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18. August 2012

"Wir sollten keine Wachstumsbremsen hinnehmen"

BZ-INTERVIEW mit Volker Wissing, Finanzpolitiker der Liberalen, über höhere Steuern auf Vermögen.

  1. Volker Wissing (FDP) Foto: DAPD

BERLIN. Der FDP-Finanzpolitiker Volker Wissing meint, dass Steuern auf Vermögen Unternehmen und Arbeitsplätzen schaden würden. Mit ihm sprach Roland Pichler.

BZ: Herr Wissing, angesichts der Finanzkrise und der enormen Einkommenssprünge bei den Topverdienern in der Wirtschaft wünschen sich viele Menschen, dass die Reichen stärker zur Kasse gebeten werden. Ist es nicht gerecht, Spitzenverdienern mehr abzuverlangen?
Wissing: Schon heute tragen die hohen Einkommen den größten Teil der gesamten Steuerlast. Wir sind wegen der europäischen Schuldenkrise in einer Situation, in der wir dringend Wachstum brauchen. Deswegen sind wir auf private Investitionen insbesondere im Mittelstand angewiesen. Eine Vermögensabgabe, die Unternehmern Investitionsmöglichkeiten nimmt, schwächt Wachstum und Arbeitsplätze.
BZ: Sozialverbände und Verdi wollen eine Vermögensabgabe von einem Prozent pro Jahr einführen – und das über zehn Jahre. Warum sollen nicht diejenigen einen Beitrag leisten, deren Vermögen durch die Banken- und Staatenrettungsaktionen geschützt worden ist?

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Wissing: Verdi und Attac argumentieren, dass ein bisschen Wachstumsbremse schon verträglich sei. Ich bin der Meinung, dass wir keine Wachstumsbremsen hinnehmen sollten. Alles, was Wachstum und Arbeitsplätze gefährdet, erhöht auch die Risiken im Finanzsystem. Darunter würden wiederum Klein- und Mittelverdiener leiden.
BZ: Können Sie mit der rein ökonomischen Sichtweise überzeugen, wenn Sie sehen, wie populär höhere Steuern für Gutverdiener sind?
Wissing: Ich finde es höchst widersprüchlich, dass linke Politiker einerseits nach mehr Wachstum in Europa rufen, andererseits aber den Vorschlag machen, den ohnehin kapitalschwachen Mittelstand in Deutschland zu schwächen. Wir haben im deutschen Mittelstand die geringste Eigenkapitalquote in Europa. Ausgerechnet jetzt, da wir mehr Wachstum benötigen, um den Sozialstaat stabil zu halten, soll Hand an die Unternehmen angelegt werden. Solche Experimente würden dem Standort schlecht bekommen und auch für den Bundeshaushalt teurer. Ich kann die Emotionen verstehen. Ich bin aber nicht bereit, die ökonomischen Konsequenzen auszublenden. Ich will auch auf eines hinweisen: Das Steueraufkommen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren ständig gestiegen, und zwar nicht deshalb, weil wir die Steuern erhöht hätten. Grund dafür ist die wachstumsfreundliche Politik der Regierung.
BZ: Die SPD-Bundesländer planen eine Initiative im Bundesrat zur Wiedereinführung der Vermögensteuer. Komm die Schwarz-Gelb unter Handlungsdruck?
Wissing: Die Vermögensteuer gefährdet Arbeitsplätze in Deutschland. Sie ist außerdem nur mit hohem Verwaltungsaufwand zu erheben. Eine Vermögensteuer würde die Substanz von Betrieben belasten, was unmittelbar zu Stellenabbau führen muss. Solch eine Politik ist aus sozialen Gründen nicht zu verantworten. Deshalb wird die Koalition ein Bollwerk gegen höhere Steuern errichten.
BZ: Es gibt sehr vermögende Menschen, die bereit sind, mehr Steuern zu zahlen.
Wissing: Ich empfehle jedem Unternehmer, der sich dafür ausspricht, höhere Steuern zu zahlen, davon Abstand zu nehmen und seinen Mitarbeitern höhere Löhne zukommen zu lassen. Wenn ein Unternehmer zu viel Geld aus seinem Betrieb herauszieht und nicht weiß, was er damit machen soll, zahlt er seine Leute zu schlecht. Jeder Unternehmer, der mehr Steuern zahlen will, sollte von seinen Mitarbeitern mit höheren Lohnforderungen konfrontiert werden.

Autor: rop


7 Kommentare

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Bodo Weis  

Bodo Weis

Registriert seit: 26.05.2009

Kommentare: 862

18. August 2012 - 11:59 Uhr

Herr Wissing,
Deutschland ist nicht nur Weltmeister bei den Exportüberschüssen, sondern spiegelbildlich auch bei den Importdefiziten. Erkauft wurde dieser Sieg vor allem durch die viel zu niedrigen Löhne in Deutschland.
Chinas Arbeitnehmer können seit Jahren stetige Reallohnsteigerungen verzeichnen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Importprodukten. Wie sieht es bei uns aus?
„Eine Vermögensteuer würde die Substanz von Betrieben belasten, was unmittelbar zu Stellenabbau führen muss.“ Hier bei uns wird Personal abgebaut auch ohne Vermögenssteuer!!
Unsere Volkswirtschaft hat auf der einen Seite ein riesiges Einkommen und ein riesiges Vermögen, auf der anderen Seite hat sie aber auch 2 Billionen öffentliche Schulden. Ihre Klientel sollte sich an den Kosten wie zum Beispiel Infrastruktur partizipieren. Denn wenn die Infrastruktur nicht in Ordnung ist, werden die „Heuschrecken“ weiter ziehen und somit sind die Arbeitsplätze auch gefährdet (Nokia).
Ach ja zur Erinnerung: In den Beratungen zum Jahressteuergesetz 1997 stellte die damalige Bundesregierung fest, dass es keinen verfassungsrechtlichen Zwang zur Abschaffung der Vermögensteuer gebe. Trotzdem wurde die Vermögensteuer mit Wirkung ab 1997 abgeschafft.
Erwähn sei noch ihr Steuergeschenk an die Gastronomie das ebenfalls dem Bürger weggenommen wurde, den er ist ja der Staat und somit sind es seine Einnahmen die sie im gestohlen haben.

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Gelöschter Nutzer #785503

Registriert seit: 21.07.2012

Kommentare: 21

18. August 2012 - 12:44 Uhr

Wenn die BZ dem nichts entgegenzusetzen hat, dann muss es eben der Bürger machen und diese Absonderung nicht widerstandslos stehen lassen. (Herr Weis, sorry, Sie waren schneller.)

Die FDP. War da nicht was? Ah ja. Mövenpick und ein paar Spenden und schon sind Millionen Subventionen für notleidende Hotelbesitzer möglich. Dumm nur, dass mindestens die Hälfte der FDP Wähler nicht bemerkt haben, dass sie kein Hotel besitzen. Ist aber auch wirklich ärgerlich.

Herr Wissing:
„Schon heute tragen die hohen Einkommen den größten Teil der gesamten Steuerlast.“

Die Lohnsteuer hat einen Anteil von 139.749 Mio. € der gesamten Steuereinnahmen in Höhe von 573.351 Mio. Euro (24,4%) , also nur ein knappes Viertel. Selbst wenn man die veranlagte Einkommensteuer mit 31.996 Mio. Euro addiert, macht die Einkommensteuer gerade 30% der gesamten Steuereinnahmen aus.

Den größten Batzen der Steuereinnahmen macht die Umsatzsteuer (Mehrwertsteuer) aus, nämlich 190.033 Mio. Euro. Diese indirekte Steuer belastet alle Einkommensbezieher vom Hartz IV-Empfänger bis zum Spitzenverdiener und Vermögensmilliardär gleich.

Herr Wissing, wer trägt die grösste Steuerlast?

@Herr Wissing
„Wir haben im deutschen Mittelstand die geringste Eigenkapitalquote in Europa.“

Zitat Diagnose Mittelstand 2012 vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband:
Die Auftragsbücher sind voll, die Kreditdynamik ungebremst – der deutsche Mittelstand begrüßt das neue Jahr trotz schwieriger Umstände optimistisch...

So stieg die Eigenkapitalquote bei mittelständischen Unternehmen aller Größenklassen erneut an. Mit 18,3 Prozent liegt sie auf dem höchsten Stand seit Beginn der Berechnungen 1995.

"Im Jahr eins nach dem Konjunktureinbruch hat die Umsatzrentabilität der mittelständischen Unternehmen – wie erwartet – spürbar zugenommen“, so Heinrich Haasis.

@Herr Wissing
„Die Vermögensteuer gefährdet Arbeitsplätze in Deutschland.“

Die wirtschaftliche und damit steuerliche Leistungsfähigkeit hängt nicht nur vom Einkommen ab, sondern auch vom Vermögen, über das die Steuerpflichtigen verfügen. Die Einnahmen aus den vermögensbezogenen Steuern – dazu zählen insbesondere Grund-, Vermögen-, Erbschaftsteuern - betragen in Deutschland gerade einmal 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist weniger als die Hälfte des Durchschnitts der entwickelten Länder.

Bei einem Freibetrag von 500.000 Euro je Haushalt und einem Steuersatz von einem Prozent auf das den Freibetrag übersteigende Vermögen wird nach neuen Schätzungen des DIW aus dem Jahr 2002 ein Aufkommen von jährlich 15 Milliarden Euro erzielt.

Die vermögensteuerpflichtigen Haushalte verfügen ganz überwiegend zugleich über ein hohes oder sehr hohes Einkommen. Nur knapp drei Millionen Steuerpflichtige sind betroffen – bei knapp 40 Millionen Haushalten und über 80 Millionen Menschen.

Herr Wissing: Es geht nicht um Betriebe und den Mittelstand. Sie werfen Nebelbomben um Ihr Klientel zu schützen. Es geht um die wirklichen Schmarotzer in diesem Land, die das Geld lieber in die Schweiz bringen.

Eine wirklich schützenswerte Spezies. Oh, sorry. Ich habe vergessen. Das sind die Leistungsträger in der Gesellschaft, die von Ihnen natürlich beschütz werden müssen. Praktisch als Zoowärter, damit sie nicht in die Berge entlaufen mit Ihrem schönen Geld.

Herr Wissing, gehen Sie doch schon mal vor. Am besten mit einen großen Schluck aus der Komapulle, äh sorry, aus der Einkommenspulle.

BZ: Bitte, bitte: Führen Sie doch mal ein wirklich kritisches Interview und sind nicht nur Stichwortgeber. Das nennt man Journalismus.

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Michael Kirschner  

Michael Kirschner

Registriert seit: 15.11.2011

Kommentare: 365

18. August 2012 - 13:35 Uhr

@ Herr Wissing. Immer wieder die selben Formeln herunterleiern ist nicht nur nervtötend. Wahrheiten, die bereits Ende der siebziger Jahre überholt waren, werden auch heute durch ständige Wiederholung nicht wahrer und schon gar nicht zur Wahrheit.
Wenn ein FDP Politiker davon spricht, durch eine Mehrbesteuerung der Besserverdiener würde der Mittelstand nachhaltig geschädigt, die Konjunktur gebremst, sollte er sich die Sprüche seiner Parteigenossen aus den vergangenen Dekaden verinhaltlichen und gleichzeitig die Entwicklung des Mittelstandes zu Rate ziehen. Er wird sehen, dass genau diese Wirtschaftspolitik das Sterben des Mittelstandes ausgelöst hat. Begünstigt wurde dadurch die Bildung von Mono- aber zumindest von Oligopolen. Auf dem Markt der Wirtschaftenden hat sich längst eine Situation ergeben, die es den Großen immer wieder ermöglicht, die Kleinen zu schlucken. Zu diesem Phänomen hatte die FDP bislang nicht mehr zu bieten, als eine dröge "selber Schuld" Argumentation. Dabei sollte sie sich bewusst machen, zu welcher Regierungszeit und unter welchen politischen Prämissen der Mittelstand in Deutschland tatsächlich fast zum Zusammenbruch kam. Weriterhin eine Empfehlung in die Zukunft: Wir sind wirtschaftlich schon bis an die Decke gewachsen, haben unsere Produktpaletten in die Breite gebracht (grösseres Produktsortiment) sind dann auch noch in der Tiefe gewachsen (diverse Modellversionen) wohin wollen wir denn noch wachsen? Die künstliche Umsatzmehrung durch Finanzierung und Leasing ist auch schon ausgereitzt und zwar bis dahin, dass schon mit nicht mehr einlösbaren Forderungen gehandelt wurde. Gerade letzteres sollte uns darüber nachdenken lassen, ob ein Umdenken in die Richtung der Werterhaltung nicht mehr Sinn macht, als das krampfhafte Hochhalten von Wachstumsdenken. Zumal die Werkzeuge, Leasing und Finanzierung die Volkswirtschaft genug gekostet haben und mit ihnen eine reales Wachstum nicht mehr produzierbar ist.

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Peter Matulla

Registriert seit: 18.09.2010

Kommentare: 540

18. August 2012 - 13:42 Uhr

Inhaltlich lässt sich der Artikel auf zwei Worte und ein Gleichheitszeichen zusammendampfen:

Vermögensabgabe = Wachstumsbremse

Welches Wachstum da gebremst wird bleibt allerdings offen, vielleicht ist es ja das Wachstum sozialer Gerechtigkeit.

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Bert Pavel

Registriert seit: 19.07.2012

Kommentare: 328

19. August 2012 - 14:00 Uhr

Herr Matulla, es geht noch kürzer: Herr Wissing Sie sind ein
Parteischwätzer! Ergebnis: 3%

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Peter Matulla

Registriert seit: 18.09.2010

Kommentare: 540

19. August 2012 - 17:29 Uhr

Herr Pavel, ja, es drängt sich der Verdacht auf, dass es bei bestimmten Interviewpartnern einen Zusammenhang zwischen der Vokabel „Vermögensabgabe“ und einer „Negativwachstumsbremse an Inhaltlosigkeit“ gibt. Und meine Befürchtung ist, dass sich dies sogar empirisch nachweisen lässt.

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Gregor Bähr

Registriert seit: 19.08.2011

Kommentare: 398

19. August 2012 - 18:41 Uhr

Wer sich, wie Herr Wissing, solche Gedanken um "Wachstumsbremsen" macht, hat sicher auch Interesse am Gegenteil:

Die größte Wachstumsbeschleunigung sind deutliche Lohnerhöhungen für die unteren Einkommensgruppen.
Die, die alles sofort verbrauchen (müssen), und nichts übrig haben, um es in die Schweiz oder auf die Bahamas zu verschieben.

Herr Wissing, übernehmen sie.
Beenden sie wenigstens die Dauer-FDP-Blockade beim allgemeinen Mindestlohn.

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