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26. September 2009 19:39 Uhr

Verbrechen

Die Oktoberfestbombe

Am 26. September1980 tötete die Bombe eines Donaueschinger Studenten auf dem Oktoberfest 13 Menschen. Es war das schlimmste Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik. Warum wurde es nie richtig aufgeklärt? Das Protokoll eines Verdachts.

  1. Wolfgang Schorlau (58) lebt und arbeitet als Autor politischer Kriminalromane in Stuttgart. Deren Hauptfigur ist Georg Dengler, ein ehemaliger BKA-Mann, der sich als Privatermittler selbstständig macht. Im November erscheint – zum Thema des Beitrags auf dieser Seite – Schorlaus neuer Roman: „Das München-Komplott“. Foto: dpa

Es lag wohl an diesem bestimmenden Ton, dass ich sofort annahm, der Anrufer müsse ein Polizist sein. "Wir haben Informationen für Sie, die Sie sicherlich interessieren", sagte der Mann und fügte – als er mein Zögern bemerkte – hinzu, dass er meine Nummer von einem gemeinsamen Bekannten habe. Auch dieser Bekannte war Polizist. "Können wir Sie treffen?" "Wann und wo?", fragte ich. "Wir stehen vor Ihrem Haus", sagte der Mann. Die Stimme klang sympathisch, ohne darauf bedacht zu sein, und das war es wohl, warum ich mich spontan entschied, zu den zwei Männern ins Auto zu steigen, die ich nicht kannte und die sich mir in dieser Nacht auch nicht namentlich vorstellten.

Sie gaben mir Akten zu lesen, Ermittlungen der Sonderkommission Theresienwiese, die nach dem schlimmsten Terrorakt gegründet wurde, den die Bundesrepublik je erlebt hat: das Attentat auf das Oktoberfest am 26. September 1980, das 13 Menschen tötete und über 200 verletzte oder verstümmelte.

  "Plötzlich sah ich eine Stichflamme,
  die 20 Meter hoch war."

Bis zum frühen Morgen las ich in den Akten, die die beiden mir vorlegten. Sie beantworteten hin und wieder eine Frage, wiesen mich auf Widersprüche in der Ermittlung hin, ansonsten schwiegen sie. Ich vermutete: dass die beiden pensionierte Polizisten seien, die in dieser Sonderkommission gearbeitet hatten und dass sie über die Jahre hinweg wegen dieser Sache das Gewissen geplagt haben muss. Bis heute weiß ich es nicht genau. So wortkarg die beiden Männer damals auch waren, so eindeutig war ihr Motiv: Sie wollten mich auf diese Spur setzen, und je mehr ich in dieser Nacht darüber las, desto sicherer war ich, dass ich hier das Thema für meinen neuen Roman gefunden hatte.

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Seither habe ich mich fast ein Jahr lang mit diesem Attentat beschäftigt. Je mehr ich darüber las, desto mehr zweifelte ich an der offiziellen Version, dass ein verwirrter Einzeltäter verantwortlich gewesen sein soll, und es stellten sich einige dringende Fragen.

  "Dann erfolgte eine ungeheurer Schlag,
  der die ganze Festwiese erschüttert."


Sonderkommission und Bundesanwaltschaft waren damals zu dem Schluss gekommen, das Attentat – bei dem eine Bombe in einem Papierkorb deponiert worden war, die abends um 22.19 Uhr explodierte – sei allein von dem Donaueschinger Studenten Gundolf Köhler begangen worden. Man hielt an dieser Theorie fest, obwohl Zeugen wie Frank Lauterjung angaben, dass Köhler kurz vor der Explosion erregt mit zwei Männern diskutiert habe. Lauterjung schilderte, wie Köhler mit einem Koffer in der einen und einer Tüte in der anderen Hand auf den Papierkorb zugegangen sei, den Koffer abgestellt habe, zu dem Papierkorb getreten sei und etwas hineingelegt habe. Lauterjung wurde von den Ermittlern zunächst als glaubwürdig eingestuft, doch dann versuchten sie, ihn zu einer Änderung seiner Aussage zu bewegen. Er weigerte sich. Dann starb er überraschend einige Wochen später im Alter von 36 Jahren an Herzversagen. Eine Untersuchung, ob sein Tod mit dem Attentat in Verbindung stand, verlief ergebnislos. Eine von vielen Ungereimtheiten in diesem Fall.

  "Danach war es erst totenstill. Dann Schreie."

Der Münchner Journalist Ulrich Chaussy zitiert in seinem Buch Oktoberfest, ein Attentat eine weitere Zeugin: "Da waren zwei Männer, ein älterer, circa 35, und ein jüngerer, der war 25, 26 Jahre, groß, hatte blonde kurze Haare. Der jüngere hat wild um sich geschlagen und hat immer wieder geschrieen: Ich wollt’s nicht! Ich kann nichts dafür! Bringt’s mich um! Ich kann nichts dafür! – Ich wollt’s nicht!" Eine ähnliche Aussage legten mir die beiden Unbekannten in jener Nacht auch vor. Man fragt sich, warum nach diesen Männern nie gefahndet wurde.

  "Der Mann, der eben noch vor mir stand,
  lag plötzlich zehn Meter weiter von mir
  entfernt. Beide Beine waren abgerissen.
"

Ebenfalls offen ist, wie der Attentäter an die Bombe gekommen sein soll, die aus einer mörderischen Ladung von Nägeln, Schrauben, Muttern und kantigen Metallstücken bestand und 40 Meter weit streute. Beim Bau einer solchen Bombe müssen unterschiedliche Kenntnisse zusammengeführt werden: über Sprengstoff, Zünder, Logistik, Finanzierung, Montage, Transport. Allein zur Beschaffung des Sprengstoffs sind in der Regel viele Personen nötig. Und: Sprengstoff, in diesem Fall TNT, war und ist nicht billig. Köhler war ein Student, nicht reich. Wie war er an das Geld gekommen, woher hatte er die Beziehungen? Wer waren seine Lieferanten? All diese Fragen sind bis heute nicht geklärt.

  "Vor mir lag ein Kind. Der ganze
  Körper war zerfetzt, der Bauch offen.
"

Köhler konnte sie selbst nie beantworten. Er kam bei dem Anschlag ums Leben. Er hatte Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann. Er war befreundet mit Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge, die der rechtsextremen terroristischen Vereinigung Deutsche Aktionsgruppen nahe standen. Diese hatten bereits einen Tag nach dem Oktoberfestattentat ausgesagt, dass der Rechtsextremist Heinz Lembke ihnen Waffen, Sprengstoff und Munition angeboten und von umfangreichen Waffendepots erzählt habe. Leider ging die Staatsanwaltschaft diesem Hinweis nicht nach. Erst ein Jahr später entdeckten Waldarbeiter in der Lüneburger Heide bei Uelzen zufällig Lembkes Waffendepot. Heinz Lembke wurde verhaftet, als er es aufsuchte. In Untersuchungshaft offenbarte er die Lage von 33 weiteren illegalen Waffen- und Sprengstoffdepots. Sie enthielten automatische Waffen, 14 000 Schuss Munition, 50 Panzerfäuste, 156 Kilo Sprengstoff und 258 Handgranaten. Auch erklärte er, dass er bereit sei, die Wahrheit über den Oktoberfestanschlag auszusagen. Dazu kam es jedoch nicht, denn einen Tag vor seiner Vernehmung wurde er erhängt in seiner Gefängniszelle in Stadelheim aufgefunden. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Lembke wurde als Einzelgänger dargestellt, der die Waffenlager aus Furcht vor einer sowjetischen Invasion angelegt habe.

  "Einem Verkäufer hatte die Druckwelle eine
  Handvoll Lose weggefegt. Während die
  Menschen schrien und verbluteten, suchte
  er wie ein Irrer nach seinen Losen.
"

Ulrich Chaussy verwies mich auf ein anderes wichtiges Buch. Der Berliner Journalist Tobias von Heymann hatte die geniale Idee zu recherchieren, was die Stasi über das Oktoberfestattentat wusste – und stieß auf mehr als 12 000 Blatt Unterlagen. Sein Buch Die Oktoberfestbombe, München 26. September 1980 dokumentiert sie. Beim Lesen des Buches bekam ich den Eindruck, dass die Informanten der Stasi mitten in der Münchner Sonderkommission gesessen haben mussten, in der Bundesanwaltschaft und nicht zuletzt in der Wehrsportgruppe Hoffmann und im Verfassungsschutz. Aufschlussreich ist die Mitteilung, dass der Verfassungsschutz zwanzig Stunden vor dem Attentat eine großangelegte Operation unter dem Codewort "Aktion Wandervogel" gegen die Wehrsportgruppe Hoffmann startete.

Man fragt sich, ob dies ein Zufall war oder ob westdeutsche Behörden nicht zumindest auch gewusst haben müssen, dass ein spezielles Mitglied dieser Gruppe gerade mit einer verheerenden Bombe auf dem Weg nach München war. Wollten sie ablenken?

  "Überall wälzten sich verstümmelte Menschen
  schreiend in ihrem Blut. Ich kümmerte mich zu
  nächst um ein zwölfjähriges Kind. In seinem
  Bauch steckte ein fingerdicker Splitter.
"

Ein Detail allerdings hat mich besonders irritiert: Nach dem Attentat fand sich an der Stelle des Tatorts auf der Wies’n auch eine Fingerkuppe, die durch die Explosion abgerissen worden war. Bis heute weiß man nicht, wem sie gehört. So wurde sie zu den Asservaten genommen. Der Anwalt Werner Dietrich, der im Namen einiger Opfer für Wiederaufnahme des Verfahrens eintritt, beantragte 2008 die Feststellung der DNA dieser Fingerkuppe: "Es ist wie eine offene Wunde, wenn man in dem Bewusstsein lebt, dass die Schuldigen vielleicht noch frei herumlaufen", sagte er.

Die Antwort der Bundesanwaltschaft zerstörte jedoch jede Hoffnung auf Aufklärung. Die Beweismittel gebe es nicht mehr, hieß es. Ende 1997, teilte die Bundesanwaltschaft mit, seien die Asservate zur Vernichtung freigegeben worden. Dies sei ein ganz normaler Vorgang in einem abgeschlossenen Fall.

In Wahrheit ist es wohl eher ungewöhnlich, denn es gab in diesem Fall weder einen Freispruch noch eine Verurteilung, sondern nur einen mutmaßlichen toten Attentäter. Man denke an die Asservate im Fall des Mordes an Generalstaatsanwalt Buback, die beispielsweise nicht vernichtet wurden, sondern vor einigen Wochen zur Festnahme von Verena Becker geführt haben.

Letztlich aber wurde mir beim Aktenstudium klar, dass man einen Schritt weiter gehen kann und muss. Die eigentümliche Nähe von Rechtsterroristen und Geheimdiensten zum Attentat, das Nichtbeachten wichtiger Zeugenaussagen, der plötzliche Tod von Zeugen sowie das Vernichten von Beweismitteln weisen noch in eine andere Richtung.

Heymann sieht Indizien, dass die Stasi das Attentat nicht als singuläres Ereignis betrachtet hat, sondern als Glied einer Kette von Anschlägen in Westeuropa, die von Rechtsextremen begangen, aber von Geheimdiensten geplant und verschleiert wurden. Entsetzlicher Höhepunkt war das Attentat auf den Hauptbahnhof in Bologna, bei dem 85 Menschen starben. Zunächst schrieben die Behörden es den Roten Brigaden zu, dann aber, nach Recherchen mutiger Staatsanwälte, kam heraus, dass dahinter ein europaweites Nato-Kommando stand, das in Italien unter dem Namen "Gladio" (Schwert) bekannt wurde.

Ursprünglich war diese Truppe als Partisanenarmee gedacht gewesen, die eingreifen sollte, falls die Sowjetunion Westeuropa überrennen würde. Dann aber ging Gladio dazu über, Terrorakte und politische Morde zu verüben, die dann der Linken zugeschoben werden sollten. Sie verbündete sich in Europa mit Rechtsextremen und Neonazis, die die Drecksarbeit übernahmen. Der ehemalige italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti gab die Existenz dieses Bündnisses am 3. August 1990 auf eine Parlamentsanfrage hin zu und verwies auf ähnliche Operationen dieser Geheimarmee in anderen europäischen Staaten, so auch in Deutschland. In vielen Staaten gab es daraufhin Untersuchungsausschüsse, in Deutschland leider nicht. Heinz Lembke beispielsweise soll Gladio angehört haben. Es ist bis heute nicht bekannt, was mit deren versteckten, umfangreichen Waffen- und Ausrüstungsarsenalen geschehen ist.

Es ist nicht nur die Trauer um die vielen Opfer, die diese Nacht mit zwei Polizisten und ihrem Material in mir hervorrief. Fast 30 Jahre danach geht es auch um die Frage, warum es bis heute nicht gelingt, eine Partei wie die NPD zu verbieten – dabei wird vor allem auf die zahlreichen V-Männer verwiesen, die man schütze müsse. Oder aber es gibt dunkle Stellen in der "gemeinsamen" Vergangenheit von radikalen Rechten und Geheimdienst, auf die kein Licht fallen soll. Das Attentat auf das Oktoberfest vor 29 Jahren scheint einer dieser dunklen Flecken zu sein.

Hinweis: Die Zitate im Beitrag sind Augenzeugenberichte aus Zeitungen von 1980.

Autor: Wolfgang Schorlau