Porträt

Bettina Grahs spielt in „Endstation Sehnsucht“ am Theater Freiburg

Kathrin Kramer

Von Kathrin Kramer

Do, 09. Februar 2017

Theater

VOR DER PREMIERE: Gespräch mit Schauspielerin Bettina Grahs, die am Theater Freiburg bei "Endstation Sehnsucht" mitwirkt.

Vor zehn Jahren waren wir schon einmal verabredet. Wir trafen uns vor der theatereigenen Raumsonde namens Orbit, die ihre Fühler damals nach Freiburg-Weingarten ausgestreckt hatte. Dort stand Bettina Grahs lächelnd an die mit Graffitis besprühte Wagenwand gelehnt in Pose für den Zeitungsfotografen, umringt von Halbwüchsigen, deren coole Anmache sie lässig konterte. Als Performerin hatte sie bereits ein paar Jahre Erfahrung in der Freien Szene, als Schauspielerin im festen Ensemble war sie gleichwohl neu. Sie blieb knapp fünf Jahre am Freiburger Theater, und der Faden nach Freiburg riss nie ganz ab. Zum Ende der Intendanz von Barbara Mundel steht sie nun noch einmal auf der Bühne im Kleinen Haus: als Stella in Tennessee Williams’ Stück "Endstation Sehnsucht".

Die ziemlich schwarzen Augen, die roten Locken, das Lachen über sich selbst und der Ernst in der Sache sind gut in Erinnerung geblieben. Ebenso wie einige ihrer Rollen: zum Beispiel die Toni in Jarg Patakis und Viola Hasselbergs Inszenierung von "Die Buddenbrooks" (2009) oder die Sozialarbeiterin am Rande des Nervenzusammenbruchs in Marcus Lobbes’ preisgekrönter Uraufführung von "Kaspar Häuser Meer" (2008). Vier Jahre lang hatte sie im Anschluss an ihr Studium der Kulturwissenschaften und Ästhetischen Praxis in Hildesheim zunächst an freien Theaterprojekten mitgewirkt und selbst ein Performancekollektiv gegründet, als sie 2006 nach Freiburg kam. Hier betrat sie zum ersten Mal die große Bühne, war mehr als Schauspielerin denn als Performerin gefordert.

Und weil in Freiburg Performance und Schauspiel eng beieinander liegen, bot das Freiburger Theater ein ideales Umfeld für sie. Neu war die Arbeit an vorgegebenen Rollen, das intensive, kontinuierliche Zusammenspiel mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch und ganz grundlegend, das erzählt sie rückblickend im Theatercafé, der komplexe Umgang mit Sprache. Tief einzutauchen in Texte, einen eigenen Zugang zu finden zu vorgegebenen Worten, über Sprache und ihre Musikalität Inhalte zu verstehen und ihnen zu begegnen, das alles sind wichtige Steine im Fundament ihrer heutigen Arbeit. Inzwischen wehrt sie sich gegen die Trennung zwischen Performerin und Schauspielerin. Das Theaterverständnis sei dauernd im Wandel.

Auch Schauspieler reißen die vierte Wand ein zum Beispiel und nehmen direkten Kontakt zum Publikum oder bedienen sich anderer Mittel performativer Praxis. Wenn Bettina Grahs heute auf irgendeiner Bühne steht, ist sie froh, die unterschiedlichen Qualitäten verbinden zu können. Als Performerin kommt ihr die Erfahrung mit genauer Textarbeit zugute und als Schauspielerin die Spontaneität und Flexibilität der Performancekunst. Denn auch auf der Schauspielbühne ist jeder Abend anders. Die eigene Tagesform wechselt ebenso wie die Spieltemperatur im Ensemble.

Für Bettina Grahs hat es sich bewährt, auf Distanz zu bleiben mit ihren Figuren, in "Endstation Sehnsucht" zum Beispiel nicht zu verschmelzen mit der Rolle der Stella Kowalski. "Manchmal schiebe ich, bevor ich spreche, innerlich ein kurzes ‚Stella sagt‘ ein." So erhält sie sich die nötige Neugier, die Lust und das Befremdetsein. Das Verhältnis der Schauspielerin zu ihrer Rolle wechsele von Tag zu Tag, "eine brüchige Sache", sagt sie. "Wenn ich genau wüsste, wie Stella tickt, würde mir langweilig." Jede Identität auf der Bühne zeigt sich wie im echten Leben nicht kontuierlich, nicht komplett. Das Publikum setzt sich "im besten Fall nach dem Baukastenprinzip selbst die Elemente zusammen, je nach dem, was es interessiert".

"Welche Lüge brauche ich, damit es mir gut geht", solchen Überlebensegoismus sieht Bettina Grahs als Motor aller Figuren in Tennessee Williams’ Stück. Stella lebt mit der Brutalität in ihrer Ehe, schlägt sich auf keine Seite und lässt am Ende die Schwester ins offene Messer laufen. Bettina Grahs wollte die Rücksichtslosigkeit verstehen, den Verrat an der eigenen Schwester. Bis ihr klar wurde, dass es nicht darum gehen kann, nur Verstandenes oder Verständliches zu vermitteln, sondern vielleicht mehr noch das Verstörende an einer Figur.

"In jeder Theaterarbeit gewinnt man sein Publikum, indem man sein Herz rein gibt", hatte Bettina Grahs gesagt. Nach zehn Jahren Erfahrung mehr gilt der Satz noch genauso für sie. Auch wenn sie heute ein anderes Wort dafür sucht. "Commitment" fällt ihr ein, aber wir kommen auf keine passende Übersetzung. Vielleicht würden aus der Auswahl der vielen deutschen Begriffe im Lexikon "Bekenntnis" und "Hingabe" am ehesten passen. Theater, sagt sie, unterstützt das "Lebendigsein" und wenn es gelingt, verlassen alle, inklusive sie selbst, es mit einer Erfahrung, die sie, vielleicht unmerklich, verändert hat. Es ist ein Versammlungsort, "der mich rührt und aufwühlt", sagt die Schauspielerin – und "wir brauchen solche Orte mit aller Freiheit, die dazu gehört und kostbar ist, heute unbedingt".

Premiere von "Endstation Sehnsucht": Freitag, 10. Februar, 20 Uhr, Theater Freiburg, Kleines Haus. Info: BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888 und bz-ticket.de