Ein ganzes Orchester auf kleinstem Raum

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 30. Dezember 2018

Elsass

Der Sonntag Johann Gebert restauriert in seiner Werkstatt in einem ehemaligen Gasthof in Volgelsheim im Elsass Musikautomaten.

Johann Gebert ist Kunstschreiner, Feinmechaniker, Instrumentenbauer, Maler und Detektiv: Er restauriert Musikautomaten. Es sind meist große Orchestrien, wie sie auf Jahrmärkten zu finden waren. Gebert lebt und arbeitet in einem ehemaligen Gasthof in Volgelsheim im Elsass.

"Drehorgelbau Johann Gebert", ist der Firmenname. Das ist schwer untertrieben. Denn mit Drehorgeln, den Leierkästen, wie sie leicht verächtlich im Volksmund genannt wurden, beschäftigt er sich nur noch am Rande. Das Arbeitsgebiet der 52-Jährigen sind schrankgroße Musikautomaten, Orchestrien genannt, so, wie sie früher auf Jahrmärkten zu sehen und zu hören waren. Auf kleinstem Raum enthalten sie die Instrumente ganzer Orchester oder imitieren sie, daher der Name. Es sind Orgeln, Schlaginstrumente, Klaviere, und Streichinstrumente, die mit Zungenstimmen nachgeahmt werden. Gespielt und angeregt werden die Instrumente in einem Orchestrion mit Luft aus Blasebälgen, die ihrerseits einen Motor zum Antrieb benötigen.

Musikautomaten hatten ihre Blütezeit zwischen 1880 und 1920. Sie dienten der Unterhaltung und standen nicht nur auf Jahrmärkten, sondern auch in Tanzsälen und Kaffeehäusern. Um 1930 war alles schon wieder vorbei. Die Wirtschaftskrise, und vor allem die technische Innovation mit Schallplatte und elektrisch verstärktem Ton machte der Welt der Musikautomaten ein Ende. Dabei war ihre Technik kurz zuvor selbst innovativ gewesen. Vor allem die raffinierte Steuerung mit Walzen und ab 1880 mit Noten-Rollen aus Papier war bahnbrechend.

In Johann Geberts Werkstatt strebt gerade ein Prachtexemplar von einem Orchestrion aus dem Jahr 1922 der Vollendung entgegen. Vier Jahre hat Gebert daran gearbeitet, im Januar wird es fertig sein. Nur Schönheitspflege an den üppigen Verkleidungen ist noch zu erledigen, wie das Aufbringen von Blattgold. Der Klang eines solchen Orchestrions ist ungeheuer laut, viel lauter als eine Kirchenorgel mit ihren vielen Orgelpfeifen. Wie gut es klingt, entscheiden aber nicht nur die Konstruktion und die Qualität ihrer Instrumente, sondern vor allem die Qualität der Noten-Rolle mit den gestanzten Löchern darin. Die Position der Löcher lässt die Musik lebendig klingen, wenn es gut gemacht wurde, oder wie von einer Maschine. Ein "Arrangeur" war dafür zuständig. Er arrangierte Musikstücke für die Musikautomaten, indem er an der richtigen Stellen Löcher in Papierrollen stanzte – seinerzeit ein eigener Berufsstand.

"Stur durchgetaktet wäre jedes Stück langweilig", sagt Gebert, in der Orgelhochburg Waldkirch gab es deshalb in der Musikschule Klassen für Arrangeure. Besonders raffiniert waren die Arrangements für die Automaten der Firma Weber aus Waldkirch, einem Betrieb mit 60 Mitarbeitern, der sehr wertbeständige Automaten baute. "Das waren so Schwarzwälder Holzköpfe, die haben unglaublich aufwendig gebaut, konstruierten noch mit Druckluft, als die anderen schon mit Unterdruck arbeiteten", sagt Gebert. Bei ihm in Arbeit ist derzeit ein Weber-Erato von 1913, das auch schon fast fertig ist, und bald an die Waldkircher Orgelstiftung geht.

Mit Holzköpfen kennt sich Gebert aus, vermutlich war er selbst mal einer, wenn auch vom Tuniberg aus Merdingen. Denn mit fünfzehn Jahren flog er von der Schule, zum Glück für den Fortbestand der Musikautomaten, denn er begann eine Lehre im Drehorgelbau bei Frédéric Keller in Finsterlingen im Hotzenwald – sichere 90 Kilometer von den Eltern und der Schule weg. Bei Frédéric Keller hatte er zuvor in den Schulferien gejobbt.

Inzwischen ist Johann Gebert seit über 30 Jahren selbstständig und lernt immer noch hinzu, wie er sagt. In dem Ensemble aus Werkstätten in seinem Haus in Volgelsheim ist seit einigen Jahren auch eine Metallgießerei untergebracht. Denn Metallteile, die häufig bei den restaurierungsbedürftigen Apparaten fehlen, kann er hier individuell anfertigen. Ebenso hat er sich das Elektrohandwerk angeeignet, um etwa die Wicklungen besonders leiser Spezialmotoren selbst herzustellen. Bei aller handwerklicher Perfektion ist die wichtigste Voraussetzung, um die vielen Berufe von Johann Gebert bei seiner Restaurierungsarbeit zu vereinen, jedoch die Liebe zur Musik: "Ohne Klangvorstellung", sagt er, "geht gar nichts."