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21. Januar 2017

Biographie zum 150. Geburtstag von Schriftsteller Ludwig Thoma

Der weiß-blaue Stolz überwog. Über viele Jahrzehnte hinweg galt Ludwig Thoma den Bayern als literarisches Idol und Gewissen gleichermaßen. An den Schulen gehörte der Oberbayer mit oberpfälzischen Wurzeln zum Kanon, seine Theaterstücke wie „Die Lokalbahn“ (1902) oder „Moral“ (1909) dokumentierten als Unterrichtslektüre seine gesellschaftskritische, antiwilhelminische Haltung.

  1. Äußerlich ein Bayer: Ludwig Thoma Foto: dpa

Das Etikett "ein echter Thoma" war ein literarisches Qualitätssiegel, das vieles bedeuten konnte: satirisch, antiklerikal, naturalistisch, lebensecht, wider alles Spießertum. Und krachledern.

Dieses Bild des am 21. Januar vor 150 Jahren in Oberammergau geborenen Sohn des königlichen Oberförsters Max Thoma und seiner bigott religiösen Ehefrau Katharina hat, so zutreffend es auf das Hauptwerk Ludwig Thomas ist, schon seit langem Risse erfahren. Es sind vor allem Thomas anonym verfasste antisemitische, rechtsnationale Kolumnen aus den Jahren 1920/21 im Miesbacher Anzeiger, die einen tiefen Schatten auf sein literarisches Gesamtwerk werfen. In das Bild des zeitweise pazifistisches Gedankengut predigenden Satirikers, der 1906 "wegen Beleidigung einiger Mitglieder eines Sittlichkeitsvereins" für sechs Wochen ins Gefängnis nach Stadelheim musste, scheint das so gar nicht zu passen.

Martin A. Klaus ist anderer Meinung. Der Journalist und Autor, der sich seit Jahrzehnten mit Thomas Leben und Werk intensiv auseinandersetzt, kommt in seiner neuen Biographie "Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben" zu dem Schluss, dass Zwiespältigkeit und Gesinnungswandel in Thomas Persönlichkeit verankert waren. Bayerns literarischer Säulenheiliger, mit zahlreichen Ehrungen, wie einer Büste in der Münchner Ruhmeshalle, bedacht – ein Schwieriger? Klaus’ Indizienkette erscheint schlüssig. Den Vater, einen Quartalssäufer und strammen Bismarck-Anhänger, verlor Thoma früh. Die Mutter projizierte all ihre Hoffnungen auf eine geistliche Karriere des Sohns. Dazu wurde der mittelmäßige Schüler Ludwig in zahlreiche Internate abgeschoben. Bestätigung und Liebe erfuhr er nie von der Mutter – Nährboden für ein mangelhaftes Selbstwertgefühl. Und ein hohes Aggressionspotenzial, gerade vermeintlich Schwächeren gegenüber, das Thoma zeitlebens zum kraftvollen Austeilen bewog: Vom Buben Ludwig, wie es in den "Lausbubengeschichten" hochstilisiert überliefert ist, bis zum Miesbacher Haudraufkolumnisten der schwierigen Nachkriegszeit.

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"Schauen wir zu, daß nochmal der rote Fetzen durch München getragen wird? Oder schlagen wir jeden Hund tot, der das arme Vaterland in neues Verderben stürzen will?", schrieb Thoma im Juni 1921, die Gräueltaten der Freicorps geradezu verherrlichend.

Klaus weist auf starke Parallelen im Vernichtungsvokabular Thomas und des jungen Hitler zur gleichen Zeit hin: Es stehe außer Zweifel, dass Thomas Kraftsprüche dem Diktator Vorlage waren. Was aus heutiger Sicht besonders alarmiert: Thomas Vorgehen gegenüber dem vermeintlichen Gegner erinnert stark an die Methoden der modernen Propheten des "Postfaktischen": "Er war aggressiv, weil er sich zurückgesetzt fühlte, und weil er sich zurückgesetzt fühlte, machte er seinen Aggressionen stets dort Luft, wo er der Zustimmung einer Mehrheit sicher sein durfte. Dies, und keine politische Grundüberzeugung, war Triebfeder seines Handelns." Überdies sei Thoma ein Meister im Verdrehen von Tatsachen und Meinungen gewesen.

Das schmerzt. Vor allem bei jenen, die Thomas Meisterschaft als Satiriker in der Zeitschrift Simplicissimus zwischen 1899 und 1914 schätzen. Oder als Mitbegründer (neben Hermann Hesse) des Satireblatts März. Aber auch hier wieder verblüfft der Gesinnungswandel: Derselbe Thoma, der Kleinbürgertum, Duckmäuserei vor der Obrigkeit, Scheinheiligkeit und preußischen Militarismus geißelt, wird mit Kriegsausbruch zum Hurra-Patrioten und Kaiser-Verehrer, der keine Parteien mehr kennt. Aber vielleicht kannte er sie ja nie. Das Bild, das Klaus zeichnet, zeigt Thoma als ein Chamäleon, das alle Farben annehmen konnte – bis hin zu tiefbraun.

Dass er ein brillant argumentierender Moralist war, wie der Germanist Rudolf Lehner nachweist, ein Meister der literarischen Mundartdichtung (Filser-Briefe, Romane) und ein Naturmensch, der sich in seiner Tegernseer Wahlheimat auf der Tuften, beim Jagen und beim Tarocken im Wirtshaus am wohlsten fühlte, es wird das Bild Ludwig Thomas indes auch künftig dominieren. Einen wie ihn gibt Bayern ungern der öffentlichen Demontage preis.

Martin A. Klaus: Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2016. 304 Seiten, 26 Euro.

Autor: Alexander Dick