Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
28. Februar 2009
"Heimat ist heute eine Frage der Lebensart"
BZ-Interview mit Sven von Ungern-Sternberg, Präsident des Vereins, über den Heimatbegriff, Identität und Zuwanderer, wie er selbst einer ist
100 Jahre Badische Heimat sind Anlass zur Rück-, aber auch zur Selbstbesinnung in diesem Verein. Was heißt heute badisch, was Heimat? Darüber sprach Wulf Rüskamp mit dem Präsidenten der Badischen Heimat, Sven von Ungern-Sternberg.
BZ: Reden wir zuerst über Heimat: Das Wort klingt für viele gefühlsduselig.Ungern-Sternberg: Heimat ist sicherlich emotional besetzt. Aber das ist gut so, denn unser Leben wird nicht nur durch den Verstand bestimmt.
BZ: Vor 100 Jahren hatte Heimat noch eine andere Bedeutung als heute.
Ungern-Sternberg: Richtig. Wir leben heute in einer global vernetzten Welt. Deshalb gewinnt der Wunsch nach überschaubaren Verhältnissen, nach vertrauter Umgebung eine neue Bedeutung. Das kann als Sehnsucht nach Heimat verstanden werden. Deshalb hat der Begriff heute auch eine sehr moderne Färbung.
BZ: Ist Baden für diesen Heimatbegriff nicht schon zu groß?
Ungern-Sternberg: Das Heimatgefühl baut sich in konzentrischen Kreisen auf, von der direkten Nachbarschaft über die Heimatstadt bis hin zu Einzellandschaften wie Hochschwarzwald oder Markgräflerland. Darüber aber gibt es eine Regional-Identität, die in Baden so stark ausgeprägt ist wie in kaum einer anderen deutschen Landschaft – das badische Lebensgefühl eben.
Werbung
Ungern-Sternberg: Man kann nicht alle Begriffe, die die Nazis für sich instrumentalisiert haben, aus dem Sprachschatz streichen. Das wäre ja für die Nazis ein völlig unverdienter Sieg im Nachhinein. Der Begriff Heimat ist so zeitlos, dass ihn auch dieser Missbrauch nicht ad absurdum führen konnte. Die Badische Heimat hat sich zudem nicht völlig von den Nazis vereinnahmen lassen. Natürlich wurde im Geist der Zeit die völkische Gemeinschaft beschworen, aber den exzessiven Nazijargon finden Sie in den Schriften der Badischen Heimat jener Jahre nicht.
BZ: Heute wird Heimat nicht völkisch, sondern kulturell verstanden...
Ungern-Sternberg: In der Tat ist Heimat heute eine Frage der kulturellen Identität, der Lebensart, die stark auch von der Landschaft geprägt ist. Den badischen Raum zeichnet eine große Integrationsfähigkeit aus, der Zuwanderer spätestens in der zweiten Generation hier heimisch werden lässt. Deshalb sind alle völkischen Definitionen Unsinn.
BZ: Wurde dieser Bedeutungswandel in der Badischen Heimat reflektiert?
Ungern-Sternberg: Der Verein hat sich immer mit dem Begriff Heimat auseinandergesetzt, und er hat von Jahrzehnt zu Jahrzehnt neue Akzente gesetzt. Als es etwa um die politische Badenfrage ging, hatte Heimat eine andere Bedeutungskomponente. Heute finden Sie bei uns keine altbadischen Separatisten mehr.
BZ: Damit sind wir beim zweiten Namensbestandteil, bei badisch: Richtet sich das nicht auch gegen Württemberg?
Ungern-Sternberg: Nein. Wir haben Bündnispartner in ganz Baden-Württemberg, die sich mit regionalen Fragen der Geschichte, Denkmalpflege, des Landschaftsschutzes oder Brauchtums kümmern. Mit dem Schwäbischen Heimatbund, der gleichfalls 100 Jahre alt wird, arbeiten wir in wichtigen Fragen wie der Zukunft von Kloster Salem oder in der Finanzausstattung des Denkmalschutzes zusammen. Aber wir achten darauf, dass das badische Element in Baden-Württemberg angemessen gewürdigt wird.
BZ: Der Vergleich mit dem württembergischen Landesteil ist also wichtig...
Ungern-Sternberg: In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich die Badische Heimat mit ihrer Zeitschrift der Geschichtspflege verschrieben und sich kaum in Aktuelles eingemengt. Da gibt es jetzt eine gewisse Kurskorrektur: Wir werden politischer auftreten. Aber das bedeutet keine Gegnerschaft zu Stuttgart.
BZ: Auch nicht, wenn es um badische Kunstschätze geht?
Ungern-Sternberg: In der Frage haben wir deutlich Position bezogen. Auch etwa zum Ausbau der Rheintalbahn, wo ja jetzt die Landesregierung genau auf unserer Linie liegt. Wir wollen in Zukunft verstärkt Sachwalter badischer Interessen sein.
BZ: Badisch: das ist ein Attribut, das Sie als gebürtiger Berliner nicht natürlicher Weise für sich beanspruchen können.
Ungern-Sternberg: Alemanne – das muss man wohl von Geburt aus sein. Aber Badener kann man werden. Von Haus aus bin ich in der Tat kein Badener. Aber ich bin gern einer geworden.
