Die Risiken der Musik des Momentes

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

Di, 28. April 2009

Klassik

Lauren Newton und Fritz Hauser in Weil am Rhein

Auf dem Tisch liegen Schlägel, Stöcke, Becken und anderes Perkussionsmaterial, das schwer auszumachen ist. Dahinter sitzt aufrecht Fritz Hauser, neben sich die große Trommel aufgebaut, die er gelegentlich leicht schlägt. Mit seinen Projekten hat Hauser der Perkussionsmusik neue Räume geöffnet. Nicht mit Lautstärke und elektronischen Effekthaschereien, sondern mit der Erforschung der Stille ist der Basler bekannt geworden. Die Stille ist integraler Bestandteil seiner Klangwelt, der auf kongeniale Weise die Vokalistin Lauren Newton entspricht. Die beiden haben im Lauf der Jahre in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder zusammengearbeitet. Ihr Duo-Konzert, das dritte einer Reihe, die "Aspekte der Freien Improvisation" erforscht, fand jetzt im Weiler Kesselhaus statt.

Das Konzert war alles andere als vorhersehbar: es gab kein Stück, keine Komposition und keine Absprachen, ganz dem Zweck der Reihe entsprechend, die von Konfrontation, Auseinandersetzung und Widerständen lebt. Davon gab es bei diesem famosen Duo eine Menge, gespeist freilich aus den gemeinsamen Erfahrungen mit den Möglichkeiten und dem Material. Lauren Newton setzt ihre perkussiv orientierte Stimme gezielt mit und gegen Hausers Farbtupfer ein. Fragile Vokalisen entspringen ihr, Atem und Luft verdichten sich rhythmisch. Klar austarierend, fein ziselierend und klar strukturierend agiert der Perkussionist, stets sensibel, konzentriert, aufmerksam. Die Vokalistin schreitet mutig die beiden überschaubaren Publikumsreihen ab, spürt die Energie, verstärkt ihre Laute. Derweil ergeht sich Hauser in kratzende Geräusche, erzeugt durch weiches Beckenspiel, das dunkle Bassfrequenzen ergründet. Nach einer halben Stunde finden die beiden Akteure einen gemeinsamen Abschluss, der in Newtons Ausruf "Disappear" gipfelt.

Mit diesem Verschwinden sind die Aspekte noch nicht zu Ende, im Gegenteil: es werden neue Klangbilder geriert. Die sakrale Stille im Saal setzen die veranstaltenden Vordenker der Reihe, Nicolas Rihs und Hansjürgen Wäldele, auf ihren Instrumenten fort. Rihs ringt durch Manipulation des Mundstücks dem Fagott vokale Qualitäten ab und schreckt auch vor krächzenden Geräuschen nicht zurück. So unkonventionell er sein Instrument handhabt und auch schon mal Luft in und durch die Klappen jagt, so vorsichtig geht Wäldele zu Werke. Seine Oboe bleibt weitgehend dem gewohnten Klangbild verhaftet. Nach Rückkehr des beeindruckenden Duos versuchen nun die vier Musiker gemeinsam, neue Klangfelder zu erforschen, überkommene Gewohnheiten auszuloten. Doch während das Duo gut harmoniert, wie zu erwarten, bleiben die beiden Bläser fast außen vor. Musik, die im Moment entsteht und der Philosophie des Augenblicks erliegt, birgt Risiken, die es gemeinsam zu meistern gilt. Diese Erkenntnis begleitet die komplette Reihe, wie im anschließenden Publikumsgespräch mit den Protagonisten thematisiert wurde.
Nächstes Konzert der Reihe "Aspekte der Freien Improvisation" am 14. Mai, 19 Uhr, im Kesselhaus Weil mit Malcolm Goldstein (v) und Matthias Kaul (dr)