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26. Juni 2012

Vertrauensarbeitszeit

Das Sterben der Stechuhren

Vertrauensarbeitszeit – Firmen schätzen das flexible Jobmodell, Gewerkschaften sind skeptisch.

  1. Öfter mal pünktlich Feierabend machen – das wäre ganz im Sinne der Arbeitnehmer Foto: dpa

BERLIN. Immer mehr Unternehmen schaffen die Stechuhren ab. Anstelle akribisch nachzuverfolgen, wann und wie lange sich ihre Angestellten am Arbeitsplatz aufhalten, setzen sie auf Vertrauensarbeitszeit. Eine feste Stundenanzahl gibt es hier nicht. Vielmehr entscheiden die Angestellten selbst, wann – und oft auch von wo aus – sie tätig sind. Was nach einem entspannten Arbeitsalltag klingt, kann dennoch im Burnout enden.

"Heute habe ich eine halbe Stunde länger geschlafen", sagt IBM-Mitarbeiterin Ina Glaeske. "Am Nachmittag wird es viele Meetings geben, da möchte ich fit sein." Glaeske, deren Name nicht ihr richtiger ist – sie will ihn lieber nicht in der Zeitung lesen – ist froh, dass sich ihr Arbeitgeber vor zwölf Jahren dazu entschlossen hat, das Modell der Vertrauensarbeitszeit einzuführen. Sämtliche Mitarbeiter sind inzwischen mit Firmenlaptops ausgestattet und können so auch von zu Hause aus oder auf Reisen ihrem Job nachgehen. Nicht die Zeit, sondern das Arbeitsergebnis ist für sie Maß der Dinge.

"In den 1990er Jahren haben wir uns in Richtung eines dienstleistungsorientierten Unternehmens entwickelt", sagt IBM-Personalverantwortlicher Heinz Liebmann. "Die Arbeitszeitgestaltung ist Teil des Wandels des Unternehmens."

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Vertrauensarbeitszeit liegt im Trend. 2009 setzten rund 46 Prozent der Unternehmen auf das Modell. 2015 könnten es rund 60 Prozent sein, prognostiziert das Zukunftsinstitut in Kelkheim in einer aktuellen Studie. Der Begriff Work-Life-Balance werde sein Ende erreichen, schreiben die Autoren darin. Er unterstelle eine Trennung zwischen Beruf und Leben, welche Menschen in Zukunft kaum noch spüren könnten.

Fließende Übergänge zwischen Job und Privatleben, vielleicht auch noch die Vermischung von beidem: Kann das gut gehen? Zu viel Flexibilität am Arbeitsplatz, so sehen es Gewerkschafter, das hat seine Schattenseiten, sagen sie. In puncto Vertrauensarbeit heißt das konkret: "Wenn Zeit nicht erfasst wird, merkt man kaum, wie viele Stunden man länger im Büro verbringt", so Verdi-Mitarbeiterin Sylvia Skrabs. Zwar könne dieses Zeitarbeitsmodell für bestimmte Berufsgruppen günstig sein – wie zum Beispiel für Wissenschaftler, die an Projekten arbeiten. Doch müssten die Rahmenbedingungen stimmen. "Wenn Vertrauensarbeit funktionieren soll, sagt sie, müsse der Arbeitgeber die Ressourcen, also Zeit und Personal, vernünftig einplanen. Zu wenige Mitarbeiter und zu wenig Zeit für ein Projekt, das funktioniere nicht. "Am Ende steht womöglich das Burnout."

Die Gefahr einer solchen Überforderung ist IBM durchaus bekannt. Mit Infomaterial kläre man die Belegschaften über die Besonderheiten des Arbeitszeitmodells auf. Für Manager gebe es entsprechende Schulungen. "Führungskräfte haben eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern", so Personalverantwortlicher Liebmann. "Sie haben ein Auge darauf, dass sich die Angestellten nicht überfordern."

"Die Mitarbeiter schätzen die Vertrauensarbeitszeit", sagt Liebmann. Sie sei zum Beispiel wichtig, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Werde beispielsweise die Kita bestreikt, könne die Mutter ihre Tochter zu Hause behalten und von dort aus arbeiten.

Bei Verdi ist man prinzipiell dafür, dass die Arbeitszeit erfasst wird. "Schließlich verkaufen wir unsere Zeit für Geld", meint Gewerkschaftssekretärin Skrabs. Je mehr Stunden Beschäftigte in Form von unbezahlter Mehrarbeit ableisten, desto weniger seien sie pro Stunde wert. "Auch mit Zeiterfassung können Beschäftigte selbstständig arbeiten", sagt sie.

Fliessende Übergänge

Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen: Das ist das zentrale Ergebnis einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Gut ein Viertel (27 Prozent) der Beschäftigten gibt laut Studie an, sehr häufig oder oft auch in der Freizeit für die Arbeit erreichbar sein zu müssen. Jeder Siebte (15 Prozent) arbeitet sogar sehr häufig oder oft unbezahlt in seiner Freizeit. Unter diesen Umständen sei es nicht verwunderlich, so der DGB, dass mehr als ein Drittel (37 Prozent) auch zu Hause an Schwierigkeiten bei der Arbeit denken müsse. Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten sagen außerdem, dass sie im letzten Jahr mindestens zweimal zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie sich "richtig krank" gefühlt haben.  

Autor: maku

Autor: Mandy Kunstmann