Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. Juni 2010

Zwischen Polemik und Diplomatie - Islam-Angst in Europa

Interview mit der Historikerin Almut Höfert von der Universität Basel

  1. Der Eroberer Konstantinopels: Mehmed II. Die oberen Münzen sind aus Byzanz, die Muslime übernahmen das Königsmotiv (siehe unten) in der islamischen Frühzeit. Foto: akg/BZ/Privat

  2. Almut Höfert Foto: -

  3. Foto: -

ebatten über die Verschleierung muslimischer Frauen in Europa, ein Minarettverbot in der Schweiz, Furcht vor islamistischem Terror: Kein Kulturkreis beschäftigt die westliche Welt so sehr wie der islamische. Welche Gründe es hat, dass sich viele Europäer so sehr an der muslimischen Welt reiben, wollte Annemarie Rösch von der Historikerin und Islamwissenschaftlerin Almut Höfert wissen. Sie ist Assistentin am Historischen Seminar in Basel und arbeitet an ihrer Habilitation zum Thema Kaisertum und Kalifat. In den Jahren 2005 bis 2007 forschte sie in Kairo, später am Wissenschaftskolleg in Berlin.

D

BZ: Die Schweizer haben erst kürzlich dafür gestimmt, dass keine Minarette in der Schweiz gebaut werden dürfen. Auf Kampagnenplakaten glichen die Minarette Raketen. Warum ist die Furcht in Europa so groß vor dem Islam?

Höfert: Feindbilder gehören zu den meisten Gesellschaften dazu. Nach dem Ende des Kommunismus war das gängige Feindbild verschwunden, schon kurze Zeit später tauchte wieder vermehrt der Islam als Feindbild auf. Das hat sich natürlich nach den Anschlägen vom 11. September noch einmal verschärft.

Werbung


BZ: Auch Historiker wie Hans-Ulrich Wehler oder Egon Flaig warnen vor dem Islam. Wehler meint, Muslime seien kaum in die deutsche Gesellschaft integrierbar. Flaig sagt, der Islam strebe nach Welteroberung. Diese Kritik müssen wir doch ernst nehmen?

Höfert: Jede Ideologie, jede Religion, lässt sich von Extremisten missbrauchen. Wir haben das im Kommunismus gesehen. Auch im Hinduismus gibt es Fanatiker, die für ihren Glauben zu töten bereit sind. Doch auf den Islam reagieren viele Europäer besonders sensibel. Das hat auch historische Wurzeln: Es gibt bei uns nämlich eine lange Tradition, den Islam als Gegenentwurf zu Europa zu sehen. Das beginnt im 7. Jahrhundert. Nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 begannen die Muslime ihre Eroberungen. Über Nordafrika drangen sie bis ins heutige Frankreich vor. Das byzantinische oder oströmische Reich mit Sitz in Konstantinopel verlor damals einen großen Teil seines Territoriums im Nahen Osten. Dieser Verlust wurde apokalyptisch gelesen. Man glaubte, mit den Muslimen sei der Antichrist gekommen, der das in der Bibel prophezeite Ende der Welt einleitet.



BZ: Diese schnelle Expansion der Muslime spricht aber für eine gewisse Aggressivität der Religion.

Höfert: Im oströmischen Reich waren die Muslime auch deshalb so erfolgreich, weil manche Christen unter ihrer Herrschaft mehr Freiheiten erhielten als unter den Byzantinern. Die Muslime erhoben für alle Christen eine Sondersteuer, die Dschizya. Ansonsten konnten sie ihren Glauben frei leben. Im byzantinischen Reich dagegen hatten es die sogenannten monophysitischen Christen wie etwa die Kopten schwer. Grob gesagt, glauben Monophysiten, dass Christus nur eine Natur hat, während die oströmische Kirche davon ausging, dass Christus sowohl göttlicher wie menschlicher Natur ist. In Byzanz war man nicht gewillt, eine andere Sicht auf die Natur Christi zu akzeptieren. Es galt dort das spätantike Prinzip: ein Reich, ein Gott, ein Kaiser, ein Glaube. Das Ziel war, die Welt diesem Kaiser Untertan zu machen. Andersgläubige Christen hatten da keinen Platz.

BZ: Im Islam gab es doch ein ähnliches Denken. Galt dort nicht auch das Prinzip, ein Gott, ein Kalif, ein Glaube, eine Gemeinde?

Höfert: Das stimmt. Die Muslime haben das Herrschaftsmuster der Byzantiner übernommen. Wie das römische Reich sollte auch das muslimische ein Weltreich sein. Es gibt allerdings einen Unterschied. Die Muslime akzeptierten, dass die Anhänger der Buchreligionen, das sind nach muslimischer Auffassung Christen und Juden, ihren Glauben ausüben können, nur sollten sie eben eine Sondersteuer entrichten.

BZ: Das klingt alles sehr tolerant. Wie ist dann allerdings der Konflikt zwischen islamischer Welt und Europa zu erklären?

Höfert: Auf beiden Seiten gab es den Wunsch nach Expansion, man denke nur an die Kreuzfahrer, die mit dem Ziel aufbrachen, Jerusalem unter ihre Herrschaft zu bringen. Als die türkisch-osmanischen Sultane im 15. Jahrhundert dann große Teile der islamischen Welt eroberten, übernahmen auch sie die Idee der Universalherrschaft. Bald standen sich Osmanen und das Habsburgerreich als zwei große Konkurrenten auf dem Balkan gegenüber. Die Handelsmacht Venedig führte ebenfalls Kriege gegen die Osmanen und wurde von ihnen zu einer Landmacht degradiert. Das Bild der Muslime in Europa wurde in dieser Zeit entscheidend geprägt. Eine Rolle spielte auch die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Nicht die Bibel war das erste Erzeugnis der Druckpresse, sondern eine polemische Schrift gegen die Türken aus dem Jahr 1455.

BZ: Was war der Anlass?
Nur zwei Jahre zuvor hatten die türkischen Osmanen die Hauptstadt von Byzanz, Konstantinopel, erobert. Apokalyptische Deutungen lebten wieder auf: Auch jetzt glaubte man, der Antichrist sei gekommen. Es gab eine ganze Reihe solcher Türkendrucke. Mit der Propaganda wollte man auch verhindern, dass die Untertanen im Habsburgerreich zu den Osmanen überlaufen. Für viele ungarische Bauern war die Osmanische Herrschaft attraktiver. Die Osmanen zogen zwar Steuern ein, ansonsten überließen sie ihre Untertanen weitgehend sich selbst.

BZ: Inwieweit haben sich die beiden Kulturen trotz Kriegen gegenseitig befruchtet?

Höfert: Parallel zu den kriegerischen Auseinandersetzungen gab es immer Bemühungen, Konflikte mit Diplomatie zu lösen. Man kann sogar sagen, dass sich im Streit mit den Osmanen die europäische Diplomatie entscheidend mitentwickelte. So schickte man an den Hof des Sultans Diplomaten, die Kontakte pflegten und zugleich herausfinden sollten, was die Osmanen planten. Venedig musste mit den Osmanen auch Bündnisse schließen, um weiterhin Handel betreiben zu können. Als das Osmanische Reich im 18. und 19. Jahrhundert immer schwächer wurde, holte der Sultan britische, französische und deutsche Berater an den Hof. Sie sollten Wege zu Reformen aufzeigen. Es gab also immer vielfältige Verflechtungen zwischen Europäern und Muslimen, die sowohl kriegerischer, aber auch diplomatischer Natur waren.

BZ: Islam-Kritiker führen an, dass es im Islam keine Trennung zwischen Staat und Religion gibt wie im Christentum. Sie sehen darin eine Wurzel für Intoleranz gegenüber Andersgläubigen. Stimmt das?

Höfert: Nein. Wenn wir das Ganze historisch betrachten, ergibt sich ein anderes, sehr viel komplexeres Bild. Als Kaiser Konstantin 332 als erster oströmisch-byzantinischer Kaiser zum Christentum übertrat, war er politischer und religiöser Führer zugleich: Das war typisch für die Spätantike. Gleichwohl gab es das Christentum schon 300 Jahre lang. In dieser Zeit hatte sich die Vorstellung entwickelt, dass die Bischöfe und Priester exklusiv zwischen Gott und den Gläubigen vermitteln. Sie hatten also schon in gewisser Hinsicht eine unabhängige Rolle, als die Kaiser zum christlichen Glauben übertraten. Zudem saß der Kaiser in Konstantinopel, der Papst in Rom. Es gab also auch eine räumliche Trennung zwischen Kaiser und dem Westteil der Kirche. Die Rolle der Bischöfe und des Papstes stand daher von Beginn an in einem Spannungsverhältnis zur politisch-religiösen Herrschaft des Kaisers. Im Islam gab es am Anfang hingegen noch keine religiöse Elite, die dem Kalifen seine aus der christlichen Spätantike übernommene politisch-religiöse Führungsrolle streitig machte. Bald wurden aber auch im Islam politisch-weltliche Angelegenheiten von der Religion getrennt. Der Kalif in Bagdad, der oberste Führer der Muslime, verlor die politische Macht, als im 10. Jahrhundert die schiitische Militärdynastie der Buyiden Bagdad eroberte. Damals hatten die Rechtsgelehrten bereits die religiöse Macht übernommen, das heißt, sie waren für die Auslegung der Religion verantwortlich. Der Kalif war unter buyidischer Herrschaft nur noch das symbolische Oberhaupt über Religion und "Staat". De facto gab es daher unter dieser symbolischen Einheit eine Trennung zwischen Politik und Religion. Sie wurde jedoch anders ausgedrückt als in Europa, wo es die Institution der Kirche gab, die ihrerseits übrigens auch weltliche Aufgaben übernahm.

BZ: Wie kommt es aber dann, dass heute auch Muslime, allen voran Islamisten, selbst sagen, es gebe keine Trennung zwischen Staat und Religion im Islam?

Höfert: Die Idee, dass es im Islam keine Trennung zwischen Staat und Religion gibt, ist vor allem in Reaktion auf den europäischen Kolonialismus entstanden. Als Franzosen und Briten weite Teile der islamischen Welt im 19. und 20. Jahrhundert eroberten, begannen sich muslimische Reformer zu fragen, warum die Muslime früher so erfolgreich waren und mit einem Mal nichts mehr Europa entgegenzusetzen hatten. Sie gelangten zum Ergebnis, dass die Einheit von religiöser und weltlicher Macht zu Beginn der islamischen Expansion für den Erfolg verantwortlich war und stellten das Postulat auf: Im Islam gibt es keine Trennung von Staat und Religion. Auch der Islamismus hat sich aus dieser Reformbewegung entwickelt und diese Idee übernommen. Er verspricht sich davon, zur alten Größe der frühislamischen Zeit zurückzukehren.

BZ: Insgesamt zeichnen Sie ein differenziertes Bild über den islamischen Kulturkreis. Warum sehen das Historiker wie Wehler anders?

Höfert: Das Problem ist, dass die meisten Historiker nicht in der Lage sind, die arabischen oder türkischen Quellen zu lesen. Sie greifen also in der Regel auf alte Deutungsmuster zurück, die dann reproduziert werden. Die Islamwissenschaftler wiederum, die die Quellen lesen können, sind eine kleine Gruppe, die ein weites Feld abdecken muss und daher kaum Kapazitäten hat, sich auch noch mit der europäischen Geschichte auseinanderzusetzen. In jüngerer Zeit gibt es in beiden Wissenschaften aber allmählich ein Umdenken. Auch in der arabischen Welt gibt es Historiker, die international anerkannte Arbeit leisten. Es sind aber noch wenige.

CHRONIK

Europa und die islamische Welt

332 n. Chr. bekehrt sich der byzantinische Kaiser Konstantin zum Christentum

570 wird der Prophet Mohammed geboren

632 stirbt Mohammed, die Muslime erobern Teile des christlichen Byzanz im Nahen Osten. Ihre Führer sehen sich als politische und weltliche Herrscher. Sie tragen den Titel Kalif.

945 erobert die schiitische Militärdynastie der Buyiden Bagdad. Der Kalif wird entmachtet. Er ist von diesem Zeitpunkt an nur noch das symbolische Oberhaupt von Religion und Staat

1096 erster christlicher Kreuzzug nach Jerusalem

1187 setzt Salah ad-Din (Saladin) der christlichen Herrschaft in Jerusalem ein Ende

1453 erobern die türkischen Osmanen Konstantinopel. Bald beherrschen sie den Nahen Osten, Nordafrika, den Kaukasus und den Balkan. Dort treten sie in Konkurrenz zum Habsburgerreich

1529 und 1683 stehen die osmanischen Türken vor Wien, sie werden jedoch zurückgeschlagen

1798 Napoleon landet in Ägypten, verlässt es aber noch im selben Jahr. Dieses Datum wird dennoch als Beginn der Kolonialherrschaft in Nordafrika und dem Nahen Osten gesehen

1830 erobern die Franzosen das Gebiet des heutigen Algeriens von den Osmanen, bis ins 20. Jahrhundert dehnen Franzosen und Briten ihre Herrschaft weiter aus

Im 19. Jahrhundert beginnen im Osmanischen Reich als Reaktion auf territorialen Verluste Reformen. Briten, Franzosen und Deutsche beraten

1924 Ende des Osmanische Reich, Atatürk gründet die moderne Türkei

1962 wird Algerien als letzte Kolonie in Nordafrika und dem Nahen Osten unabhängig  

Autor: ar

Autor: ar