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22. Juni 2012

Unbeirrbarer Chronist

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

  1. Lebt seit dem vergangenen Jahr in Deutschland: Liao Yiwu Foto: AFP

In den vergangenen Wochen hat Liao Yiwu viel geschrieben, vor allem Briefe und Emails an Freunde, Kollegen und Journalisten. Darin berichtete der Autor vom Schicksal seines Freundes Li Bifeng, einem erfolgreichen Geschäftsmann und Untergrunddichter aus seiner Heimatstadt Chengdu, der Liao finanziell unterstützt hatte, bevor dieser im Juli vergangenen Jahres nach Deutschland floh. "Vor kurzem habe ich aus mehreren Kanälen erfahren, dass die Polizisten Li Bifeng meinetwegen verhaftet haben", schrieb Liao. Die Behörden hätten seinen Freund im Verdacht, Liaos Flucht ermöglicht zu haben und wollten sich deshalb an ihm rächen. "Ich muss einen Appell für Li Bifeng einlegen ... Ich hoffe, dass meine Schriftstellerkollegen, weltweite Menschenrechtsorganisationen und meine Leser im Osten und Westen bereit sind, diesen Appell zu unterzeichnen." Zahlreiche Freunde taten Liao den Gefallen, doch das öffentliche Echo blieb gering. Medien und Politik waren gerade anderweitig okkupiert. Für den 54-Jährigen dürfte dies eine bittere Erkenntnis gewesen sein; und ein weiterer Schritt des Ankommens im Leben als Exilschriftsteller, fern der Heimat unter Menschen, die einem Aufmerksamkeit schenken und entziehen wie es ihnen gerade passt.

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Doch nun bekommt er wieder die große Bühne, die größte, die der deutsche Kulturbetrieb zu bieten hat: Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012. Der Autor sei ein "unbeirrbarer Chronist", der Zeugnis ablege "für die Verstoßenen des modernen China", begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Entscheidung. "Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rande der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal." Es ist die bisher größte Ehrung für Liao, der von einigen auch als veritabler Nobelpreiskandidat gehandelt wird.

Verliehen wird der mit 25 000 Euro dotierte Preis am 14. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse – , ausgerechnet dort, wo Liao 2009 in Abwesenheit zum Star der internationalen Literaturbranche avancierte. Dass die Volksrepublik ihm damals die Ausreise verbot, um als Gastland der Buchmesse nicht mit seinen eigenen Dämonen konfrontiert zu werden, sorgte weltweit für Aufsehen. Dabei erhielt Liao früher auch in China Preise. In den 1980ern gehörte er zu einer Generation junger Dichter, die in Literaturzeitschriften den Ton der Nach-Mao-Ära angaben. Doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 änderte sich alles.

Aus dem Dichter wurde
der Reportageschriftsteller

Obwohl Liao das Blutbad nur aus dem über tausend Kilometer entfernten Chongqing mitbekam, war er schockiert. Seinem Entsetzen machte er in einem Gedicht mit dem Titel "Massaker" Luft, das auf Kassetten verbreitet wurde und bei Chinas Jugend schnell Kultstatus erlangte. "Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien", heißt es darin. "Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen." Zur Strafe wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt, Wärter und Mithäftlinge misshandelten ihn. Einmal bekam er 23 Tage lang die Hände auf den Rücken gefesselt. Liao erlitt Nervenzusammenbrüche und versuchte sich umzubringen. Seine Zellengenossen nannten ihn den "großen Irren".

Doch das Gefängnis öffnete Liao auch die Augen: Er begann China aus der Perspektive der Schwachen zu sehen und auf die Geschichten derer zu hören, die keine Stimme haben. Nach seiner Entlassung wurde aus Liao, dem Dichter, Liao, der Reportageschriftsteller, der durch China wanderte und das Leben am unteren Ende der Gesellschaft dokumentierte. Seine Bücher konnten nur im Ausland oder auf dem Schwarzmarkt erscheinen. Jahrelang war er Opfer von Repressionen. 2011 floh er deshalb über Vietnam nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin. Zwei seiner Bücher sind bisher auf Deutsch erhältlich: die Reportagesammlung "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" und die bedrückenden Gefängniserinnerungen "Für ein Lied und hundert Lieder".

Zu den Menschen, die er dort kennenlernte, gehört auch Li Bifeng, der nun wieder in Haft sitzt. Zum ersten Mal wurde Li wegen konterrevolutionärer Propaganda und Agitation verurteilt. Später saß er noch einmal ein, weil er einen Streik in einer Textilfabrik untersucht und damit den Ärger der Behörden hervorgerufen hatte. "Sollte er noch einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, wäre es das dritte Mal", schrieb Liao kürzlich an seine Bekannten." Wenn er zu 10 Jahren verurteilt würde, wäre Li Bifeng nach der Entlassung ein alter Hund. Das Leben eines hochtalentierten Dichters und Schriftstellers würde somit völlig zerstört." Immerhin ist sein Freund Liao Yiwu frei und kann Zeugnis ablegen. Wenn man ihm zuhört.

Autor: Bernhard Bartsch