Die Stimmen der Shoah

Josef Lederle, Christoph Arens

Von Josef Lederle, Christoph Arens (KNA)

Fr, 06. Juli 2018

Kultur

Mit 92 Jahren ist der französische Regisseur, Journalist und Autor Claude Lanzmann gestorben.

"Ich liebe das Leben wie verrückt – auch wenn es nicht immer schön ist." Selbst im hohen Alter hat Claude Lanzmann seinen unbändigen Lebenswillen bekundet. Am Donnerstag ist der französische Regisseur, Journalist, Schriftsteller und Widerstandskämpfer im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben. "Mit ihm ist eine der wichtigsten Stimmen des Holocaustgedenkens für immer verstummt", erklärte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in München.

Claude Lanzmann und der Film "Shoah": Das ist eine unauflösliche Einheit. Die 1985 erstmals gezeigt neunstündige Dokumentation, in der der Regisseur die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden durch die Nationalsozialisten in einer mehrere Jahre dauernden Befragung von Opfern und Tätern rekonstruierte, hat ihn weltberühmt gemacht.

Als Nachkomme osteuropäischer Juden wächst Lanzmann in Paris und der Auvergne auf. Als 17-Jähriger wird er Mitglied der Résistance. Doch schon 1948 beginnt er ein Philosophiestudium ausgerechnet in Tübingen und arbeitet als Lektor an der Freien Universität Berlin.

Zurück in Frankreich, schreibt Lanzmann für Modezeitschriften wie Elle oder den France Observateur und L’Express. Er reist nach China und Korea und engagiert sich gegen den Algerienkrieg. Eine Artikelserie über die DDR, die er 1949 bereist, weckt die Aufmerksamkeit des Philosophen Jean-Paul Sartre. Dessen "Betrachtungen zur Judenfrage" sensibilisieren Lanzmann für seine kulturellen Wurzeln.

Der Lebemann wird Teil des Freundeskreises um Sartre und Simone de Beauvoir. Mit ihr unterhält er ab 1952 eine mehrjährige Liebesbeziehung. Er arbeitet auch an der von Sartre und Beauvoir gegründeten Zeitschrift Les Temps modernes mit und wird später Mitherausgeber.

Spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 wird Israel zu Lanzmanns Lebensthema. Mehrere Reisen finden in einer fast tausendseitigen Sonderausgabe der Temps Modernes ihren Niederschlag. Der Film "Warum Israel" erscheint 1973. Er besteht aus Interviews, die in mehr als drei Stunden ein differenziertes Bild der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft zeichnen. Die israelische Regierung wird auf ihn aufmerksam und schlägt ihm ein Projekt über die Shoah vor.

Epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur

"Ich prüfte und fragte mich, was ich über die Shoah wusste. Gar nichts in Wahrheit, mein Wissen war gleich null", beschrieb er sein Zögern. Dennoch sagte er zu und stürzte sich in die Lektüre von Raul Hilbergs Studie "Vernichtung der europäischen Juden" sowie der Akten des Frankfurter Treblinka-Prozesses. Die Gespräche mit Historikern und Zeitzeugen förderten Berge grauenhafter Details zutage, sparten aber Entscheidendes aus: den Tod in den Gaskammern. "An dem Tag, an dem ich das begriff, wusste ich, dass das Thema des Films der Tod sein würde, der Tod und nicht das Überleben". Lanzmann fing an, nach Überlebenden der Sonderkommandos zu suchen, die in den Vernichtungslagern Chelmno, Treblinka, Belzec und Auschwitz-Birkenau zur Arbeit in den Gaskammern gezwungen worden waren. In seinen unter dem Titel "Der patagonische Hase" erschienenen Erinnerungen beschreibt Lanzmann den Schock, als er am Rangierbahnhof von Treblinka auf einen langen Konvoi von Güterwaggons stieß: Gegenwart und Vergangenheit flossen in diesem Augenblick zusammen.

Die Arbeiten an "Shoah" dauerten zwölf Jahre; allein der Schnitt des 350 Stunden umfassenden Materials benötigte fünf Jahre. "Ich glaube, dass ,Shoah’ für die Deutschen ein befreiender Film sein wird", sagte er nach Abschluss der Dreharbeiten. "Der erste befreiende Film seit 1945." Die Berlinale-Jury, die Lanzmann 2013 den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk verlieh, würdigte "Shoah" als "epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur".

Der Film endet mit der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands im Mai 1943. Darin klingt bereits an, was Lanzmann seitdem beschäftigte: Warum gingen die europäischen Juden ohne nennenswerten Widerstand in den Tod? Seine Antwort: "Die Shoah war das Massaker an wehrlosen Menschen, die zweitausend Jahre lang vergessen hatten, wie man sich verteidigt." Sie mündete in einen weiteren Film mit dem Titel "Tsahal" (1994): ein Werk über Waffen, Panzer und die "Wiederaneignung militärischer Gewalt", für dessen scheinbar zionistische Perspektive Lanzmann heftig kritisiert wurde.

Auch der 2001 veröffentlichte Film "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr" über den Aufstand im Vernichtungslager Sobibor, der aus nicht verwendetem Filmmaterial von "Shoah" entstand, unterstrich das ungebrochene Interesse des Regisseurs an Fragen des Widerstands. In Erinnerung bleiben aber wird "Shoah" – als Denkmal für die ermordeten Juden.