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16. Juli 2009

Die Open-Air-Sammlung ist bedroht

Serie Stadtraum (VIII und Schluss): Statt mehr Bildender Kunst gibt es in Freiburg immer mehr Werbung und Schmierereien

  1. Spraybilder an der Schwabentorbrücke Foto: helmut albert

  2. Trockengelegter Brunnen auf dem Lederleplatz im Freiburger Stadtteil Stühlinger Foto: Helmut Albert

Stadtraum ist Lebensraum. So unterschiedlich wie die Menschen, die sich darin bewegen, so verschieden sind die visuellen Ausdrucksformen, die dort zu finden sind: von Kunst über Werbung bis hin zu Schmierereien. Die letzte Folge unserer Serie beschäftigt sich am Beispiel Freiburg mit der Funktion der Bildenden Kunst im Stadtraum. Unser Gastautor Helmut Albert ist bildender Künstler, betreibt die Freiburger Galerie artopoi und ist Sprecher der Interessengemeinschaft freiburg-galerien.de.

In der Nachkriegszeit gab es in vielen deutschen Städten, so auch in Freiburg, Initiativen und Bürgerengagements sowie die Kunst-am-Bau-Regelungen, die dafür sorgten, dass Bildende Kunst nach der kunstfeindlichen Nazizeit die urbane Lebenswelt bereicherte. Gerade in den 80er und 90er Jahren war in Freiburg ein reger Einsatz für Bildende Kunst zu sehen, dessen Resultate auch heute noch von Bedeutung sind. Einige dieser Exponate im Freiburger Stadtraum sind ein Vielfaches dessen wert, was sie einst gekostet haben.

Die unterschiedlichen Kunstwerke im Freien stellen in ihrer Gesamtheit eine Art Sammlung dar, die in einer ständigen "Open-Air-Ausstellung" zu sehen ist und das Stadtbild wesentlich mitprägt. Diese Kunstkollektion im Besitz der Stadt Freiburg, des Landes Baden-Württemberg und von privaten Leihgebern bedarf der Pflege und der Erweiterung mit aktuellen Werken, wenn sie ihre Relevanz behalten oder mehren soll.

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Leider sind seit der Jahrhundertwende kaum nennenswerte Neuerwerbungen zu verzeichnen. Der vorgegebene Sparzwang verhindert die Einbeziehung Bildender Kunst in die Stadtplanung. Das Gesamtbild des Stadtraums wird aber auch schlicht durch Desinteresse am urbanen Lebensraum und Pseudo-Toleranz gegenüber visuellen Verunstaltungen beeinträchtigt. Öffentlicher Raum wird egoistischen, individualistischen und merkantilen Interessen und Eingriffen preisgegeben. So öffnet sich eine Bühne für eitle Selbstdarsteller ebenso wie für die rücksichtslosen und dreisten Vereinnahmungen durch Werbung und Schmierereien. Wie stellt sich die aktuelle visuelle und gestalterische Situation im öffentlichem Raum Freiburgs dar?

Spazieren wir innerhalb des Stadtgebiets an der Dreisam entlang, zum Beispiel von der Schwabentorbrücke bis zur Ochsenbrücke, dann ist der Wust an Spraybildern nicht zu übersehen. Die Unterführung und die Treppe an der Schwabentorbrücke sind ganzflächig chaotisch zugesprüht, ebenso die Kronen- und die Ochsenbrücke. Die Neo-Lüftlmaler, die sich hier (meist) illegal der Flächen bemächtigen, beherrschen leider das Stadtbild an der Dreisam und setzen genau das fort, was die übermächtige kommerzielle Werbung vorgibt. Wie konventionell dabei ihre als unkonventionell gepriesenen Darstellungen sind, ist den Verursachern wohl nicht bewusst. Diese Zwischenräume an der Dreisam sind einfach zu schade, um als riesige Übungsplätze oder Schmierblätter missbraucht zu werden.

Gehen wir weiter in den Stadtteil Stühlinger, dann verflüchtigen sich die Sprayereien etwas, wahrscheinlich wegen der Polizeidienststelle mitten im Stühlinger. Die wichtigsten Plätze sind hier der Stühlinger Kirchplatz und der kleinere Lederleplatz, auf dem sich ein anderes Problem darstellt. Vielen ist der Piazza-artige Raum durch das Architekturforum bekannt, das in einem der angrenzenden Neubauten aus den 80er Jahren beheimatet ist. Dem Programm des Vereins Architekturforum kann man entnehmen, dass hier viele renommierte Architekten, Designer und Künstler ein- und ausgehen. Schon im Interesse des Vereins müsste hier zumindest ein Entwurfsplan zu einer sinnvollen baulichen Alternative vorliegen. Die Frage muss erlaubt sein, ob nicht eine Rückbauung des trockengelegten Brunnens der erste Schritt wäre.

Einige hundert Meter weiter, auf der anderen Seite der Bahnlinie, schaut man von der Terrasse des Theatercafés hinunter auf eines der größten Freiraumareale im Stadtzentrum. Es besteht aus dem Theatervorplatz, dem Platz der Synagoge und Teilen des Rotteckrings. Während an der angrenzenden Universitätsbibliothek schon die neue Fassade ausprobiert wird, ist der Theatervorplatz noch bar jeder Veränderung. Skulpturen von Henry Moore, Walter Schelenz und Robert Schad aus den 50er, 70er und 90er Jahren säumen das große Terrain. Auch wenn Robert Schads Plastik, über der Tiefgarageneinfahrt des Polizeirevier Nord, nicht direkt im öffentlichen Raum steht, so ist sie doch ein Teil dessen und ein gutes Beispiel für ein Werk mit dialogischen Elementen, die mit der Architektur und selbst mit den vorbeirollenden Rädern korrespondieren. Bei der Neugestaltung des Platzes bietet sich an, die vorhandenen Plastiken mit weiteren, den Platz akzentuierenden Kunstwerken zu ergänzen.

Bildende Kunst kann ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sein, verbunden mit hohem Imagegewinn. Das zeigen nicht nur die Nachbarstädte Basel und Karlsruhe, sondern auch mittlere und große Unternehmen weltweit. Solche Unternehmen, die es auch in Freiburg gibt, lassen sich in Kunstangelegenheiten beraten. Sich daran zu orientieren, wäre sinnvoll, wenn es um aktuelle Bildende Kunst und die Auseinandersetzung damit im Stadtraum geht. Visionen sind wichtig (auch im Hinblick auf eine Bewerbung als Kulturhauptstadt) und sie können durchaus im Kontrast zum historischen Freiburg stehen. Die Zeit wird es mit sich bringen, dass Münster, Bächle und traditionelle Events keine ausreichenden Zugpferde im Wettbewerb um Unternehmen, Bewohner und Touristen mehr sind. Alle Folgen der Serie finden Sie unter:www.badische-zeitung.de/stadtraum

Autor: Helmut Albert