Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Juli 2012

Abschied

Carsten Klomp: „Ich habe Angst, dass Stellen wegbrechen“

BZ-INTERVIEW: Zum Abschied von Landeskantor Carsten Klomp.

  1. Carsten Klomp Foto: Pro

Mit Puccinis "Messa di Gloria" verabschiedet sich Carsten Klomp als für Südbaden zuständiger evangelischer Landeskantor. Künftig wird er als Professor für Orgel an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg wirken. BZ-Redakteur Johannes Adam sprach mit Klomp über dessen Freiburger Jahre.

BZ: Herr Klomp, wie empfanden Sie das hiesige Musikleben, als Sie 1995 von Bremerhaven nach Freiburg wechselten?
Carsten Klomp: Die Unterschiede konnten kaum extremer sein. In Freiburg habe ich an einem Tag auf der Straße mehr Leute mit Geige unter dem Arm gesehen als in drei Jahren Bremerhaven zusammen.
BZ: Würden Sie, wenn Sie die Wahl hätten, nochmals nach Freiburg kommen?
Klomp: Unter dem Aspekt der Musik ist Freiburg die wesentlich spannendere Alternative. Andererseits ist man in Freiburg immer nur einer von vielen. In Bremerhaven war der Kantor der Christuskirche ein ganz zentraler Kulturfaktor.
BZ: Freiburg hat viele leistungsfähige Chöre. Aber ist die durch die Stadt gewährte Chorförderung wirklich hilfreich?

Werbung

Klomp: Die Menge der Chöre hat zur Folge, dass für den einzelnen Chor nicht sehr viel Geld da ist. Für meine Arbeit war es vergleichsweise wenig: Ich habe für meine komplette Arbeit mit zwei Chören 5000 Euro bekommen. Andere Chöre kriegen fünfstellige Beträge für einen Chor. Ich habe mich lange gegen das alte Fördersystem gewehrt, das sieben Chöre umfasste. Damals haben diese Chöre je 20 000 Mark erhalten, was sehr viel war. Ich habe für eine objektivierbare Förderung gekämpft. Das ist nur begrenzt geglückt. Die zu verteilende Summe wurde kleiner und die Bürokratie größer. Es gibt jetzt ein anderes Fördersystem. Ich halte es für besser, aber noch nicht für gut.
BZ: Um Doppelungen zu vermeiden, werden bei der Stadt die Programme der Konzertchöre koordiniert. Aber Sie haben sich darüber beklagt, dass das nicht richtig funktioniert. Woran lag es?
Klomp: Es gab nicht die Möglichkeit, mal über Termine zu reden. Die Manövriermasse wurde immer kleiner. Ich habe mich dann aus dieser Sache ausgeklinkt.
BZ: Sie waren 17 Jahre Landeskantor. Hat sich in dieser Zeit etwas verändert?
Klomp: Die Musiklandschaft ist dichter geworden. Es wird viel geboten. Manchmal frage ich mich, ob wir nicht langsam an einem Punkt sind, wo es zu viel ist.
BZ: Der Kannibalisierungseffekt.
Klomp: Genau – auch meine eigene Arbeit hat ja zu der heutigen Termindichte beigetragen.
BZ: Sind Sie mit Ihren Freiburger Jahren zufrieden?
Klomp: Es war eine spannende, erfolgreiche Zeit. Ich habe einiges erreicht.
BZ: Nach Ihrem Abschied wird es kein Landeskantorat für Südbaden mehr geben. Wo sitzt künftig der Chef der evangelischen Kirchenmusiker?
Klomp: Wir werden das bisherige Landeskantoratsmodell, das bisher ja ein regionales ist, auf ein inhaltliches umbauen. Es gibt keinen Regionalchef mehr, sondern drei inhaltlich unterschiedliche Landeskantorate. Ich selbst bin für den haupt- und nebenberuflichen Ausbildungsbereich zuständig.
BZ: Sie werden in Heidelberg Professor für Orgel, tauschen somit die gottesdienstliche Musikpraxis gegen die Lehre ein. War das Ihr Wunsch?
Klomp: Ich habe ja immer unterrichtet. Bei der Praxis wird mir sicher etwas fehlen. Da werde ich mir Ersatz suchen. Ich bin mit Leib und Seele Kirchen- und Gottesdienstmusiker. Aber nach 17 Jahren musste einfach nochmal was kommen.
BZ: Was ist Kirchenmusik für Sie?
Klomp: Gottesdienstliche Musik ist für mich zentraler Bestandteil der Verkündigung. Wenn ich im Gottesdienst Orgel spiele, versuche ich die Stimmung, die durch Texte und liturgischen Vorgaben gegeben ist, aufzunehmen und musikalisch zu verstärken. Das mache ich vor allem improvisatorisch.
BZ: Bei Kirche und Kirchenmusik wird gespart. Macht Ihnen das Sorgen?
Klomp: Mir wäre es am liebsten, wenn wir wie bei Beamten sagen könnten: Du machst einen vollen Dienst und kriegst dafür ein volles Gehalt. Die Sparwut der Kirche ist gerade in Baden noch überschaubar. Mit der Kirchenmusik haben wir ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Das wird von der Kirche auch wahrgenommen. Ein Problem ist, dass Kirchenmusiker vor Ort angestellt werden, Pfarrer et cetera aber bei der Landeskirche. Das führt dazu, dass man von der Kirchenmusik vor Ort vor allem die Kosten sieht. Ich habe nicht Angst, dass gespart wird, sondern davor, dass hier und da Stellen einfach ungeordnet wegbrechen.
BZ: In Ihrem Freiburger Abschiedskonzert kombinieren Sie Puccinis "Messa di Gloria" mit Borodins erster Sinfonie. Kein sehr protestantisches Programm...
Klomp: Richtig! Wir sind ja auch in der katholischen Herz-Jesu-Kirche. Ich bin immer überzeugter Ökumeniker gewesen. Gerade in der Kirchenmusik gibt es viel mehr Verbindendes als Trennendes. Puccini und Borodin sind ein persönliches Programm.

– Abschiedskonzert, Freiburg, Herz-Jesu-Kirche, Sonntag, 22. Juli, 20 Uhr. BZ-Kartenservice 0761/4968888.

ZUR PERSON: CARSTEN KLOMP

1965 in Hagen geboren. Studium in Detmold. Kirchenmusiker in Herdecke, danach Kantor in Bremerhaven. Seit 1995 Landeskantor für Südbaden mit Sitz in Freiburg. Seit 2006 Leiter des Hauses der Kirchenmusik auf Schloss Beuggen. Ab Wintersemester 2012/13 Professor für Orgel in Heidelberg.  

Autor: J. A.

Autor: jad