"Es geht nicht um einen Tausender mehr"

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 18. November 2018

Theater

Der Sonntag Im Theaterprojekt "Silent Service" erzählen Auszubildende der Pflege von Freude und Leid in einem Beruf, auf den jede Gesellschaft angewiesen ist.

Manchmal gibt es seltsame Wege, wie ein längst drängendes Problem plötzlich ins Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft gerät. Im Fall der Überlastung und Unterbezahlung der deutschen Pflegekräfte war es vor einem guten Jahr ein 21 Jahre alter Auszubildender, der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf vor laufenden Kameras sein Anliegen forsch, sprachlich gewandt und charmant zugleich verständlich machte und die Politikerin wie das Fernsehvolk beeindruckte.

"Wir hatten uns damals schon für ein Theaterprojekt mit Pflegenden entschieden", erzählt Michael Kaiser, künstlerischer Leiter des jungen Theaters Freiburg. "Und wir haben dann gestaunt, wie das Thema regelrecht explodiert ist."

Als Vorgängerprojekt von "Silent Service", welches am nächsten Samstag, 24. November, Premiere feiert, könne "Die Krone an meiner Wand", gesehen werden, eine Arbeit mit an Krebs erkrankten Frauen. Diesmal suchte sich das Freiburger Theater die Akademie für medizinische Berufe zusammen und hat nach einem Workshopwochenende neun Auszubildende der Freiburger Uniklinik für das Theaterstück gewinnen können.

Zwei von ihnen sind die 22 Jahre alte Nadja Raupp und der 29-jährige Philipp Egger, sie haben Michael Kaiser und Regisseur Sascha Flocken auch zum Gespräch mit der Presse begleitet. Beide, das wird schnell klar, können ein Klagelied anstimmen vom Schließen von Stationen oder Bettensperrungen. Sie erzählen auch davon, wie mitunter die Ausbildung leidet, weil sie einfach zu sehr als Arbeitskräfte gebraucht werden. Wie ihnen ausgelernte Kräfte nach manchem Tag sagen, dass sie es ohne sie einfach nicht mehr geschafft hätten. Aber beide, das machen sie auch deutlich, arbeiten in einem Beruf, den sie lieben und für den sie mit dem Stück werben wollen. Egger, dessen Mutter schon als Krankenschwester arbeitete, hat so einiges vorher gemacht, auf Lehramt studiert etwa. Glücklich sei er jetzt mit der Ausbildung zur Pflegekraft.

"Wir wollen mit diesem Spannungsverhältnis zwischen der Freude am Beruf und seinen Problemen spielen", sagt Regisseur Sascha Flocken. Und man will nicht die x-te ARD -Doku zum Thema Pflegenotstand ersetzen. So hat sich das Theater für die Zusammenarbeit mit dem Autor Felix Schiller entschieden, er hat Interviews mit den Pflegenden mit eigenen Texten verwoben.

"Silent Service" hat das junge Theater das Stück genannt. Nach einem Begriff, der umschreibt, dass es sich bei der Pflege um eine Tätigkeit handelt, die für viele am besten unsichtbar zu verlaufen hat und die erst dann zu interessieren beginnt, wenn es einen selbst betrifft. Vieles ist noch im Argen. Im Vergleich mit vielen anderen Ländern ist die Pflege in Deutschland etwa als Studienfach gerade erst im Kommen. "Teilweise ist den Leuten auch einfach nicht klar, welche Fachkompetenz wir haben", sagt Nadja Raupp. Und angesichts des Personalmangels müssen sich unzählige Pflegekräfte ständig überlegen, ob sie noch drei Minuten Zeit haben, mit dem Kind oder der alten Frau zu reden, von der sie merken, dass sie ein Gespräch gerade dringender benötigt als eine Medizin. "Es geht uns gar nicht um den finanziellen Aspekt", ist Egger wichtig zu betonen. "Es geht nicht um einen Tausender mehr."

Otto Schnekenburger
Silent Service, Ein Theaterprojekt mit Pflegenden in der Ausbildung, Premiere am Samstag, 24. November, 19 Uhr, Werkraum, Theater Freiburg, Einführung um 18.30 Uhr, weitere Vorstellungen unter anderem am 30. November und am 1. Dezember, jeweils 19 Uhr, Karteninformationen unter der Nummer 0761/ 496 88 88.