Bewusster Blick nach innen beeindruckt

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Di, 24. März 2009

Klassik

Lörracher Motettenchor führt Bachs Johannes-Passion auf.

Hören wir heute, 285 Jahre nach ihrer Uraufführung in der Leipziger Nikolaikirche, diese Passion, können wir uns in etwa vorstellen, wie die dortigen Lutheraner, die sich in den letzten Jahren in die Passionsmusiken Matthesons, Graupners, Telemanns, Keisers eingehört hatten, nun auf die Musik ihres neuen Kantors reagierten. Sicher war nicht allein die fromme Frau schockiert, die protestierend, wie berichtet wird, aus der Kirche ging, weil ihr die Musik zu opernhaft erschien. Nehmen wir zum Beispiel die Tenorarie "Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel …" aus der veränderten Fassung von 1725, erstaunt uns Heutige, an zeitgenössische Musik Gewöhnte, gleichwohl die kompositorische Radikalität des Satzes, wie kurz zuvor die tänzerische Heiterkeit der Sopranarie "Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten…" verwunderte, weil sie in dem Moment gesungen wird, wo das Geschehen sich zuspitzt. Überraschungen, die bis heute nichts an Wirkung eingebüßt haben.

Am Sonntagabend waren sie in der Lörracher Kirche St. Peter zu hören, als der Lörracher Motettenchor und das Barockorchester L’arpa festante (Konzertmeister Christoph Hesse) unter Stephan Böllhoffs Leitung die zweite Fassung der Passion aufführten. Dank des Burghofs konnte der Chor sich das professionelle Orchester leisten, durch dessen Spiel eine lebendige Interpretation erleichtert wurde.

Böllhoff favorisiert einen ruhigen, ausgleichenden Ton

Böllhoff favorisiert, anders als sein Basler Kollege Markus Teutschbein am Abend zuvor im Münster, einen ruhigen, ausgleichenden Ton, also eine Interpretation, die bewusst nach innen schaut. Deutlich hörbar wurde diese Sicht in der Art, wie Oliver Haux die Rolle des Jesus versteht, nämlich, der alten Tradition gemäß, als Schmerzensmann und Leidenden, dessen Rechtfertigungen vor Pilatus zur resignierenden Unterwerfung werden.

Georg Gädker als Pilatus ließ sich davon beeinflussen und war einmal der Verständnisvoll-Gütige, gleich darauf jedoch auch der, der die Macht hat, kreuzigen zu lassen. Von beiden beeindruckend intensiv und schön gesungen, doch Bachs Vorstellung von Christus als Herrscher widersprechend. Hans Jörg Mammel war ein spannend "erzählender" Evangelist, stimmlich souverän und nuanciert die Stimmungen des Textes und der Musik aufgreifend und sie sensibel aussingend. Ein Glücksfall waren die Sopranistin Regina Kabis und die Altistin Ursula Eittinger; ihnen zuzuhören war beeindruckend und schön zugleich. Wunderbar Eittingers Zwiegespräch mit dem Gambisten Gregor Anthony in der Arie "Es ist vollbracht!"

Und der Lörracher Motettenchor? Er machte "seine Sache" ausgezeichnet. Sang klar artikulierend, beweglich in den Tempi, sicher in der Intonation und differenziert in der Dynamik. Sein Gesamtklang blieb in jederzeit homogen, Stephan Böllhoffs intensive Probenarbeit uneingeschränkt umsetzend. Und die war auch in den präzisen Einsätzen zu hören und im auf die Texte bezogenen Singen der Choräle. Ein Großteil des langen Schlussbeifalls darf der Chor für sich beanspruchen.

Bleibt ein kurzes Nachwort: Es ist erfreulich, dass Bachs Passion unterschiedliche Deutungen zulässt. Teutschbein mit seiner Knabenkantorei und dem Orchester "Die Freitagsakademie" setzten auf höchst aggressive Chöre und einen vor dem nahen Tod ungebrochen selbstbewussten Jesus. Böllhoffs Sicht ist, wie beschrieben, ein andere. Beider Sichtweisen an zwei aufeinander folgenden Abenden zu hören, war richtig spannend. Gelegentlich wird die Arbeit eines Kritikers zum abwechslungsreichen Abenteuer.