Strassburg / Kehl

Grenzen tänzerisch überwinden: Projekt "KorresponDanSe"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Fr, 31. August 2018 um 10:15 Uhr

Kultur

Zum vierten Mal organisieren die Kunstschule Offenburg und ihre Partner das grenzüberschreitende Tanzprojekt "KorresponDanSe" auf einer Brücke zwischen Straßburg und Kehl.

STRASSBURG/KEHL. Wie mit silbernen Fäden haben sich am Samstagabend im Zentrum der Passerelle des Deux Rives, der Brücke, die Straßburg und Kehl über den Rhein, Frankreich und Deutschland, verbindet, die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Projektes "KorresponDanSe 4.0" verwebt mit den Klängen und Geräuschen diese ungewöhnlichen Freiluftbühne.

Hoch über dem Rhein und mitten auf der im Wasser verlaufenden Ländergrenze mischten sich tuckernde Motorgeräausche der Rheinschiffe, läutende Kehler Kirchenglocken, wummernde Bässe des zeitgleich startenden Festivals für elektronische Musik "Longevity", afrikanische Rhythmen einer Perkussionsgruppe am französischen Ufer und das Rauschen des Windes einer rechtzeitig abziehenden Regenfront, mit den Musikstücken der jüngsten Choreografie des mit zwei Bundespreisen ausgezeichneten Tanzprojektes. Der Initiatorin von "KorresponDanSe", der Kunstschule Offenburg und ihrer französische Partnerin Compagnie Blicke, ist es zum vierten Male gelungen, 20 junge Leute im Alter von 14 bis 30 Jahren aus Deutschland und Frankreich und fünf weiteren nicht europäischen Ländern, die als Flüchtlinge in Deutschland oder Frankreich leben, dafür zu begeistern, sich sechs Tage lang, intensiv ein zeitgenössisches Tanzstück zu erarbeiten. Unter der Leitung der Choreografin und Tanzkünstlerin Rica Lata Matthes in Offenburg und dem Leiter von Compagnie Blick und Choreografen Enrico Tedde, ist dabei erneut ein ungewöhnliches tänzerisches Werk entstanden, in dem sich die tänzerischen Potentiale von jugendlichen Tanzbegeisterten mit der Erfahrung semiprofessionell tanzender junger Erwachsenen, beeindruckend ergänzten.

Zu barocken Klängen von Antonio Vivaldi, zu perkussiver Flötenmusik aus Japan, traditioneller Tanzmusik aus Afrika und zeitgenössischer europäischer Musik erzählten die jungen Tänzerinnen und Tänzer, in dichten getanzten, poetischen Choreografien von der Schwierigkeit sich zu lösen und zu verabschieden, von der Kostbarkeit der Erinnerungen und der Freiheit überwundener Grenzen, heißt es in einer Pressemitteilung der Kunstschule. Wie Beziehungen und Dinge die Menschen halten, wenn sie eigentlich weg wollen oder ungewollt fort müssen, wurde über lange elastische Stoffbänder visualisiert, die die Tänzer umso stärker hielten, je weiter sie sich vom Ort ihres Aufbruchs entfernten. Erst nach dem Abstreifen entstand langsam Raum für die Freiheit, aber auch für die Erschöpfung.

Ein mit einander verwobener, verstrickter Tänzerkörper aus acht Menschen bewegte sich auf die Brückenmitte zu, gleichzeitig sich gegenseitig Halt gebend, behindernd, vorantreibend, bremsend. Das sie zusammenhaltende Band löste sich in den tänzerischen Aktionen, und wurde mit all seinen Verknotungen des Lebens, die durch die Lebendigkeit der Tänzer entstanden waren, symbolhaft zurückgelassen.

In Freiheit, nun ungebunden mitten auf der Grenze tanzen zu können, vermischten sich Musik, Kulturen und Tanzstile zu vitaler Lebensfreude. Mit einem Bruch der Tanzbilder gelang es einen berührenden Kontrast zu setzen. Aus dem zurückgelassenen "Lebensband" heraus wurde nun ein Bewegungsraum gebildet, der die wechselseitigen Kräfte der Tänzer, die das Band zu einem Polygon formten, thematisierte.

"Für eine gemeinsame

europäische Zukunft

und der Welt."

Heinrich Bröckelmann
So wurde die soziale Abhängigkeit visualisiert und gleichzeitig die Paradoxie der Situation dazu, wer, wie und mit welchen Mitteln Grenzen hervorbringt, mit denen der sich selbst einschränkt.

Die Schlusschorografie, die vom Straßburger Choreografen Enrico Tedde in Szene gesetzt wurde, fesselte die Zuschauenden mit einem in höchster Konzentration und extrem langsam performten Zug von Menschen und Gegenständen. Als würde das Kostbarste, das einem von der materiellen Welt geblieben ist, weitergegeben oder zusammen mitgenommen. Diese Szene griff noch einmal in ihrer ideenreichen, tänzerisch-performativen Form, den sich durch das Stück als roter Faden hindurchziehenden Themenkreis auf, von Grenzen, Begrenzungen, gewonnenen wie verlorenen Freiheiten und der Bedeutung des Gemeinsamen.

Der Projektinitiator und -leiter Heinrich Bröckelmann von der Kunstschule Offenburg dankte nach dem Schlussapplaus dem Eurodistrikt Straßburg-Ortenau, der Offenburger Bürgerstiftung Sankt Andreas und dem Fond für Soziokultur für die finanzielle Unterstützung. Angesichts dessen, dass auch nach diesem Stück die gemeinsame Gruppe der jungen Tänzer und Tänzerinnen beiderseits des Rheins wieder auseinandergehen, formuliert er sein Anliegen, ein gemeinsames deutsch-französisches Tanzprojekt für junge Europäer und Nichteuropäern zu gründen, das beiderseits des Rheins agiert. Es soll trotz der Grenzen temporär gemeinsame Produktionen erarbeiten, für Stücke "Mitten auf der Grenze". "Hier könnten dann auch immer wieder neue tanzbegeisterte Jugendliche und junge Erwachsene zusammen finden, um aktuelle Themen in die Sprache des zeitgenössischen Tanzes übertragen – es ist ja auch ihre gemeinsamen europäisch Zukunft und die der Welt", so Bröckelmann.

Weitere Auskünfte und Information zum Projekt und zur Kunstschule unter: http://www.kunstschule-offenburg.de.