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08. August 2012

Finanzen

Minizinsen lassen die Zahl der Aktionäre ansteigen

Die krisenbedingten Niedrigzinsen am Finanzmarkt lassen die Zahl der Aktionäre wachsen und die Versicherungsprämien steigen – und erfreuen Hausbauer.

FRANKFURT. Die Krise der Eurozone und die niedrigen Zinsen an den Finanzmärkten lassen die Deutschen Aktien kaufen wie lange nicht. Gleichzeitig treiben die Dauerniedrigzinsen die Prämien von Versicherungspolicen. Derweil sind die Baudarlehen so günstig wie nie.


Zahl der Aktionäre

steigt deutlich

Die Zahl der Aktionäre in Deutschland stieg im ersten Halbjahr um 17 Prozent oder 1,5 Millionen – so deutlich wie seit zwölf Jahren nicht mehr. 10,2 Millionen Bundesbürger besaßen laut Deutschem Aktieninstitut (DAI) Ende Juni Aktien und Aktienfonds. Das waren 15,2 Prozent der Bevölkerung. "Die seit der Finanzmarktkrise 2008 verlorengegangenen deutschen Anleger sind wieder in die Aktie zurückgekehrt", meinte DAI-Direktor Franz-Josef Leven. Die Zahl der Anleger, die direkt Aktien kauften, stieg um 790 000 auf 4,9 Millionen. Das war der stärkste Anstieg seit neun Jahren. Allerdings sind es immer noch 1,3 Millionen weniger als im Rekordjahr 2000. Damals herrschte ein Aktienfieber, danach kehrte aber Ernüchterung nach dem Kollaps des Neuen Marktes ein. Nun, in der Schuldenkrise, hat die Aktie als Sachwert wieder an Bedeutung gewonnen. "Die Aktie steht hier neben der Immobilie im Vordergrund", sagt Leven. Im ersten Halbjahr haben die 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland 27,8 Milliarden Euro an Dividenden gezahlt. Dies entspricht einer Rendite von im Schnitt vier Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen bringen 1,5 Prozent. Damit ist nicht einmal die Inflationsrate ausgeglichen. Tagesgeld bringt bei den besten Anbietern etwa zweieinhalb Prozent Zins.

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Leven sagte zugleich, es sei verfrüht, von mehr Aktienakzeptanz zu sprechen. Zudem drohten durch eine Finanztransaktionssteuer weitere Belastungen für die "ohnehin steuerlich diskriminierte Aktienanlage". Dadurch werde das Potential der Aktie als Instrument der privaten Altersvorsorge eingeschränkt. Das DAI ist die Interessenvertretung der börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Das DAI fordert ähnlich wie in Frankreich oder Großbritannien höhere Freibeträge. Dort sind Dividenden, Zinsen und Kursgewinne von 12 000 und 20 000 Euro von der Steuer befreit. In Deutschland sind es 800 Euro.

Die Versicherer

erhöhen die Prämien

Versicherte müssen sich wegen niedriger Zinsen auf Prämienerhöhungen einstellen. "Durch die Zinsen sehen wir uns gezwungen, jedes Jahr die Preise zu erhöhen", sagte der Chef des Versicherungsriesen Munich Re, Nikolaus von Bomhard. Diesen Zwang verspüre die ganze Branche. Die Münchner rechnen 2012 noch mit einer Verzinsung ihrer Kapitalanlagen von 3,5 Prozent, Tendenz sinkend. Neuanlagen rentieren im Schnitt noch mit 2,8 Prozent. Die Munich Re hat 217 Milliarden Euro angelegt.

Die Einnahmen von Versicherern speisen sich aus dem Verkauf von Policen und Kapitalanlagen. Letztere erzielen niedrigere Renditen, weshalb als Ausgleich nur eine Erhöhung der Versicherungsprämien bleibt. So sieht sich die Munich Re durch die seit Jahren anhaltenden Niedrigzinsen stark gefordert. Diese sind eine Folge der Krise und der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Zum einen flüchten Anleger in Sicherheit, was die Renditen deutscher Staatsanleihen und damit den Zinsen allgemein nach unten drückt. Zum anderen hält die EZB den Leitzins niedrig. Die Munich Re spielt auch Schockszenarien wie ein Zerbrechen der Eurozone durch. "Wir würden erhebliche Verluste haben, aber es aushalten", sagte Finanzchef Jörg Schneider. Die Munich Re trennt sich nach und nach von Anleihen südeuropäischer Krisenländer wie Spanien.

Hypothekenkredite

sind so billig wie nie
Sinkende Zinsen haben die monatliche Finanzlast für Bauherren und Hauskäufer seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts fast halbiert. Hätten Verbraucher bei einem Immobiliendarlehen über 100 000 Euro mit zehnjähriger Zinsbindung im Jahr 2000 noch monatliche Raten von 620 Euro zahlen müssen, reichten heute oft 330 Euro, so der Bundesverband deutscher Banken. Hypothekenzinsen seien in diesem Jahr in Deutschland so niedrig wie nie. Die Eurokrise haben die Zinsen sinken lassen. Es seien "gute Zeiten für alle, die Immobilieneigentum erwerben wollen und dafür ein Darlehen aufnehmen müssen", so der Bankenverband. Dennoch: Sorgfältige Planung sei bei langfristigen Investitionen wie dem Erwerb von Immobilien nötig, da sich Bauherren und Käufer auch finanziell auf lange Zeit bänden. Der Bankenverband ging bei der Berechnung von einer anfänglichen Tilgung von einem Prozent aus.

Autor: Rolf Obertreis, Thomas Magenheim-Hörmann und dpa