Regio-Fußball

Werner Ziebold ist mit 82 Jahren der älteste südbadische Schiedsrichter

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 02. September 2018 um 12:34 Uhr

Südwest

Der Sonntag Der 82 Jahre alte Werner Ziebold ist Südbadens ältester Schiedsrichter – im Dezember 1965 hat er mit dem Pfeifen angefangen. An das Aufhören denkt er höchstens wegen der Hitze.

Alemannia Müllheim 2 gegen Waltershofen 2. Kreisliga B, Reservestaffel. Es ist 12.15 Uhr, noch 15 Minuten bis Spielbeginn. Werner Ziebold sitzt in einer kleinen Kabine, kontrolliert die Spielberichtsbögen der Kontrahenten, vergleicht die Namen dort mit den Spielerpässen. Der älteste Spieler, so geht es aus den Schriftstücken hervor, ist Jahrgang 1983. Ziebold, der die Begegnung als Schiedsrichter leiten wird, ist Jahrgang 1936. Im März wird er 83 Jahre alt. Damit ist Ziebold der bei weitem älteste Schiedsrichter Südbadens; in diesen Tagen hat die 54. Spielsaison begonnen, in der er pfeift.

1965 mit dem Pfeifen angefangen

Vom 8. Dezember 1965 datiert Ziebolds erster Schiedsrichterausweis. Aus einer Zeit, in der die 60er Deutscher Meister wurden. Der Lokalkonkurrent Bayern München, gerade erst aus der Regionalliga aufgekommen, nur Dritter, und ein Team namens Tasmania Berlin abgeschlagen Letzter. Die Kicker, die jetzt auf seine Pfiffe hören, kennen die Zeit der Anfänge der Schiedsrichterkarriere Ziebolds bestenfalls vom Hörensagen. Knapp 30 Jahre alt war er damals, hatte in der Jugend und bei den Aktiven beim SV Weilertal gespielt. Damals war der Ort selbständig, heute gehört er zu Müllheim. "Ich war nicht mehr der Schnellste und wurde von anderen Schiedsrichtern angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, die Seite zu wechseln."

Abgesehen von der dem heißen Sommer 2018 geschuldeten kräftigen Gesichtsfarbe ist das Erste, was an Ziebold auffällt, der aufgeweckte Blick und die drahtigen Bewegungen des kleinen Mannes. "Für mich ist die Pfeiferei Sport", sagt er. "Wenn ich 14 Tage lang kein Spiel gepfiffen habe, fühle ich die alten Knochen. Und warum soll ich aufhören, wenn ich geistig mithalten kann?" Eine Antwort erwartet er nicht wirklich.

"Ja kannsch denn du des no?" Ehefrau Ingrid Ziebold

"Auf geht’s, wir gehen in die Kabinen und kontrollieren die Trikotnummern", gibt der Referee dem Reporter das Zeichen zum Aufbruch. Es ist ein munteres und spielerisch mitunter durchaus ansehnliches Spiel, das sich zehn Minuten später zwischen den Kontrahenten auf dem Kunstrasen am Eichwaldstadion entwickelt. Außerdem ist es "brav", der Senior kann das Geschehen erstmal einfach laufen lassen. Erst nach zehn Minuten pfeift er das erste Abseits, da steht es schon 1:0 für die Gäste. Nochmal zehn Minuten vergehen bis zum ersten Foulpfiff.

Für seine "Arbeit" erhält Ziebold eine Entlohnung, die die Vereine zahlen. 25 Euro bekommt er pro Spiel, hinzu kommen 30 Cent pro Kilometer für die Anfahrt. Obwohl er für Hin- und Rückfahrt nur 50 Kilometer berechnen darf, nimmt er auch Partien an, die weiter von seinem Wohnort Badenweiler weg liegen. "Ich will nicht immer die gleichen Teams pfeifen."

Klar, dass dieser Mann nicht auf dem Platz steht, um seine Rente aufzubessern. Zumal so ein Einsatz mit Vor- und Nachbereitung schnell mal vier bis fünf Stunden dauert. Was sagt da Ehefrau Ingrid? "Sie nimmt es hin", meint Ziebold und lacht. "Und hin und wieder fragt sie mich: ,Ja kannsch denn du des no?’"

Kein Mann des Wortes

Ziebold kann es auch genau nehmen. Mehrfach pfeift er falsche Einwürfe ab, einmal auch einen Freistoß zurück, bei dem der Ball nicht ruhte. Von der Müllheimer Bank, obwohl dadurch im Nachteil, gibt es Lob beziehungsweise Kritik an den eigenen Kickern: "Das ist genau richtig, dass der abpfeift, das hab ich denen schon hundertmal erklärt", brummelt der Coach zu seinen Reservisten. Ziebold ist zudem kein Mann des Wortes. Die wenigen Kommentare, die er gegenüber den Spielern macht, sind an der Seitenlinie schon nicht mehr zu hören. Meist erklärt er seine Pfiffe mittels Zeichensprache. "So ein lautes Organ habe ich ja nicht. Und die Spieler verstehen alles, was ich meine."

Mit 2:3 für die Gäste aus Waltershofen geht es in die Pause, besonders in der Viertelstunde vor dem Seitenwechsel fielen nicht nur mehrere Tore, es gab auch die ersten kniffligen Situationen zu lösen. Es gab da kein Tor, bei dem nicht irgendein Verteidiger hinterher "Abseits" reklamierte. Mal ist das diskutabel, mal schon unfreiwillig komisch, weil eine Abseitsposition nicht annähernd erkennbar war. Nach wie vor gilt aber, dass beide Teams sehr pfleglich miteinander umgehen. "Ich war selber überrascht", staunt Werner Ziebold während der Halbzeitpause. "Ich habe die Müllheimer vor drei, vier Wochen schon einmal bei einem Freundschaftsspiel gepfiffen, da waren sie robuster." Anstelle des Adjektivs "robuster" hätte manch anderer kräftigere Formulierungen gewählt. Aber Ziebold ist ein feiner Mann. Und was meint er zu den vielen Abseits-Rufen? "Oft sind das Verteidiger, die gar nicht sehen, dass hinter ihnen noch ein eigener Mann das Abseits auflöst."

Nur eine gelbe Karte

Gleich nach dem Wiederanpfiff erhöhen die Waltershofener auf 4:2, von außen betrachtet scheint das Spiel gelaufen. Die Gäste haben die etwas bessere Spielanlage, sehen auch in Tornähe noch den Mitspieler, sind in den wichtigen Szenen präsenter, obwohl auch in den Reihen der Heimmannschaft ein paar gute Kicker stehen. Dieser Unterschied macht Ziebold seine Sache einfacher. Es ist fast eine Stunde vergangen, als er das einzige Mal eine gelbe Karte zeigt.

Werner Ziebold hat noch jeden Leistungstest für die Spielleiter bestanden. Aber er kann nicht mehr von Strafraum zu Strafraum hin- und herrennen. Sobald er merkt, dass er einem schnellen Spielzug nicht hinterherkommt, bleibt er wie angewurzelt stehen, konzentriert sich darauf, das Geschehen von der Ferne zu beobachten. "Es ist klar, dass ich nicht immer auf Ballhöhe sein kann. Oft gibt es einen Fehlpass im Spielaufbau, schon läuft ein schneller Konter und ich komme überhaupt nicht mehr hinterher. Aber ich kann Spielzüge lesen, sehe, was sich entwickeln kann, und versuche, dort zu bleiben, wo ich flexibel reagieren kann."

"Ich kann Spielzüge lesen, sehe, was sich entwickeln kann, und versuche, dort zu bleiben, wo ich flexibel reagieren kann." Werner Ziebold

Wer seine buschigen Augenbrauen sieht, die nahezu ins weiß-silbergraue Haupthaar übergehen, traut ihm einen Falkenblick zu. Aber knappe Abseits-Geschichten, ohne einen Linienrichter als Hilfe? Die an der Seite winkenden Auswechselspieler dürfen aus verständlichen Gründen nur die Richtungen der Einwürfe anzeigen. Ziebold ist klar, dass er ab und an danebenliegt. "Natürlich war das Abseits!", herrscht er Mitte des zweiten Spielabschnitts einen lamentierenden Gästestürmer an. Nur ist der wirklich genau im richtigen Moment in den Steilpass gestartet. Dummerweise lag Ziebold also gerade da falsch, wo er sich so sicher war.

Nach dem Spiel muss Ziebold an den Computer. Das ist der Moment, an dem seine 82 Jahre nicht mehr zu leugnen sind. Über Jahre hat er die Spielberichte von Hand auf Papier geschrieben. "An das Ding setze ich mich nicht mehr", stellt er klar. So muss er sich stets jemand vom Heimverein suchen, dem er die Tore, die Auswechslungen und das, was sonst dem Verband gemeldet werden muss, diktiert.

Nicht nur schöne Erlebnisse

Es sind nicht nur schöne Erlebnisse, die Ziebold später aus seiner langen Laufbahn erzählt. Da war der harte, noch abgefälschte Schuss, der ihn am Ohr traf und ihm sein Trommelfell zerfetzte. Seitdem hört er auf diesem Ohr nicht mehr gut. Und dann gab es diesen Zwei-Meter-Hünen, der vor Jahren mit einer Entscheidung Ziebolds überhaupt nicht einverstanden war. "Der hat mich gepackt, hoch in die Luft gehoben und dann einfach weggeschmissen", sagt Ziebold. Natürlich gab es Rot, hinzu kam eine Sperre für den Spieler. Aber auch der Schiedsrichter brauchte lange, um den Angriff zu verarbeiten.

Die unteren Klassen sind manchmal keine heile Welt: "Ich wurde auch mal von hinten angespuckt." Insgesamt sieht Ziebold diesbezüglich aber eine deutliche Besserung. Einzig bei den Jugendspielern lasse das Benehmen weiter zu wünschen übrig. "Die sehen halt im Fernsehen, wie man eine Show gegenüber den Schiris abziehen kann."

"Konsequent muss man schon sein" Werner Ziebold

Sieht sich Ziebold als harter Hund oder eher als nachsichtiger Spielleiter? "Konsequent muss man schon sein", sagt er. Aber oft lägen Fouls in den Klassen, in denen er sei (als über 68-Jähriger darf er nur noch die Reservemannschaften der Kreisliga B sowie niederklassige Frauen- und Jugendspiele leiten), ja gar nicht an böser Absicht, sondern an Dummheit oder spielerischem Unvermögen. "Die haben dann keine Körperbeherrschung und schätzen sich selbst falsch ein." Das von einem groben Foul zu unterscheiden, sei etwas, was er im Laufe der Jahre immer besser konnte.

Wie lange pfeift der alte Herr noch? "Als die Hitze der letzten Wochen war, dachte ich ans Aufhören, die hat mir zu schaffen gemacht", sagt er. "Aber jetzt ist es ja wieder kälter", lacht er. Und nimmt einen letzten Schluck von seinem alkoholfreien Pils.
Werner Ziebold pfeift heute auch wieder. Und zwar um 13 Uhr die Partie VfR Ihringen 2 gegen SV Kenzingen 2

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