Natur erobert den ehemaligen "Menschenfresser"

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Von teli

Sa, 08. September 2018

Straßburg

BLICK INS ELSASS: Um die Gedenkstätte Hartmannsweiler Kopf überwuchert der Wald das Schlachtfeld / Brigitte Bardot unterstützt Proteste gegen Straßburg-Umfahrung.

STRASSBURG (teli). Es ist nur ein Katzensprung von der Ortenau ins Elsass und in die quirlige Europastadt Straßburg. Was sich jenseits des Rheins tut, beleuchtet immer samstags unser "Blick ins Elsass".

Naturparadies

30 000 französische und deutsche Soldaten wurden am Hartmannswillerkopf im Ober-Elsass während der Schanzenkämpfe im Ersten Weltkrieg getötet; etwa doppelt so viele wurden verletzt. Die Bergkuppe wechselte in den vier Kriegsjahren vier Mal die nationale Beflaggung und gilt noch heute als Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Wer zum 975 Meter hoch gelegen Gipfelkreuz aufsteigt oder auf den von der Gedenkstätte aus ausgeschilderten Rundwegen wandert, kommt an alten Bunkern, an rostigen Stacheldrahtverhauen vorbei und bewegt sich immer wieder in den Schützengräben, in denen bis vor 100 Jahren so viele Menschen ihr Leben ließen. Am Ende des Ersten Weltkriegs glich die Bergkuppe einer Mondlandschaft, die Vegetation war durch die eingesetzten Kampfmittel so gut wie ausgelöscht. Das Schlachtfeld wurde nicht wieder aufgeforstet, sondern sich selber überlassen. Heute ist dort ein Mischwald entstanden, eine Vegetation, die es in dieser Form kaum irgendwo gibt. Bereits 1921 wurde das Gebiet auf dem Hartmanswillerkopf unter Schutz gestellt; Waldwirtschaft fand dort nicht statt. In den 1990er-Jahren wurde ein Programm aufgelegt, wonach alle fünf Jahre ein halber Hektar Fläche mit Eichen und Tannen aufgeforstet werden sollte. Nachdem der erste Hektar mit Bäumen bepflanzt war, wurde das Programm aufgegeben. Heute ist der Naturraum auf dem einstigen Berg des Todes, der auch den Beinamen Menschenfresser trägt, ein Lehrbeispiel dafür, welche Biodiversität entsteht, wenn der Mensch nicht eingreift. Inzwischen sind gewisse Interventionen allerdings nicht mehr vermeidbar: Sollen der Gipfel und sollen die Wege freigehalten werden, müssen vor allem Nussbäume und Weiden entfernt werden. Gerade die großen Bäume, die den Boden verschatten, bleiben stehen, um die Naturverjüngung im Zaum zu halten.

Protestmarsch

Nachdem Präfekt Jean-Luc Marx am Abend des 30. August die beiden Genehmigungen unterzeichnet hat, ist nach langen Jahren der kontroversen Diskussion und des Protests der Weg frei für die umstrittene 24 Kilometer lange Autobahnumgehung des Großraums Straßburgs. Während Umgehungsgegner und Umweltschützer in Kolbsheim und Vendenheim noch versuchen, die Bäume zu schützen, die der Autobahn weichen sollen, ist in Straßburg für diesen Samstag ein Protestmarsch angemeldet, der um 14 Uhr am Place de la République starten soll. Unterstützung haben die Umweltaktivisten in dieser Woche von Brigitte Bardot bekommen, die einen offenen Brief an die Medien übersandt hat. Leider könne sie am Samstag nicht persönlich dabei sein, bedauert sie, sehe sich aber an der Seite der Gegner des Projekts, das die letzten Lebensräume des vom Aussterben bedrohten großen elsässischen Hamsters zerstören werde. Weil am Samstag weltweit Demonstrationen für den Klimaschutz stattfinden sollen, werden diese mit dem Protestmarsch gegen die Umgehung zu einer Veranstaltung zusammengeführt. Die Organisatoren bitten die Teilnehmer, aus Sicherheitsgründen nicht mit Rucksäcken oder großen Taschen zu erscheinen.

Schulanfang

Für fast 340 000 Kinder und Jugendliche im Elsass hat am Montag nach zwei Monaten Sommerferien der Unterricht wieder begonnen. Die Zahlen sind im Vergleich zum Vorjahr recht stabil, in der Unterstufe ging die Schülerzahl leicht zurück, in der Oberstufe ist sie leicht angestiegen. Die Schulen sehen sich auch im neuen Schuljahr vor allem zwei Herausforderungen gegenüber: Die Klassen sind sehr groß und es fehlen weiterhin Lehrer. Die Gewerkschaft sieht die niedrigen Gehälter der Lehrkräfte als Grund dafür, dass der Beruf nicht sonderlich attraktiv sei; die Kaufkraft der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst sinke kontinuierlich, bemängeln sie. Gleichzeitig ist Straßburg die größte Stadt in Frankreich, die bislang noch nicht entschieden hat, ob sie für die Kinder in den Vor- und Grundschulen zur Viertagewoche (mit freiem Mittwoch) zurückkehren oder bei der Viereinhalbtagewoche (Unterricht am Mittwoch Vormittag) bleiben wird. Im Juni haben Workshops mit Eltern, Lehrern und Experten stattgefunden; derzeit wird ein Fragebogen erarbeitet, der an alle Eltern mit Kindern im Vor- und Grundschulalter verteilt werden soll. Im Dezember soll dann die Entscheidung darüber fallen, wie die Schulzeit ab dem Schuljahr 2019/2020 organisiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob der Mittwoch wieder schulfrei wird oder nicht, in der Diskussion ist auch eine Verkürzung der Ferien oder eine andere Verteilung der Unterrichts- und der ergänzenden Betreuungszeit an den Schulen.

Europamesse

Freier Eintritt zur Europamesse jeden Abend ab 18 Uhr: Das ist eine der Neuerungen der Verbrauchermesse mit rund 900 Ausstellern, die am Freitag im Straßburger Stadtteil Wacken begann und bis zum 17. September dauert. Es ist die letzte im alten Messepark; die Europamesse 2019 wird bereits nahe dem Hilton-Hotel in der Avenue Herrenschmidt stattfinden. Auf dem Programm stehen sechs Konzerte, die jeweils um 18 Uhr beginnen und neues Publikum anlocken sollen. Los geht es heute Abend mit Top Music; unter dieser Überschrift präsentieren sich junge Musiker. Am Samstag ist von 18 Uhr an Julien HMI zu erleben, ab 20 Uhr Christel Kern. Am Sonntag ist Bruno Berbères von der Casting Show The Voice den ganzen Tag über an der Bühne, um Kandidaten auszuwählen. Bei der Afterwork-Party am Donnerstag unterhalten drei DJs auf drei Bühnen. Am Freitag, 14. September, steht Musik aus den 80er-Jahren auf dem Programm und am Samstag, 15. September, konkurrieren drei Straßburger Gruppen um die Chance, einen Aufnahmetag in einem Tonstudio zu gewinnen. Zum ersten Mal gibt es bei der Europamesse kein Gastland mehr, präsentiert wird vielmehr ein Thema: nämlich die 4000 Kilometer lange Route 66 von Chicago in Illinois bis Santa Monica in Kalifornien. Am Frauentag am Dienstag haben Frauen freien Eintritt zu Europamesse, am Familientag am Mittwoch gibt es ein besonderes Programm für Kinder. Geöffnet ist die Europamesse täglich von 10 bis 20 Uhr; an den Samstagen sowie am Donnerstag bis 22 Uhr. Wer sein Ticket im Internet kauft, bekommt ebenso einen Nachlass auf den Eintrittspreis wie jeder Messebesucher, der mit der Tram anreist und sein Ticket vorweisen kann.

Sommerprogramm

Mittelalterfest
Ins Mittelalter zurückversetzt werden sich Besucher von Rosheim am Wochenende fühlen: Mit einem mittelalterlichen Markt, Wettbewerben im Bogenschießen, für die damalige Zeit typische Mahlzeiten, Demonstrationen von Handwerkstätigkeiten feiert das Städtchen am Samstag von 18 Uhr bis ein Uhr und am Sonntag von 10 Uhr bis 18 Uhr sein Fest. Wer in mittelalterlichen Gewändern durch die Straßen wandeln möchte, dem steht auch ein Kostümverleih zur Verfügung.

Musik-Spektakel
"Frank Zappa. 200 Motels. The Suites" ist ein Musikspektakel überschrieben, das im Rahmen des am 19. September beginnenden Festivals Musica im Zénith stattfindet. Mit dabei sind die Straßburger Philharmoniker, der Chor Métaboles Les Percussions de Strasbourg und The Headshakers. Zu erleben ist das Musikereignis mit Videoprojektion am Freitag, 21. September, von 20.30 Uhr an.

Karten gibt es im Internet unter http://www.zenith-strasbourg.fr

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