Ein Maestro für die Champions League

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 26. Januar 2017

Klassik

Jader Bignamini, Alena Baeva und Freiburgs Philharmoniker.

Der Mann hat Eleganza. Und Charme. Und Stil. So wie Jader Bignamini die verdienten Applausauftritte der Orchestermusikerinnen und -musiker am Ende einer Darbietung inszeniert, ist das auch großes Theater. Aber das ist sicher nicht der Hauptgrund, warum an dieser Stelle behauptet sei, dass der italienische Maestro, dessen Karrierekurve ohnedies steil nach oben weist, heißer Kandidat für die Champions League der Dirigenten ist. Denn der Mann hat eine enorme Ausstrahlung am Pult, vor allem aber: Er zeichnet sich durch eine präzise, überlegene Schlagtechnik aus, durch Übersicht, exzellente Klangbalance. Und offenbar auch einen ebenso professionellen wie menschlichen Umgang mit den Musikern.

Die spenden ihm stürmisch Applaus am Ende des dritten Philharmonischen Konzerts im gut besuchten Freiburger Konzerthaus. Doch die Damen und Herren haben ihn ebenso verdient – das Philharmonische Orchester präsentiert sich in einer mitreißenden, hochengagierten und durchweg konzentrierten Form. Sergej Rachmaninows so disparate dritte Sinfonie nach der Pause zum Beispiel erstrahlt als interpretatorische Glanzleistung. Bignamini arbeitet die heterogene Klangkultur der Musik zwischen Tschaikowsky, Spätromantik, Klassizismus und einem Hauch von Hollywood – auswendig dirigierend – mit größter Energie heraus. Und entwickelt einen Orchesterklang von höchster Güte und Reife: schwelgerisch-glanzvoll bei den Tutti-Violinen, voll düsterer warmer Innigkeit bei den tiefen Streichern; und in homogener, transparenter Staffelung beim gesamten Klangkörper. Was an solistischen Leistungen an diesem Abend zu erleben ist, verdient höchstes Lob. Ebenso bemerkenswert ist die Reife, mit der die rhythmischen Tücken des komplexen Finales überwunden werden.

Der großartigen Form des Orchesters an diesem Abend wurde man schon im ersten Teil des Abends gewahr. Auch in Liszts vielschichtiger Tondichtung "Les Préludes" bezaubern die Details ebenso wie das große Ganze. Dem martialischen, durch seinen Missbrauch in den Nazi-Wochenschauen leider noch immer kontaminierten Fanfaren-Thema geben Bignamini und das Orchester eine unverbrauchte Würde: Grandezza ja, kitschiges Pathos nein. Vor allem aber ist es der sehnsuchtsvolle Ton in den lyrischen Stellen, der diese Interpretation so reif macht.

Bartóks zweites Violinkonzert in seiner Mischung aus rhapsodischen und konstruktivistischen Elementen wirkt wie eine Insel zwischen Liszt und Rachmaninow. Und ihr langsamer Satz wie eine surreale Insel in unruhigen Zeiten. Alena Baevas Violinspiel verstärkt mit traumschönen Legatobögen und einem sehr verinnerlichten Ton diesen Eindruck. Die aus Kasachstan stammende Geigerin braucht im ersten Satz ein wenig, bis sie sich ganz freispielt. Vielleicht hat ihr Ton auch nicht die flammende Intensität, wie man ihn aus Interpretationen wie jenen eines Isaac Stern oder Itzhak Perlman kennt. Dafür besticht ihr Spiel durch eine äußerst elegante Bogenkultur und schlanke Linienführung. Baeva kann singen mit der Geige – eine faszinierende Klangpoetin mit höchster rhythmischer Versiertheit (Finale). Und das Orchester ist bei ihr – hellwach, intensiv, sensibel. Ein idealer Konzertabend!