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27. Juni 2011

Die Banane aus dem Obsthut

"Il trionfo dell’onore": Dominique Mentha inszeniert an der Freiburger Musikhochschule.

  1. Freiburger Musikhochschule: Il trionfo dell'onore Foto: Michael Thürmer

Ist Leonora verlobter als Doralice? Überlebt der Diener Rodimarte die brutale Massage von Rosina? Und wie lange kann der vitale Greis Flaminio dem vehementen Liebeswerben der durchgeknallten Gouvernante Cornelia widerstehen? Alessandro Scarlattis 1718 in Neapel uraufgeführte musikalische Komödie "Il trionfo dell’onore" (Der Triumph der Ehre) sorgt für einige Verwicklungen. Da werden die besten Freunde zu Feinden. Da spielen die Hormone verrückt. Und jeder macht sich mal zum Affen, um sein Liebesziel zu erreichen. Das alles ist höchst unterhaltsam, vor allem wenn es so spielerisch über die Bühne geht wie bei dieser bemerkenswerten Produktion der Freiburger Musikhochschule, die in Zusammenarbeit mit dem Luzerner Theater entstand. Anfang des Jahres feierte die Inszenierung von Dominique Mentha schon in Luzern eine erfolgreiche Premiere. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Christian Kipper, der aus den italienischen Secco-Rezitativen witzige deutsche Dialoge formulierte, entwickelte der Luzerner Intendant eine deutlich gestraffte Fassung, indem er auf ein Drittel der Arien verzichtet, deren Reihenfolge verändert und gelegentlich auf den Don-Giovanni-Mythos Bezug nimmt.

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Bei der umjubelten Freiburger Premiere des Instituts für Musiktheater (Choreographische Mitarbeit: Emma-Louise Jordan) sitzt ein von Gottfried von der Goltz (Violine) und Michael Behringer (Cembalo) geführtes Barockorchester des Instituts für historische Aufführungspraxis in einem Kreis neben der Bühne. Obwohl das Ensemble auf einen Dirigenten verzichtet, klappt das Zusammenspiel mit den acht Freiburger Solisten bis auf wenige Wackler sehr gut. Scarlatti hat dem Orchester wenig Spektakuläres anvertraut. Meist gehen die Violinen collaparte mit den Arien der Sänger. Die Vor- und Zwischenspiele sind kurz und knackig. Das Orchester hält das Tempo des Abends hoch, indem es immer wieder bereits in den gesprochenen Dialogen die nächste Arie startet. Den größten Auftritt hat das homogene, mit einer Oboe ergänzte Streicherensemble beim Duell von Riccardo (Quan Zhou) mit Erminio (Joanne Calmel) kurz vor Schluss. Da erhitzen die Streicher mit dem Säbeltanz von Khatchaturian die Szenerie. Und spielen die schnellen Nachschläge so scharf wie eine ungarische Tanzcombo. Die Stars des Abends sind die Solisten. Schon zur eröffnenden Sinfonia präsentieren sie sich charmant auf dem roten Catwalk (Bühne: Werner Hutterli) als wandelnde Hochzeitstorte (Cornelia), Proletengigolo (Erminio) oder Modepüppchen mit Puffärmeln und Hochsteckfrisur (Doralice). Manche Kostüme von Susanne Boner spielen mit historischen Vorbildern aus der Commedia dell’Arte, die für Scarlattis Komödienentwurf einen wichtigen Bezug darstellte. Johannes Kammler trägt als liebesbedürftiger Diener Rodimarte einen überdimensionalen Renaissancekragen zu roten Bäckchen, Quan Zhou (Riccardo) gibt den Edelmann im grau-weiß-gestreiften Gehrock.

Die jungen Gesangstudentinnen und –studenten machen aus den Figuren echte Typen. Die Französin Joanne Calmel gibt Erminio als breitbeinigen Macho mit Tolle und Koteletten, den man so heute noch in jedem italienischen Park antreffen könnte. Auch musikalisch agiert die äußerste präsente Mezzosopranistin hervorragend, wenn sie mit irrem Blick und gestochenen Koloraturen bei der Arie "Chi vuol tormi la bella" die Messer wetzt. Lena Sutor-Wernich ist mit ihrem vollen, tragfähigen, wunderbar gerundeten Alt eine hochemotionale Leonora, die temperamentvolle Claudia Mundi macht aus Doralice mit ihrem beweglichen Sopran eine ernstzunehmende Nebenbuhlerin mit hohem Zickenpotential. Nur die Hauptpartie des Riccardo wird von der Sopranistin Quan Zhou szenisch wie musikalisch etwas zu eindimensional gestaltet, aber auch ihr Talent bleibt etwa in der tänzerisch genommenen Arie "Sì, che tutta d’amor" nicht verborgen.

Am Ende steht eine Vierfachhochzeit

In den komischen Rollen brilliert Christian Georg als renitente, liebeshungrige Tante Cornelia. Um ihren erbarmungswürdigen Auserwählten Flaminio (hinreißend komisch, allerdings intonatorisch nicht immer sicher: Hyokun Ha) für sich zu gewinnen, greift sie schon mal zu Pistolen und Handschellen. Am Ende füttert sie ihn mit einer Banane, die sie aus ihrem Obsthut zieht. Yunfei Lu ist eine charmante Rosina mit kleinem, aber feinem Sopran. Johannes Kammler macht mit seiner sonoren Sprech- und Singstimme aus Rodimarte einen schmachtenden Diener, den man durchaus heiraten kann. Und leitet mit einer kleinen Reich-Ranicki-Parodie zum grandiosen Finish über, bei dem sich in kürzester Zeit alle Beziehungsprobleme in allgemeiner Heiterkeit auflösen und eine Vierfachhochzeit gefeiert wird. Nur Flaminio sieht mit seiner Banane im Mund nicht so richtig glücklich aus.
– Weitere Vorstellungen: 27. und 29. Juli, 19 Uhr, Freiburger Musikhochschule.

Autor: Georg Rudiger