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15. Februar 2009 17:49 Uhr

Thema Papst: Theologische Diskussion in Freiburg

"So etwas wie ein persönliches Trauma"

Bei einer Diskussion in der Katholischen Akademie Freiburg sprachen Theologen und Erzbischof Robert Zollitsch über die möglichen Hintergründe der päpstlichen Entscheidung, Bischöfe der Pius-Bruderschaft von der Exkommunikation zu befreien.

  1. Steht derzeit heftig in der Kritik: Papst Benedikt XVI. Foto: ddp

Für Freiburgs Katholische Akademie ist es eine Sternstunde, auch wenn der Anlass schmerzt: Selbst die Stehplätze sind vergeben, eine Videoübertragung wird eingerichtet. Dabei geht es bei der aktuellen Podiumsdiskussion nicht um die schlagzeilenträchtige Holocaust-Leugnung Richard Williamsons. Die Diskutanten wollen sich mit den Hintergründen der päpstlichen Entscheidung beschäftigen, vier Bischöfe der Bruderschaft Pius X. von der Exkommunikation zu befreien, vor allem aber mit den Folgen: Auf wessen Kosten geht die angestrebte Einheit am rechten Rand des Katholizismus? Kündigt sich in Rom ein Kurswechsel an?

Bei allem innerkirchlichen Interesse ist es Akademiedirektor Thomas Herkert wichtig, zu Beginn "klar Stellung zu beziehen gegenüber einem Leugner des Holocaust". Seine Solidaritätsadresse an "unsere älteren Geschwister jüdischen Glaubens" verwendet mit Bedacht jene Formulierung, mit der sich das Zweite Vatikanische Konzil in den 60er Jahren vom Antijudaismus verabschiedete. Von den Pius-Brüdern wird sie abgelehnt – wie alle Versuche, christliche Grundwerte in die moderne Welt zu übersetzen.

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ZDF-Fachmann Jürgen Erbacher streut Salz in die Wunde: Zwar ist man sich auf dem Podium einig, dass Benedikt XVI. Williamsons Äußerungen wohl nicht gekannt hat. Als Kardinal Joseph Ratzinger habe er aber 1988 die Verhandlungen mit den Pius-Brüdern geleitet – in Rom sei niemand so gut über deren Antijudaismus informiert wie er. Auch dass die Gruppe sich nun keinesfalls entgegenkommend zeigt, sei wenig überraschend. Erbacher vermutet deshalb "so etwas wie ein persönliches Trauma": Dass es Ratzinger 1988 nicht gelungen sei, den Bruch zu verhindern, verfolge ihn bis heute.

Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, wählt ebenfalls deutliche Worte, wirbt aber auch um Verständnis für den "Versuch eines Mannes, der seine Aufgabe sehr ernst nimmt". Zu der gehöre ganz wesentlich die Einheit der Kirche. Eine endgültige Abspaltung wäre ein "Alptraum" für Benedikt, weil die Pius-Bruderschaft über vier gültig geweihte Bischöfe verfüge, die eine neue Kirche begründen könnten. Dass Benedikts Geste aber zum Erfolg führen könnte, sieht auch Zollitsch nicht mehr. Stattdessen wittert er im Geschenk an die wenigen Traditionalisten die Gefahr, "die Einheit mit den Orthodoxen und den Protestanten ein bisschen zu vergessen".

Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet legt nach: Für ihn ist das Konzil mit seinem Bemühen um Dialog und die Früchte der Aufklärung eine Rückkehr zur Substanz christlichen Glaubens, "weil es nichts anderes will als die Freiheit des Menschen". Was bedeutet die Rückholung einer Gruppe, die das ablehnt? Darf es in der Substanz Toleranz geben? Holt man sich nicht völligen Relativismus in die Kirche? Beschädigt der Papst nicht sein eigenes Amt?

Das Image des Vatikans hat gelitten. Striets Kollege, der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier, macht das nicht nur an der Kommunikation nach außen fest, sondern zeigt am Vorgang selbst Verwirrendes auf. Weder ist der Gnadenakt formal ohne Weiteres nachvollziehbar, noch kann Bier die angeblich weiter bestehende Suspension der Bischöfe von ihren Ämtern erkennen – wenn überhaupt, so seien nur drei der vier gültig suspendiert und dies nicht in vollem Umfang.

Auf dem Podium und im Saal ist deutlich zu spüren, dass man dem deutschen Papst mehr Missgeschick als Absicht unterstellt, seiner Kurie aber auch einigen Dilettantismus. Der jüngste Eklat sei ja nicht der erste Kommunikations-GAU des Pontifikats, gibt Herkert zu bedenken. Erbacher und Zollitsch bestätigen aus Hintergrundgesprächen, dass in die Entscheidung nur wenige Personen einbezogen waren, Erbacher zeigt sich überzeugt, dass dabei nicht alle Aspekte geprüft wurden. "Johannes Paul II. hatte seine berühmten Mittag- und Abendessen, bei denen er Fragen in die Runde gab und nur zuhörte. Das gibt es jetzt weniger oder kaum. Es werden viele Dossiers für den Papst erstellt, aber es gibt keine Diskussion." Allerdings sitze diesmal der Schreck tief: "Ich hoffe, dass spätestens jetzt die Dinge in Bewegung kommen."

Etwas Positives können die Teilnehmer dem Vorfall abgewinnen: Alle erwarten eine rasche Klärung des Verhältnisses zur Pius-Bruderschaft. Und der Streit selbst hat eine neue, breite Positionierung hinter den Ergebnissen des Konzils provoziert, bis hinauf zum Papst. Auch dass der aktuelle Protest so möglich war, ist eine Frucht des Konzils, sagt Striet. Ein versöhnlicher Ausblick für die vielen Zuhörer, für deren Fragen die Hälfte der Zeit reserviert war.

Autor: Jens Schmitz