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03. Juli 2010

"Ich kann nicht jeden Tag dirigieren"

Anlässlich seines 80. Geburtstages erinnert die Deutsche Grammophon an Carlos Kleiber mit einer CD-Kollektion seiner sämtlichen Schallplattenaufnahmen.

  1. Der Schwierige: Carlos Kleiber Foto: lauterwasser/deutsche grammophon

Das Wort "einfach" passte nie in die Biografie Carlos Kleibers – auch nicht zu Lebzeiten. Den 2006 verstorbenen Pultstar, der heute 80 Jahre alt geworden wäre, umranken noch immer zahlreiche Legenden. Und nicht wenigen gilt er noch heute als der bedeutendste deutsche Dirigent des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Das wiederum bei vergleichsweise eher schmalem Repertoire. Dessen Qualität freilich ihresgleichen sucht. Die zum Geburtstag erschienene CD-Box "Kleiber – Complete Recordings On Deutsche Grammophon" zeigt dieses – und, wie virtuos der Perfektionist Kleiber die Möglichkeiten der Schallplatte auszuschöpfen verstand. Wenn er sich einer dauerhaften Tonträgerkarriere nicht schon früh – Ende der 1970er Jahre – verschlossen hätte. Aus Frustration über die Bedingungen bei den Aufnahmen – insbesondere zu kurze Probezeiten.

Der Weltmeister der Verweigerung

"Carlos Kleiber war ein Weltmeister der Verweigerung", schreibt Werner Pfister im Booklet zur vorliegenden CD-Sammlung mit Blick auf die zahlreichen Absagen des Stardirigenten. Das knappe Œuvre seiner Aufnahmen bei der Deutschen Grammophon (zwischen 1973 und 1980) und der scheinbar starre Blick aufs Kernrepertoire unterstreichen das: Beethoven, Schubert, Brahms auf der Sinfonikerseite – Weber, Wagner, Verdi und Johann Strauß beim Musiktheater: Das klingt nach heutigen Repertoiremaßstäben eher unspannend. Aber eben nur in der Theorie.

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Zum Beispiel Schubert. Auch im Zeitalter historisch orientierter Interpretationen inklusive Originalinstrumentarium besitzen die beiden Aufnahmen der Sinfonien Nr. 3 und 8 von 1978 mit den Wiener Philharmonikern noch immer Referenzcharakter. Die Qualität des Pianos, mit dem Dirigent und Orchester in das D-Dur des Kopfsatzes der Dritten einsteigen, macht sofort hellhörig. Das punktierte Klarinettenthema und seine Fortspinnung in feinster kammermusikalischer Faktur legen in dieser Interpretation den Unterschied zur Sinfonik von Schuberts Vorgängern der Wiener Klassik offen. Und warum die Sinfonie den Beinamen "Italienische" trägt, zeigt Kleibers Sicht auf die Schlusssatz-Tarantella: ausgelassene, überschäumende Lebensfreude pur – aber keineswegs nur "lärmender Tatendrang", wie Kritikerpapst Eduard Hanslick einst urteilte. Beim Beginn der "Unvollendeten" dagegen muss man wieder die Ohren spitzen. Können Streichbässe und Celli wirklich so leise und gleichzeitig spannungsreich spielen? Und kann das melancholische Klagethema der Violinen so viel Zartheit und Zerbrechlichkeit in sich vereinen? Was hier passiert, ist noch immer außerordentlich und sorgt für eine Gänsehautwelle nach der anderen.

Die bekommt mancher schon beim Gedanken an Kleibers "Tristan" (1980–1982). Wie gut, dass es Peter Gülke gelungen ist, den Dauerskeptiker Kleiber zur Freigabe der Aufnahme mit der Dresdner Staatskapelle zu bewegen. Trotz zahlreicher Querelen, die den Maestro mehrfach zur Abreise bewogen. Was für ein Schatz wäre da im Verborgenen geblieben! Bis heute kennt die Plattengeschichte keinen furioseren und gleichzeitig fragileren "Tristan", keinen, der jeden Winkel der Partitur und Wagners Agogik so leidenschaftlich auskostet, und obendrein keinen mit einer solch empfindsamen, Mozart-Qualitäten aufweisenden Isolde wie Margaret Price. Webers "Freischütz", 1973 mit dem gleichen Orchester und einer berückenden Gundula Janowitz als Agathe eingespielt, spricht die gleiche differenzierte Sprache. Schließlich: Italienischer als bei Kleiber und dem Bayerischen Staatsorchester klingt Verdis "Traviata" auch nicht unter Toscanini oder Giulini – sowohl im Hinblick auf die Schlichtheit der Beziehung von Melodie und Rhythmus wie auch die Kunst des Stretta-Spiels. Und dass die Brillanteste aller "Fledermäuse" nun ausgerechnet ebenfalls mit dem Bayerischen Staatsorchester – trotz der Fehlbesetzung eines Iwan Rebroff als Orlofsky – zustande kam, zeugt von dem außerordentlichen Gespür des Dirigenten Kleiber: Tiefsinniger, philosophischer und gleichzeitig federleichter kann man die Ode an das Wienertum "Brüderlein und Schwesterlein" einfach nicht musizieren.

In Sachen Klang hat man nicht – erfreulich angesichts des bemerkenswert günstigen Preises der neuen Kollektion – auf Remastering verzichtet. So präsentiert sich das berühmte Allegretto in Beethovens Siebter im Gegensatz zur guten alten Schallplatte nun vor allem klanglich berauschend. Aber auch die erst vor wenigen Jahren im "Original-Image Bit-Processing" remasterte CD-Neuauflage mit der 5. und der 7. Symphonie verliert gegen die jetzt in einer einfachen Papp-Umhüllung veröffentlichten Neuauflage insbesondere auch im Grundtonbereich und Bass an Fülle.

Dass man heute gern und mit hörbarem Erfolg gerade für leisere Passagen nicht mehr konzertsaalgetreuen dynamischen Umfang, sondern ein wohnzimmerfreundlich transparentes Abbild des musikalischen Geschehens pflegt, dokumentiert die innige "La Traviata". Diese Analogaufnahme aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre tönte auf der ersten CD-Überspielung glasklar und dynamisch bemerkenswert umfangreich, doch die neuste Version nun wirkt insgesamt wärmer, tonal durchweg gefälliger und gerade auch die eine Spur fülliger gestalteten leisen Passagen erscheinen hörfreundlicher auf handelsüblichen Stereoanlagen.
Ähnliches ist vom eleganten "Fledermaus"-Feuerwerk zu vermerken: Selbst neben der vor rund einem Jahrzehnt remasterten CD-Ausgabe ("The Originals") wirkt die neuste Version voller und räumlicher. Was Kleibers akribisches Ausfeilen feiner Details erfreulich unterstreicht.

Nachsatz. Wer angesichts all dessen zu sehr ins Schwärmen kommt und das Fehlen eines umfassenden Schallplatten-Werks beklagt, sei auf Carlos Kleiber selbst verwiesen: "Das müssen die Leute doch verstehen. Ich kann nicht jeden Tag dirigieren", soll der Maestro seinem Biograf Alexander Werner zufolge gesagt haben. Man kann es also auch anders sehen: Die Bedingungen des Konzert- und Plattenbetriebes waren einfach unzulänglich, für einen, der so vollkommen war wie der Einzelgänger Kleiber.

– Kleiber – Complete Recordings on Deutsche Grammophon. 12 CDs. Universal (DG) 4778826 GB/12.
– Alexander Werner: Carlos Kleiber. Eine Biografie. Atlantis-Musikbuchverlag, Zürich 2010. 800 Seiten, 17,95 Euro.

Autor: rog