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13. Dezember 2011
Die Leerstelle
Das Jugendstück "8 Väter" im Werkraum des Theaters Freiburg.
"Der Fleck da : Das ist mein Vater", sagt die Jogginghosenträgerin und zeigt auf das Foto an der Wand, auf dem statt eines Gesichts nur eine verschwommene Leerstelle zu sehen ist. Um diese Leerstelle dreht sich alles in Tina Müllers 2009 in Bremen uraufgeführtem Jugendstück "8 Väter", das jetzt im Werkraum des Theaters Freiburg Premiere feierte (Regie: Frank Oberhäußer). Dabei sollte das Stück besser "8 Ersatzväter" heißen, denn der wirkliche Erzeuger von Protagonistin Nico hat sich vor deren Geburt aus dem Staub gemacht und auch ihre Stief- , Kurzzeit- oder Wahlväter scheitern mächtig in Sachen Liebe und Verantwortung. Aber was ist eigentlich ein richtiger Vater und braucht man so was überhaupt?
Eine existentielle Frage angesichts der immer weiter zunehmenden Zahl an Alleinerziehenden, Scheidungskindern und Patchworkgemeinschaften. Doch statt daraus eine Sehnsuchtsreflexion rund um die Bilderbuchfamilie zu stricken, präsentiert diese rund 90-minütige Inszenierung eine wild zusammengepuzzelte Collage zwischen Fiktion und Realität, die so quicklebendig im Spagat zwischen Drama und Comedy funktioniert, dass einem das Herz aufgeht – und offen bleibt, agieren Marie Bonnet, Jennifer Lorenz und Mathias Lodd doch aus dem Bauch heraus und damit auf Augenhöhe mit ihrer Zielgruppe.
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Als Kulisse braucht’s nicht viel: Ein vollgestellter Küchentisch, ein Wohnzimmersessel und dahinter eine Wand, auf die per Videokamera immer neue Kulissen und Impressionen gebeamt werden. Davor wirbeln die drei Schauspieler in wechselnden Rollen durch Nicos Geschichte, die als szenisches Erzähltheater von hinten aufgerollt wird. Denn während die 19-Jährige noch unerkannt mit klopfendem Herzen vor dem Reihenhaus ihres leiblichen Vaters hockt, erinnert sie sich per Rückschau an all die schrägen Vaterepisoden ihres kurzen Lebens.
"Du und ich – wir sind ein Team, da braucht es keinen Mann im Haus!", verkündet Nicos junge Mutter Rosa – um wenig später schwer verliebt mit ihrem Maradur durch die Wohnung zu hopsen. Und weil Mama endlich glücklich ist, akzeptiert auch die kleine Nico den komischen Kauz. Doch dann wird Halbschwester "Shanti-Terror-Prinzessin" geboren. Immer öfter fliegen die Fetzen, bis Maradur eines Tages zuschlägt und Rosa samt Töchter aus dem Haus flüchten. In die Wohnung von Bernd, der zwar Bock auf Rosa, aber nicht auf ihre Gören hat.
Schon das ist harter Tobak, schließlich geht’s um Gewalt, um Kinderohnmacht und das Fehlen von Geborgenheit. Genau an solch todernsten Stellen zeigt sich die Güte dieser Inszenierung, schafft sie es doch, auf der Ebene der Körpersprache die ganze Wucht unterschiedlicher Gefühle zu transportieren und mit Hilfe grotesker Überzeichnung, wechselndem Sprachduktus und vielen Rollenwechseln immer auch ein gedankliches Schlupfloch für Autonomie und Distanz zu schaffen. Man lacht Nicos schlimme Erlebnisse nicht weg, im Gegenteil – aber man glaubt in diesem Strudel aus Neubeginn und Abschied, Kaputtgehen und sich Neuerfinden an ihre Kraft und dass das Leben auch wieder besser wird.
Die Stationen von Nicos Odyssee sind freilich gar zu krass, um wahr zu sein. Es isst eine Art Biografienkaleidoskop, generiert aus den Interviewrecherchen der Zürcher Autorin, die das Familienthema auch gedanklich zum Experiment erklärt: Vielleicht ist Nicos Vater ja Johnny Cash, dessen Balladen als Leitmotto fungieren? Die Bilderbuchfamilie ist jedenfalls ein Werbetrick. Also guck beizeiten, was du hast und was du draus machst.
– Weitere Aufführungen: 16. und 22.Dezember, 19., 21. und 30. Januar, jeweils um 19 Uhr im Theater Freiburg, Werkraum. Karten unter Tel. 0761/201 2853. Ab 14.
Autor: Marion Klötzer
