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05. Januar 2010

Anderen Freiheit geben

GESPRÄCHE IM ORBIT: Die Schauspielerin Nicola Schößler spielt in "Die Kontrakte des Kaufmanns".

  1. Nicola Schößler lebt in Berlin, ist in Freiburg zu Gast Foto: Thomas Kunz

Nachdem Nicola Schößler ihre Ausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen abgeschlossen hatte, bekam sie Angebote von verschiedenen Staats- und Stadttheatern, Mitglied im festen Ensemble zu werden. Sie sagte alle ab für die Aussicht auf einen zweieinhalbwöchigen Kurs bei Ariane Mnouchkine in Paris. Aus zwei wurden immerhin sechs prägende Wochen am "Theâtre du Soleil". Schon als Schülerin hatte sie im Französischunterricht den Mnouchkine-Film "1789" gesehen. Was sie damals so entscheidend berührt und den Ausschlag für ihre Berufswahl gegeben hatte, konnte sie nun in der legendären Cartoucherie aus der Nähe beobachten und erleben. Es waren, sagt sie heute, die Unbedingtheit der Form, die Kraft traditioneller Theatergesetze, die größtmöglicher Kreativität Raum geben, die Kunst das richtige Maß in allem zu finden, die sie so tief beeindruckten.

Im Café hat Nicola Schößler eine zarte Stimme. Oft unterbricht sie sich im Reden, setzt neu an oder lässt den Satz unfertig auslaufen, begleitet von einer luftigen Handbewegung – als wolle sie das Gesagte, kaum ist es ausgesprochen, schon wieder vom Tisch wischen, weil es nicht das zu Sagende war. Um den Hals hat sie einen grob gestrickten, grün-blauen Schal gewickelt, der ihre Haut noch feiner und schützenswerter wirken lässt. Ihre sehr blauen Augen ruhen selten länger auf demselben Fleck. Wir mäandern durch ihre Biografie.

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Von Paris ging sie nach Brüssel zu Wim Vandekeybus, zu dem sie noch einmal zurückkehrte, um Regie für das Solostück "s Nachts" nach Aufzeichnungen von Djuna Barnes zu führen. Sie hatte Gastengagements am Schauspielhaus Bochum, am Düsseldorfer Schauspielhaus, in Brüssel und am Staatstheater in Mainz. Fest ließ sie sich nur für das Faust-Ensemble von Peter Stein unter Vertrag nehmen, dem sie in den Jahren 2000 bis 2002 angehörte. In dieser Zeit hatte sie auch eine ihrer wichtigsten Begegnungen am Theater. Nicola Schößler könnte lange über den Regisseur Klaus Michael Grüber reden, mit dem sie in jener Zeit als Schauspielerin und später als Regieassistentin am Wiener Burgtheater zusammenarbeitete. Aber sie pfeift sich nach wenigen Sätzen zurück. Es sei ein wenig lächerlich, so viele Worte um den im Sommer 2008 verstorbenen Regisseur zu machen, befindet sie, weil ja jeder, der mit ihm Kontakt hatte, vom Zauber schwärme, der auf seiner Arbeit lag. Deshalb versucht sie zusammenzufassen, was das Einschneidende an der Erfahrung war. Nämlich von jemandem geleitet zu werden, der genau weiß, was er will, gleichzeitig aber ganz viel Raum gibt. Und dann gerät sie doch noch selbst ins Schwärmen von dem, was sie als "das Geheimnis, anderen Freiheit zu geben" beschreibt.

Inzwischen lebt Nicola Schößler, die auch in verschiedenen Kino- und Fernsehfilmen, unter anderem in "Heimat 3" von Edgar Reitz, zu sehen war, in Berlin. Sie gibt Gastspiele und ist immer wieder beteiligt an Projekten des dokumentarischen Theaters von Hans-Werner Kroesinger am Berliner Theater "Hebbel am Ufer".

Manchmal lächelt die Schauspielerin auch das Gesagte weg, als wären ihr die Windungen des eigenen Lebenslaufs zu viel zum Erzählen, als hätte es sich eigentlich gehört, irgendwann sesshaft zu werden. Jedoch, sie blieb mit dieser Art des unsteten Lebens der Kinderphantasie treu: "Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste woanders leben, in einer Zirkusfamilie zum Beispiel."

Zuhause in Berlin war sie nun schon seit zwei Monaten nicht mehr. Zunächst kam sie im Herbst mit Hans-Werner Kroesinger nach Freiburg, um in dem Jugend-Projekt "Ich, Cyborg!?" mitzuarbeiten. Dann sprang sie für die schwangere Schauspielerin Charlotte Müller ein und ist deshalb derzeit in der "Orestie" als Kassandra und Athene zu sehen. Am Samstag hat sie Premiere mit dem Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns" von Elfriede Jelinek, das Joachim Schloemer für das Große Haus inszeniert. Die Probenzeit ist mit vier Wochen extrem knapp bemessen und unser Gespräch muss sie sich abzwacken aus einem engmaschigen Tagesplan. Viel will sie über die Inszenierung nicht verraten. Fest steht jedoch, dass keine Vorstellung in ihrem Ablauf einer anderen gleichen und den Schauspielern ein hohes Maß an Flexibilität abverlangt werden wird.

Ob stet oder unstet, frei oder fest im Ensemble, das spielt für Nicola Schößler heute nicht mehr so eine große Rolle wie in ihren Anfangszeiten, als Stadttheater ihr zu starr und konservativ erschienen. Wichtig sind ihr Erfahrungen, wie sie sie zuletzt mit den Jugendlichen im Cyborg-Projekt am Theater Freiburg gemacht hat. Zu sehen, wie junge Leute das Theater als jenen einzigartigen Ort entdecken, der Raum gibt und Freiheit, Themen auf bis dahin ungeahnte Weise zu ergründen.

– Premiere: "Die Kontrakte des Kaufmanns". Samstag, 9. Januar, 19.30 Uhr, Theater Freiburg, Großes Haus.
Karten über den BZ-Kartenservice: Tel. 01805/55 66 56

Autor: Kathrin Kramer