"Game of Thrones" als Zickenkrieg

Martin Halter

Von Martin Halter

Mo, 25. September 2017

Theater

Vom Highlander-Märchen zur Gruselklamotte: Bea von Malchus neues Stück "Queens" im Freiburger Wallgrabentheater.

Wir klagen ja gerne, die Ära Merkel sei bisher langweilig gewesen. Aber so wie im England des 16. Jahrhunderts wollen wir Frauen an der Macht auch nicht sehen: Der Zickenkrieg kostete viele Unbeteiligte das Leben. Königin Elizabeth I. und ihre katholischen Rivalin Mary Stuart führten ihn mit allen Waffen und Tricks: Verschwörungen, Intrigen, böse Nachrede, Gatten-, Kinds- und Meuchelmord. Wie sich die edlen Damen mit Beschimpfungen, Drohungen und Schlägen unter die Gürtellinie beharkten, könnte selbst Männer wie Donald Trump und den dicken Kim vor Neid erblassen lassen.

Bea von Malchus hat sich schon oft die Heiligen, Charakterlumpen und schwarzen Schafe berühmter Familien für ihre Soloprogramme vorgeknöpft. Ihr neues Programm "Queens" widmet sich nun den tragisch ineinander verhakten Königinnen von Schottland und England. Es ist wie ein Königsdrama von Shakespeare, besser wohl: eine Folge "Game of Thrones", mit viel Blut und Wut, Hass und Liebe, bösen Hexen, schleimigen Höflingen und racheschnaubenden Clanchefs. Mary Stuart zog im Kampf um den englischen Thron bekanntlich den Kürzeren: 1587 ließ Elizabeth, die "jungfräuliche Königin", ihre Rivalin köpfen. So triumphierte am Ende der ungeliebte "Bastard", die legitime Tochter Heinrich VIII., über das schöne Glückskind, dem halb Europa und selbst der Papst zu Füßen lag.

Um die verworrenen Verwandtschaftsverhältnisse, Machinationen und Erbfolgestreitigkeiten aus 50 Jahren europäischer Geschichte zu rekonstruieren, braucht Bea von Malchus nur drei Requisiten. Der Hocker, auf dem sie buddhagleich sitzt, steht für Thron, Schafott und Sattel, ein Schaf für Schottland (und die sexuellen Vorlieben echter Highlander); die rosafarbenen Röcke über der schwarzen Unterwäsche lassen sich vielfältig heben, zurückschlagen und imperial aufbauschen. Ein Augenaufschlag, ein Fingerschnippen, ein Faltenwurf, ein paar spanische, englische oder französische Brocken genügen, und Bea von Malchus ist Mary Stuarts unglückliche Mutter Marie de Guise, Jane Seymour, der "Tittensittich" Heinrichs, die unnahbare Strategin Elizabeth oder Mary "Stewardess", die stolze, lange vom Glück verwöhnte Luxustussi. Hinzu kommen flotte Lieder, liebevoll ausgemalte Szenen im Park oder Boudoir und jede Menge komische Anachronismen, mit denen die Queens in die Gegenwart von Parship-Flirts und Gala-Tratsch, Paybackkarten und Merkel-Rauten katapultiert werden. So macht Geschichtsunterricht Spaß.

Es ist so lehrreich wie amüsant, wenn Malchus mit kleinen Gesten große Figuren, Schauplätze und dramatische Situationen heraufbeschwört und komplizierte Machtverhältnisse auf den Punkt bringt. Allerdings: Subtile historische Analysen und psychologisch vertiefte Schauspielkunst darf man hier auch nicht gerade erwarten. Manchmal trägt Königin Bea doch ziemlich dick und derb auf; geht mit Gebrüll und vielen "Fucking" auf "grenzdebile" Thronfolger, Vollpfosten und Drecksäcke deluxe los und schreckt auch nicht davor zurück, Leichen anzupissen und Schuhe vollzukotzen. Nun ja, die englische Geschichte im 16. Jahrhundert war kein Deckchensticken.

Vor allem nach der Pause hätte das Stück schon ein wenig mehr dramatische Zuspitzung vertragen können. Schiller konzentrierte sich in seiner "Maria Stuart" nicht umsonst auf die letzten Tage vor ihrer Hinrichtung. Bea von Malchus droht sich manchmal im Unterholz der Nebenfiguren und ausführlich referierter dynastischer Verästelungen zu verlieren. Das Ende kommt dann nach zwei Stunden ziemlich plötzlich. Malchus’ Queens sind keine Shakespeare- oder Schiller-Figuren. Es sind zwei starke, selbstbewusste Frauen, die unter günstigeren Umständen Freundinnen hätten werden können, aber in einer unbarmherzigen Männerwelt Todfeindinnen werden mussten: "Es begann wie im Märchen und endete als Gruselklamotte", sagt die Erzählerin am Ende.

Nicht ausverkaufte Folgetermine: Freiburg, Wallgraben: 9. Okt., 20 Uhr (Restkarten gibt es ab 1. Okt.); Freiburg, Vorderhaus: 15. Okt., 19. Nov., 17. Dez., je 19 Uhr; Lörrach, Nellie Nashorn: 26. Nov., 19 Uhr.