Wichtiges vom Unwichtigem unterscheiden

Sarah Beha

Von Sarah Beha

Sa, 01. September 2018

Literatur & Vorträge

Der Erstlingsroman "Hier ist noch alles möglich" von Gianna Molinari bietet neue Perspektiven.

Ein Wolf und ein Flüchtling tauchen in dem Roman "Hier ist noch alles möglich" von Gianna Molinari auf. Reicht das, um von einem aktuellen und gesellschaftskritischen Buch zu sprechen? Immerhin setzt sich die 30-jährige Autorin, die in Basel geboren wurde und in Zürich lebt, in ihrem Erstlingsroman ausführlich mit Grenzen auseinander. Solche, die man sehen kann, und solche, die man nicht sehen kann. Gemeinsam haben sie aber alle, dass sie überwunden werden können. Diese theoretischen Gedanken werden in der Fabrik, in der die Protagonistin des Romans arbeitet, in ganz konkreten Bildern transportiert. Der Zaun, der die Fabrik umgibt, hat Löcher. In dem Raum, in dem die Protagonistin wohnt, löst sich der Putz von den Wänden. Das klingt ein wenig grau und langweilig und genau genommen ist das die passende Beschreibung für das Leben, das Molinaris Nachtwächterin in der Fabrik führt.

Viel erfährt man nicht über diese Ich-Erzählerin. Selbst ihr Geschlecht erschließt sich den Lesern entweder nur durch den Klappentext oder in einem Nebensatz irgendwann in der Mitte des Romans. Warum sie in einem großen Raum in der Fabrik, den sie ihre Halle nennt, leben möchte und nicht in einer Wohnung in der nahegelegenen Stadt, erfährt man genauso wenig wie den Grund für ihre selbstgewählte Isolation. Was ist also die Geschichte dieses Romans, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht? Eigentlich sind es viele verschiedene Geschichten, die erzählt werden. Denn wie der Titel verrät, kann in einem so monotonen Setting auch alles passieren. Das vermeintlich Nebensächliche, sei es in Form von losen Gedanken, Begegnungen oder tatsächlich eintreffenden Ereignissen, wird zur Hauptsache. "Ich versuche, das Unwichtige vom Wichtigen zu unterscheiden", sagt die Protagonistin im Buch. Und so erzählt sie in klaren, kurzen Sätzen von ihrem Alltag in der Fabrik, die bald geschlossen werden soll und auf deren Gelände vielleicht ein Wolf gesichtet wurde.

Noch so ein Einzelgänger und dazu eine unsichtbare, unberechenbare Bedrohung, die es zu bekämpfen gilt, während es in der Realität bereits nichts mehr gibt, um das es sich zu kämpfen lohnt. Eine Metapher für unsere Gesellschaft? Oder einfach eine schöne Geschichte? Der Roman lässt Raum für Interpretationen und – und das ist gemeinsam mit seiner starken und klaren Sprache seine Stärke – lädt die Leser ein, sich wie die Nachtwächterin auf Tagträumereien einzulassen.

Dabei lässt Molinari gewisse Motive immer wieder auftauchen: unentdeckte Wesen, Inseln, unbekannte Doppelgänger und ungeklärte Identitäten. Besonders am Schicksal eines Flüchtlings, der aus einem Flugzeug fiel und als namenloser Toter auf dem Friedhof der Stadt beerdigt wurde, nimmt die Protagonistin Anteil. Aber auch ihre wenigen Kollegen in der Fabrik, ihren Chef und die Mitarbeiter des nahegelegenen Flughafens porträtiert sie auf sanfte und aufmerksame Weise. Das Dokumentarische der Erzählung wird durch Zeichnungen, Dokumentenschnipsel und ganze Seiten füllende Fotografien ergänzt. Wie die Erzählung selbst geben sie Raum für eigene Interpretationen.

"Hier ist noch alles möglich" ist die wohltuende Erzählung einer modernen Nomadin und Eremitin. Gesellschaftliche Probleme wie die Angst vor dem Unbekannten, die Flüchtlingskrise und Existenzängste kommen darin zwar vor, erhalten aber mit dem Blick einer sich isolierenden Protagonistin eine neue Perspektive.

Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 192 Seiten, 18 Euro.