26. September 2009 00:32 Uhr
Bestsellerautor Paul Maar
Der sechste Sams-Band erscheint
Er hat 50 Bücher geschrieben, ist einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller, und doch ist Paul Maar immer nur "der Sams-Autor". 36 Jahre nach dem ersten Sams-Buch erscheint nun das sechste – und letzte.
Wenn ein Sams Straßenbahn fährt, dann hört sich das so an: "Ich will eine Fahrkarte." "Wohin denn?" fragt der Schaffner. "In die Hand." "Wohin du fahren willst", sagt der Schaffner. "Ins Büro." "Zeig mal dein Geld." "Warum? Weißt du nicht, wie Geld aussieht?"
Ein Sams ist frech, aber schlau, kein Mensch und kein Tier, sondern ein rothaariges, rüsselnasiges Wesen, das sehr gefräßig ist und korrekte Straßenbahnschaffner in den Wahnsinn treibt. Aber es erfüllt Wünsche. Wo Samse herkommen, weiß man nicht so genau. Aber wann ein Sams kommt, das weiß in Deutschland fast jedes Kind: Am Sonntag Sonne, am Montag Herr Mon, am Dienstag Dienst, am Mittwoch Mitte der Woche, am Donnerstag Donner, am Freitag frei. Und am Samstag kommt das Sams.
1973 erschien das erste Buch mit diesem Wesen, das viel bekannter ist als der Mann, der es erschaffen hat. 36 Jahre nach dem ersten Sams-Buch folgt nun das sechste Sams-Buch: "Onkel Alwin und das Sams". Das sechste und das letzte: Paul Maar wird im Dezember 72 Jahre alt, und noch ein Sams-Buch will er nicht schreiben.
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Am Alter liegt es freilich nicht. Paul Maar ist einer der besten und erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren, allein die Sams-Bücher haben bisher eine Auflage von mehr als vier Millionen Stück erreicht. Maar malt, dichtet, übersetzt, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Hörbücher, eine Oper und ein Musical. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur lobt Maar als "außergewöhnliches multimediales Talent".
Gerade deshalb wurmt es ihn ein wenig, dass er immer nur als "der Sams-Autor" gilt. Und dann ist da noch dieses Missverständnis: Nicht das kleine dicke Sams ist die Hauptperson im Kinderbuchklassiker, sondern Herr Taschenbier. Vorbild war ein Buchhalter in der Firma von Maars Vater, schüchtern und angepasst. Für Paul Maar war die Geschichte eigentlich nach dem dritten Buch zu Ende, weil der ängstliche Taschenbier lernt, selbst zu leben. Mut zu haben. Und weil er sich sogar verliebt.
Doch seine Leser ließen nicht locker. Zehn Briefe bekommt Paul Maar pro Woche, alle beantwortet er eigenhändig. "Jahrelang bekam ich Kinderbriefe mit der Frage, warum es nicht weitergeht." Also schuf Maar den Sohn Martin Taschenbier, viertkleinster und zweitschwächster seiner Klasse. Auch er bekommt Hilfe vom Sams. Die anderen haben es nicht leicht: Die Vermieterin Frau Rotkohl ("Frau Rosenkohl ist innen hohl"), der strenge Studienrat Groll ("Du sagst Sie zu mir, verstanden!" "Sie? Bist du denn eine Frau?"), der Abteilungsleiter im Kaufhaus, der das Sams als Majestät ansprechen muss, weil der Kunde ja König ist. Diese Anarchie, dieses Aus-den Angeln-Heben, das lieben Kinder. "Und sie lieben Reime", sagt Paul Maar.
Wenn er schreibt, zieht er sich aus Bamberg zurück in ein Dorf, in dem er mit seiner Frau Nele seit Jahren ein Haus gemietet hat ohne Fernseher und mit geheimer Telefonnummer. Seine ersten Bücher entstanden, als er noch Kunststudent war und seinen Kindern bessere Geschichten ermöglichen wollte als die angestaubte Auswahl der örtlichen Vorstadtbücherei. Von Anfang an hat er "einfach fabuliert", sagt er, der meisterhafte Erzähler.
Maar liebt das Wortverdehen und den anderen Blick auf die Realität. Seine Helden haben stets normale Probleme, mit dem Chef, mit den Eltern, mit den Geschwistern. So wie das Sams aus dem Wort in die Wirklichkeit kommt, kommt der Zauber ganz von selbst in die Geschichte. Und entblößt viele Konventionen der Erwachsenenwelt, macht das Normale absurd und das Absurde normal. So geht es auch Max und seinem Hund, der durch blauen Saft zum Menschen wird und als "Herr Bello" anderen Hunden nachläuft und seinem Gegenüber lieber das Gesicht ableckt als ihm die Hand zu schütteln.
Gute Kinderbücher müssen eine gute Idee haben, sagt Paul Maar. Doch anders als Astrid Lindgren, die bis ins Alter beim Schreiben von ihrer Kindheit zehrte, musste Maar sich diese Kindheit später erfinden. Als Junge musste er oft umziehen und litt unter wechselnden Bezugspersonen. Maars Mutter starb zwei Monate nach seiner Geburt, sein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft und nach seiner Rückkehr autoritär, streng und strafend, Lesen hielt er für Zeitverschwendung. Also las Paul Maar heimlich, für ihn waren Bücher und Träume eine Zuflucht, ein Trost.
Auch ohne Sams-Wunschpunkte hat Paul Maar sich zwei Wünsche erfüllt: Er verweigerte sich dem Figuren-Marketing. "Das Sams auf jedem Radiergummi, das wollte ich auf keinen Fall." Und er kann immer noch unerkannt durch Bamberg gehen. Er hält sich aus der Öffentlichkeit zurück. Fernsehauftritte nach den "Sams"-Verfilmungen sagte er sogar ganz ab – weil die Briefe der Kinder so förmlich wurden, weil sie nur noch höflich um ein Autogramm baten und nicht mehr von ihren Wünschen und Sorgen schrieben. Bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises freute er sich, dass alle Fotografen nur Veronica Ferres sahen. "Mich kannte natürlich keiner." Bis auf einen. Der war mal Schüler des früheren Kunsterziehers gewesen.
– Paul Maar: Onkel Alwin und das Sams. Oetinger Verlag 2009. 205 Seiten, 9,90 Euro. Paul Maar kommt am 4. Oktober um 17.30 Uhr zum Großen Lesefest ins Freiburger Theater.
Autor: Tanja Wolf






