Dokumente einer pädophilen Gier?

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

So, 02. September 2018

Basel

Der Sonntag Balthus’ Mädchenbildnisse sind umstritten.

"Hinreißende Kinderporträts"? "Kulturelle Pädophilie der Moderne"? Um den Wert der visuellen Botschaft von Balthus’ Bildern pubertärer Mädchen ist die alte Diskussion neu entbrannt, nun jedoch als kontrovers-heftiger Streit. Einerseits: Eine von über 10 000 Unterzeichnern unterstützte Online-Petition verlangte vom New Yorker Metropolitan Museum, das Bild "Therese rêvant" aus der Ausstellung zu entfernen, denn, so begründet die Initiatorin ihre Forderung, "wo ich eine Grenze ziehe ist, wenn ein Kind offensichtlich zum Objekt gemacht und sexualisiert wird."

Andererseits: Der 88-jährige Maler antwortete in der New York Times: "Ich verstehe wirklich nicht, warum die Leute in allen Bildern von Mädchen immer gleich Lolitas sehen" und macht den "Leuten" zum Vorwurf, ihre Blicke seien es doch, die die Bilder erotisch auflüden und damit pervertierten.

Und nun die #MeToo-Bewegung: Sie akzentuiert, was seit Jahren an Argumenten hin und her ging, nur einer scheint davon unberührt zu sein: Balthus. Er bleibt der Umstrittene. Und das ist gut so, denn an seinen Bildern der Kindfrauen lässt sich grundsätzlich erkennen, was Bilder sichtbar machen und wie wir, das heißt unsere Blicke, dieses Sichtbare sehen und verstehen.

2 400 Fotos von einem Mädchen

Anna Wahli war acht Jahre alt, als sie das erste Mal das Atelier des über 80-jährigen Malers betrat. Mittwochs sollte sie nun öfters kommen, und mit elterlichem Einverständnis kam sie acht Jahre lang. Sie zu zeichnen ging aus Altersgründen bald nicht mehr, und so fotografierte er sie mit seiner Polaroid, machte über 2 400 Aufnahmen. Arrangierte die Körperposen, die er für seine noch zu malenden Bilder haben wollte. Auch wenn glaubhaft berichtet wird, dass zwischen den beiden nichts geschah, was moralisch verwerflich oder justiziabel ist, bleibt dennoch jenes Unbehagen, das der Katalog der Ausstellung "Balthus – Aufgehobene Zeit" im Kölner Ludwig Museum so formuliert: "Balthus’ Bilder sind hinreißende Kinderporträts. Einerseits. Aber eben auch Dokumente schwärzester Erwachsenenpsychologie."

Zumindest fragwürdig bleibt, dass parallel zur Balthus-Ausstellung im Metropolitan Museum 2013 die Galerie Gagosian professionell gerahmte Polaroidfotos zum Verkauf anbot, 20 000 Dollar das Stück. Und der 480 Euro teure Doppelband aus dem Göttinger Steidl Verlag zeigt über 1 300 Fotos; Hanno Rauterberg nennt sie "Dokumente einer pädophilen Gier." Bleibt die Frage, wie die heutige #MeToo-Bewegung bewertet, was bereits vor 110 Jahren in Dresden geschah, als die jungen Maler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein die achtjährige Lina Franziska Fehrmann, genannt "Fränzi", zu ihrem Modell machten, wenn sie, wie im August 1909, draußen an den Moritzsburger Teichen malten. Zu ihren Versuchen, das Thema weiblicher Akt zeichnerisch und malerisch neu zu fassen, schrieb Kirchner später: "Deshalb muß man mit dem Menschen selbst beginnen", und im Brief an Heckel notierte er: "Es liegt ein großer Reiz in einem solchen Weibe". Edvard Munchs Bild "Pubertät" hatte das Thema eröffnet; die Dresdner Maler wollten die Kluft zwischen Leben und Malerei schließen, und Kirchner schreibt zurückblickend: "Die Entwicklung vom Kind zur Frau schreitet in jedem Augenblick voran. Kein anderer Lebensabschnitt ist so geprägt von dramatischer Veränderung. Nichts ist abgeschlossen. Alles schwingt." In Fränzi erprobte er das "Studium der Bewegung, das meine ganze Arbeit bis heute begleitet und aus dem ich meine eigene Formensprache erhielt."

Was den Umgang von Künstlern, vor allem Malern, mit minderjährigen Modellen betrifft, übergeht die Kunstgeschichte so manches bis heute tabuisierte Kapitel. Einige Beispiele: Alexej Jawlensky schwängerte eine 14-Jährige, Paul Gauguin nahm eine 13-Jährige zur Frau, Lewis Carrol fotografierte gern nackte Mädchen, und die elfjährige Alice in seinem Wunderland ist eine davon. Und nun Balthus. Hanno Rauterberg schreibt: "Er hat Anna, ein reales Mädchen, auf seinem Diwan so lange zurechtgerückt, bis sie dalag wie eine Maya von Francisco Goya. Er betrieb die Sexualisierung des Kindes, ohne diese Bilder (gemeint sind die Polaroids) je veröffentlichen zu wollen." Doch er hat Anna gemalt. Immer erneut. Und einzigartige Bilder von ihr geschaffen und wir sollten ernst nehmen, wenn er sagt: …"c’est la jeune fille rêvant, et ce qui la traverse." Doch wie wir diese Bilder auch sehen und verstehen: Sie bleiben umstritten und er mit ihnen.

Nikolaus Cybinski