Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

15. Mai 2009

"Ich hungere für den Milchgipfel"

Vor dem Kanzleramt warten 200 Milchbäuerinnen auf die Kanzlerin – bislang vergeblich

  1. Bäuerinnen Foto: christian schroth

BERLIN/BUCHENBACH.. Es ging alles ganz schnell. Am vergangenen Freitagabend erfuhren sie, dass es los geht. Seit Montag campieren die beiden Buchenbacherinnen Verena Maier und Beate Steinhart mitten im Berliner Regierungsviertel. Auf Isomatten und in dicke Schlafsäcke gehüllt haben sie nun die vierte Nacht im Freien verbracht. Morgens weckt sie der Vogelgesang. Mit dem Fuchs, der seit einigen Monaten im Berliner Tiergarten lebt, haben die beiden Milchbäuerinnen schon Bekanntschaft gemacht. So ungemütlich das Protest-Camp auch ist (zum Duschen gehen beide in den Berliner Hauptbahnhof) – an Aufgeben denken Maier und Steinhart nicht. "So kann es nicht weitergehen", meint Steinhart. Der Milchpreis falle und falle. Immer mehr Höfe müssten aufgeben.

Diese Entwicklung wollen die etwa 200 Frauen stoppen, die im Protest-Camp leben. Auf Plakaten fordern sie "Solidarität, Frau Merkel" oder "Schluss mit dem Höfesterben". Mit diesen Forderungen stehen die Bäuerinnen nicht allein. Zahlreiche Touristen, die den Reichstag und das Brandenburger Tor besuchen, machen im Camp Station. Manche bringen Getränke und Speisen. Der Wirt eines Restaurants, das wenige Schritte entfernt liegt, lässt sein Lokal nun bis Mitternacht offen. Die sanitären Anlagen können die Camperinnen nutzen. "Ihr könnt da auch gerne Haare waschen, wenn Ihr den Kopf unter den Wasserhahn kriegt."

Werbung


Wäre das Anliegen der Demonstrantinnen nicht so ernst und hingen nicht überall die Protest-Plakate, könnte man die bunte Ansammlung aus Sonnenschirmen, Campingstühlen und Klapptischen für ein fröhliches Zeltlager halten. Dann stünde es aber nicht wenige Schritte vom Kanzleramt entfernt. Was von dort zu hören ist, enttäuscht Maier und Steinhart sehr. "Wir wollen einen Krisengipfel", sagt Maier. "Wir wollen, dass Frau Merkel mit uns spricht." Das will die CDU-Chefin aber nicht. Am Dienstag eilte sie zu einer Veranstaltung in die Parteizentrale, ohne die Demonstrantinnen, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eingefunden hatten, eines Blickes zu würdigen. "Das war eiskalt", meint Steinhart. Ihr Ziel gibt sie gleichwohl nicht auf: "Wir bleiben so lange hier, bis sie mit uns spricht." Dass sechs Bäuerinnen am Mittwoch in einer Hungerstreik traten, finden die Buchenbacherinnen richtig. Über diesen Schritt hätten alle Bäuerinnen diskutiert. Und ihn einstimmig unterstützt.

"Ich hungere für den Milchgipfel", heißt es auf dem Schild, das eine der Streikenden um den Hals trägt. Auch gestern sah es jedoch nicht danach aus, dass Merkel den Gipfel einberuft. Die Bäuerinnen wollen dennoch nicht aufgeben. Wenn sich ein leises Heimweh nach der Familie, den Tieren und dem Schwarzwald einstellt, hilft das Handy. "Wenn ich weiß, dass es daheim allen gut geht, hab ich wieder Kraft", meint Steinhart.

Autor: Bernhard Walker