Kontroversen, Provokationen – und gute Filme

Barbara Schweizerhof

Von Barbara Schweizerhof (epd)

Mo, 03. September 2018

Kino

Filmfest von Venedig: Der Mond ohne amerikanische Flagge, #Metoo in Italien und eine Western-Collage der Coen-Brüder.

Viele schöne Filme zu zeigen ist das eine, aber so richtig lebendig wird ein Filmfestival erst, wenn es Kontroversen gibt. Und die entstehen selten da, wo man es erwartet. Eher zufällig wie aus Ryan Goslings argloser Bemerkung auf der Pressekonferenz zu Damien Chazelles hochgelobtem "Aufbruch zum Mond" in Venedig. Er glaube, die Mondlandung sei weniger als amerikanische als vielmehr als menschliche Errungenschaft wahrgenommen worden, meinte Gosling. Was gewisse Kreise der amerikanischen Öffentlichkeit darauf brachte, ihre Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was der Film beim Nacherzählen des historischen Ereignisses explizit auslässt: Er zeigt keine US-Flagge auf dem Mond! Seither tobt in den entsprechenden Medienkreisen in den USA eine Debatte über die "Zulässigkeit" eines Films, der die Mondlandung nicht gebührend amerikanisch-patriotisch abhandelt.

Es gibt auch Kontroversen, die durch reine Provokation ausgelöst werden. Etwa wenn der als Berlusconi-Anhänger bekannte Regisseur Luciano Silighini Garagnani, auf dem roten Teppich ein T-Shirt mit der Aufschrift entblößt: "Weinstein is innocent". Wobei der Akt intendierten Missbetragens keineswegs die Frage von Weinsteins Schuld neu aufwarf, sondern eher die notwendige Diskussion anfacht über Italiens Umgang mit #Metoo und mit den Frauen, die es wagen, ihre Missbrauchsvorwürfe öffentlich zu machen.

Die Feierstimmung um den ersten italienischen Wettbewerbsfilm, Luca Guadagninos "Suspiria", ließ sich durch kein T-Shirt beeinträchtigen. Wenn sich auch der vom Regisseur als "Cover-Version" des Kulthits von "Giallo"-Meister Dario Argento aus dem Jahr 1977 angekündigte Film als schwierig erwies. Statt bloßem Augenzwinkern mit dem Vorbild nämlich entwirft Guadagnino um Argentos Horrorhexenparabel herum eine komplexe Geschichte um Schuld, Vergebung und das Fortwirken des Bösen. Angesiedelt im von der Mauer eingeschlossenen West-Berlin des Jahres 1977 zieht er mit historischen Ausstattungsdetails und Pina-Bausch-Hommagen gewollt krude Verbindungen zwischen "Deutschem Herbst" und Nazivergangenheit, zwischen einem alten Psychoanalytiker, verschwundenen Frauen und einem sich als Tanzgruppe tarnenden Hexenzirkel.

Der neue Film der Brüder Coen, "The Ballad of Buster Scruggs", löste lauwarme bis gleichgültige Reaktionen aus. Seine episodische Struktur, verschiedene Western-Kurzgeschichten werden als Anthologie versammelt, macht es nicht leicht, den Film auf einen Punkt zu bringen. Mit Stars wie Tom Waits und James Franco besetzt, erproben die Coen-Brüder in jeder Episode einen anderen Ton, von musikalischem Cabaret über bittere Groteske, romantisches Drama bis zum Gruselmärchen. Jede Geschichte bringt eine andere Pointe und eine andere Seite ihres meisterhaft präzisen Regietalents zur Geltung; weshalb auch "Buster Scruggs" erst in der Nachwirkung zur vollen Geltung kommt.

Als typisches Beispiel eines Films mit schnell verpuffender Wirkung wird sich dagegen "A Star Is Born" erweisen. Das Regiedebüt des Schauspielers Bradley Cooper, der selbst die männliche Hauptrolle spielt, ist zwar in jeder Hinsicht gut genug, aber eben nie Extraklasse: Lady Gaga als das Starlet, das vom großen Country-Rock-Star entdeckt, nach oben gebracht und dann blamiert wird, zeigt genug Schauspieltalent, um zu bestehen. Cooper selbst ist charismatisch genug als suchtgeplagter Musiker, vor allem die Konzertszenen sind mit viel Atmosphäre inszeniert. An keiner Stelle aber spürt man mehr als hinreichende Kompetenz. Auch hätte der Story, die hier zum wiederholten Mal erzählt wird, eine Neugewichtung vor allem, was das Machtgefälle im Geschlechterverhältnis und die Rolle von Liebe, Sex und Karriere anbetrifft, mehr als gut getan.