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07. Dezember 2017 08:22 Uhr

Protestanten

Landeskirchen behandeln Homosexuelle unterschiedlich

Während die badische Landeskirche 2016 beschlossen hat, gleichgeschlechtlichen Paaren kirchliche Trauungen zu ermöglichen, lehnt dies die württembergische ab. Mehr noch.

  1. Baden-Württemberg beherbergt eine der liberalsten und eine der konservativsten der 20 deutschen Landeskirchen in unmittelbarer Nachbarschaft. Foto: dpa

Vor dem Gesetz sind Liebesbeziehungen zwischen Erwachsenen gleich: Das hat der Bundestag im Juni entschieden. Dem Interesse der Gesellschaft an Nachwuchs entspricht der Staat am effektivsten über direkte Kinderförderung. Ob dabei Verhältnisse zwischen Männern und Frauen gottgefälliger sind als homosexuelle, ist daneben eine religiöse, keine standesamtliche Frage.



Entsprechende Diskussionen haben daher in Glaubensgemeinschaften ihren Platz, das ist auch gut so. Welch breit gefächertes Meinungsspektrum dort existiert, zeigt aktuell der Vergleich zwischen den beiden evangelischen Landeskirchen in Baden-Württemberg. Während die badische 2016 beschlossen hat, gleichgeschlechtlichen Paaren kirchliche Trauungen zu ermöglichen, hat die württembergische vergangene Woche sich nicht nur gegen ein solches Begehren entschieden. Selbst der bescheidenere Vorschlag, wenn schon nicht dem Ehebund, dann wenigstens den an ihm beteiligten Menschen eine öffentliche Segnung zu ermöglichen, fand keine Mehrheit.

Baden-Württemberg beherbergt damit eine der liberalsten und eine der konservativsten der 20 deutschen Landeskirchen in unmittelbarer Nachbarschaft. Das ist keineswegs Zufall. Zwischen den beiden Landeskirchen gibt es gravierende Unterschiede nicht nur in weltanschaulicher, sondern auch in organisatorischer Hinsicht. Die württembergische hält eine Sonderstellung, und der Versuch, die Strömungen unter ihrem Dach in einen Dialog zum Thema zu bringen, lief auch nicht störungsfrei.

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Zu den wichtigsten Differenzen gehört die ideologische Ausrichtung: Die Evangelische Landeskirche in Baden gehört zu den unierten in der EKD und hat eine liberalere Tradition; die Landeskirche in Württemberg ist lutherisch und damit schon grundsätzlich konservativer geprägt. In Württemberg ist es obendrein gelungen, fromme Pietisten-Gemeinschaften an Bord zu halten, die sich andernorts selbst aus lutherischen Landeskirchen verabschiedet haben. Die zahlreichen Freikirchen in Südbaden beispielsweise stehen meist außerhalb der Landeskirche.

Hinzu kommt ein Alleinstellungsmerkmal in der Struktur: Württemberger Protestanten wählen nicht nur ihren Gemeinderat, sondern auch die Mitglieder der Landessynode, also des Parlaments, das die Geschicke der Landeskirche lenkt. Diesen Urwahl-Ansatz gibt es außerhalb Württembergs nirgends. Ihm verdankt sich, dass in der Synode keine in Bezirks- oder Stadtgremien vordiskutierten Anschauungen aufeinandertreffen, sondern die ungefilterten, aber eben auch kontroversen Positionen der Basis. Gesprächskreise bündeln zwar manche Thesen. Fraktionszwänge gibt es aber keine, und einen obersten Entscheider erst recht nicht – den ersetzt die demokratische Abstimmung.

Die Basis kommt direkt zu Wort

Es spricht manches dafür, umstrittene Fragen auf diese Weise transparent zu verhandeln, statt per Diktat Sicherheiten zu suggerieren, die es kaum gibt. Wie ernst Christen die Homosexualitätsverbote des Alten Testaments nehmen, ist nämlich Interpretationssache: Es wird dort immerhin auch verfügt, ungezogene Kinder zu steinigen und Andersgläubige auszurotten, ohne dass das heute eine Volkskirche fordert. Das Neue Testament verlangt, menschliche Ordnungen nicht zu hinterfragen. Zu Letzteren gehört in Deutschland inzwischen auch die Homoehe.

Muss man sie deshalb kirchlich mitvollziehen? Darf man es? Der Württemberger Oberkirchenrat hatte als Verwaltungsorgan früh versucht, in dieser Kontroverse zum Dialog zu finden. Dem Vernehmen nach war dieses Vorhaben auf keinem schlechten Weg. Gestört wurde er unter anderem durch den Alleingang der Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold, die im Juni die Schirmherrschaft über den Christopher-Street-Day übernahm, ohne dies abzustimmen. Konservative fühlten sich verraten. Am Ende fanden sich selbst für einen öffentlichen Segen – wenn nicht des Bundes, dann wenigstens der beteiligten Menschen – zu wenig Stimmen. Und das, obwohl es sich nur um eine Erlaubnis, nicht um eine Pflicht handeln sollte: Für konservative Gemeinden hätte sich wenig geändert.

Schwule und lesbische Geistliche sind auch in Württemberg kein Problem mehr. Was "nicht öffentlich" ist, wird beim Segnen oft großzügig ausgelegt, und wer eine kirchliche Trauung wünscht, für den ist der Weg nach Baden nicht weit. Die basisdemokratischen Strukturen, die in Württemberg diesmal den Wandel verhindert haben, können ihn schneller als anderswo auch wieder ermöglichen. Für Konservative mag das nach Beliebigkeit klingen. Man kann im immer erneuerten Ringen um Wahrheit aber auch Bescheidenheit vor dem Unergründlichen sehen. Und die ist in Dingen der Religion wie im Menschlichen nie ganz falsch.

Autor: Jens Schmitz