit Auszeichnung gemacht hat, zugute, seine SPD hätte ihn sicherlich nicht zur Nummer eins nominiert, wenn er sich nicht durch politische Arbeit empfohlen hätte.

Und was hat sich seit dem 8. November für ihn verändert? "Plötzlich bekommt das, was ich sage, ein neues Gewicht. Ich formuliere jetzt vorsichtiger, wäge mehr ab." Seine Rolle im "Mannschaftsspiel Politik", in dem er vorher im Mittelfeld agierte, wechselte "über Nacht in die des Mannschaftsführers, Mittelstürmers und Trainers". Mittlerweile kennt er nur noch 16- bis 18-Stunden-Tage. Und man sieht dem vormals leicht Übergewichtigen die vielen Termine, Pressegespräche, Firmen- und Redaktionsbesuche an. "Vor ein paar Tagen waren es sieben Kilogramm, die ich abgenommen habe. Jetzt dürften es zehn sein."

Wird ihm nicht manchmal bange vor der Bürde, die er sich da aufgeladen hat? "Ich habe Respekt. Die Führung eines Bundeslandes ist eine große und verantwortungsvolle Aufgabe." Doch dazu dürfte es einstweilen kaum kommen. Auch wenn der gern klassisch mit Krawatte, weißem Hemd und dunklem Anzug auftretende Schäfer-Gümbel sich nach der Devise "Du hast keine Chance, also nutze sie" in seine Aufgabe reinhängt, weiß er, dass CDU und FDP kaum zu schlagen sein werden. 55 Prozent trauen Umfragen den beiden Parteien zu. Die SPD würde um mehr als ein Drittel auf 23 Prozent abstürzen.

Auch im direkten Vergleich punktet Koch kräftig. Für ihn sprechen sich 44 Prozent aus und nur 24 Prozent für den Herausforderer. TSG also nur eine Sternschnuppe, die nach dem Scheitern bei der Landtagswahl so schnell verglüht wie sie am politischen Himmel aufleuchtete? Wohl kaum! Der Spitzenkandidat, der anfangs mehr wegen seiner Brille und seines Doppelnamens als seiner inhaltlichen Aussagen Aufmerksamkeit erregte, gilt als der Mann der SPD für 2014.

Es gibt schon jetzt kaum Zweifel, dass er nach der Wahl den Vorsitz der Fraktion übernehmen wird. Und wahrscheinlich auch den Parteivorsitz. Denn eine Doppelspitze Ypsilanti/Schäfer-Gümbel, die sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit teilen muss, kann sich die SPD eigentlich nicht leisten. Den Kontrast zu seiner Mentorin, zu der er behutsam, aber beharrlich auf Distanz geht, beschreibt er so: "Ich ticke anders, rede anders und akzentuiere anders." Und wer ihn, wie unlängst bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, über Turbokapitalismus und den notwendigen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel diskutieren hört, stellt fest, dass er auch etwas zu sagen hat. Hat er ein Leitmotiv? "Sage nur das, von dem du selbst überzeugt bist. Wenn jemand am Boden liegt, tritt nicht nach. Entscheide so, dass du das auch selbst umsetzen kannst. Der Skandal beginnt mit dem Versuch der Vertuschung." Es scheint, als werde man sich den Namen TSG merken müssen .

Autor: Heinrich Halbig