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Wolfgang Fischers bestürzendes Drama "Styx" über Leben und Tod auf dem Meer

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Fr, 07. September 2018 um 21:28 Uhr

Kino

Der vielfach preisgekrönte Spielfilm "Styx" handelt von dem Flüchtlingssterben auf See und unterlassener Hilfeleistung – immer begleitet von der Frage: "Was würde ich tun?"

Sie ist eine toughe, starke Frau – eine, die sich in jeder Situation zu helfen weiß. Sich und anderen. Rike (Susanne Wolff) ist Notärztin in Köln, wir sehen sie beim Einsatz nach einem nächtlichen Autorennen, sie leitet die Rettung, der Raser muss seine hirnlose Aktion nicht mit dem Leben bezahlen. Schnitt.

Die Ärztin landet auf Gibraltar und nimmt ihr Segelboot in Besitz, eine kleine Yacht namens Asa Gray, Heimathafen Westerland. Gibraltar ist nicht irgendein Ort: Nirgendwo sind sich Europa und Afrika geographisch so nahe wie hier, an der Südspitze der Iberischen Halbinsel. Seit mehr als 300 Jahren ist Gibraltar britisches Überseeterritorium, und ebenso lange erhebt Spanien Anspruch darauf. Aber solange es noch Affen auf dem Felsen von Gibraltar gibt, sagt die Legende, bleibe das Gebiet britisch.

Zu Filmbeginn klettern die berühmten Berberaffen sogar auf den Hausfassaden herum, irgendetwas scheint aus dem Lot geraten, ein sprechendes, ein symbolisches Bild, das sich im Verlauf des Dramas erst langsam erschließt. Jetzt sticht Rike erst einmal in See. Weg vom stressigen Job, allein sein mit sich und den Elementen. Proviant und Profiausrüstung sind an Bord, unerschrocken und souverän ist sie ohnehin. Ascension Island heißt das Ziel ihres Solotrips. Was sie dort suche, wird sie beim Funkkontakt mit einem vorüberfahrenden Frachtschiff gefragt, und Rike schwärmt von der Insel im Südatlantik zwischen Afrika und Südamerika, vom tropischen Regenwald, der dort nach Plänen von Charles Darwin aufgeforstet wurde: unberührte Natur, ein Paradies, wenn auch ein vom Menschen angelegtes.

Es ist einer der wenigen Dialoge im ganzen Drama, dazu ein leichtes, beinahe liebevolles Gespräch. Der Mann am Funkgerät warnt vor einem aufziehenden Sturm, bietet Hilfe an, wenn nötig, und wünscht ansonsten gute Reise ins Paradies. Es wird eine Höllenfahrt. Nicht wegen des Unwetters: Das ist zwar heftig, aber die Seglerin weiß damit umzugehen, wie immer sitzt bei ihr jeder Handgriff.

Ihre Hilflosigkeit beginnt erst am Morgen danach, als sich der Sturm gelegt hat und das Meer wieder von seiner sanften Seite zeigt: In Sichtweite der Asa Gray ist ein überfülltes Fischerboot havariert. Rike verständigt die Küstenwache, man sagt Hilfe zu, aber nichts geschieht. Ihre Notrufe per Funk werden immer dringlicher, die Behörden vertrösten weiter und warnen sie, sich dem Flüchtlingsboot zu nähern: Das würde das Chaos nur vergrößern. Zu Recht: Ihr Elf-Meter-Boot kann nicht Dutzende Schiffbrüchiger aufnehmen, und je näher sie dem Trawler kommt, desto mehr Verzweifelte stürzen sich ins Meer, um zur Yacht zu schwimmen – und ertrinken vor ihren Augen.

Was würde ich tun?

Einem immerhin kann sie den Rettungsring zuwerfen, ihn an Bord zu hieven, übersteigt aber schier die Kräfte der durchtrainierten Ärztin, denn der etwa 14 Jahre alte Junge ist verletzt und ohne Tonus. Sie versorgt seine Wunden, holt ihn zurück ins Leben. Aber jetzt? Auch vom Frachter, mit dem es den netten Funkkontakt gab, ist keinerlei Hilfe zu erwarten, man habe strikte Anweisung, sich in solche Fälle nicht einzumischen.

Der 1970 geborene österreichische Regisseur Wolfgang Fischer ("Was du nicht siehst") zeigt in seinem vielfach preisgekrönten Spielfilm "Styx" das Drama "solcher Fälle" von Flüchtlingssterben und unterlassener Hilfeleistung auf inhaltlich wie formal bestechende Weise. Er lässt sich viel Zeit, seine Hauptfigur einzuführen als eine von uns – keine wilde Abenteurerin, sondern eine gutsituierte, reflektierte Frau, obendrein durch den hippokratischen Eid in besonderer Weise verpflichtet, Leben zu retten.

Schauspielerin Susanne Wolff, selbst eine passionierte Seglerin, macht den Film, der ganz der ihre ist, jederzeit transparent für die Frage des Zuschauers: "Was würde ich tun?" Dazu muss Kameramann Benedict Neuenfels den Tod auf dem Meer nicht in Horrorbilder setzen, es genügt, das Dilemma der einen Frau zu spiegeln in dem einen Jungen, den sie retten kann: Gedion Odour Wekesa, der in einem Slum in Nairobi gecastet wurde, macht alle Angst und Hoffnung der Flüchtlinge sichtbar – und die ohnmächtige Wut, dass diese Frau nicht mehr tut.

Sie wollte schon, setzt sogar einen Notruf für ihr eigenes Boot ab, damit schneller jemand kommt, aber vergebens. Am Ende liegt sie mit erloschenen Augen auf einem hochgerüsteten Rettungsschiff, während rechts und links von ihr die Toten in Plastiktüten vorbeigetragen werden, und wird darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich für ihr eigenmächtiges Handeln verantworten muss: Humanität als potentieller Straftatbestand.

"Styx" ist mit seiner packenden Inszenierung, der Mischung aus quasidokumentarischer Nüchternheit und aufwühlendem Psychodrama, mit spektakulären Bildern, gedreht auf offener See, und mit seiner äußerst sparsamen Orchestrierung ein rundum großartiger Film. In der Mythologie trennt der Unterweltfluss Styx, das "Wasser des Grauens", die Lebenden von den Toten. In der Gegenwart fließt dieses Wasser des Grauens im Festungsgraben um Europa.

"Styx" (Regie: Wolfgang Fischer) kommt am Donnerstag, 13. September, in die Kinos. (Ab 12)