Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

30. September 2009

Islands Zorn

Ein Jahr nach dem Bankenkrach ist auf der Insel die Wut noch groß / Banker sind verhasst / Die Wirtschaft indessen fängt sich

  1. Protest vor dem Parlament im November – mit Fahne und Gemüse Foto: dpa

REYKJAVIK. Island ist so hart von der Finanzkrise getroffen worden wie kaum ein anderes Land. Die Banker dort haben sich wie viele andere verzockt. Aber Islands Bankensektor war überdimensioniert, weshalb die Folgen dramatisch sind – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional.

Für Islands einstige Finanzfürsten sind harte Zeiten angebrochen. Nicht nur ist ein Sondertrupp der Wirtschaftskripo hinter ihnen her. Die Fahnder versuchen herauszufinden, wer von den Raubrittern, die sich mit undurchsichtigen Kredittransaktionen selbst bereicherten und Island an den Rand des Staatsbankrotts trieben, vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden kann. Auch eine konspirative Aktivistengruppe, die sich "Skap ofsa" (Jähzorn) nennt, macht Jagd auf die Bankchefs. Sie hat sich darauf spezialisiert, deren Prunkvillen und Luxusschlitten mit roter Farbe zu bekleckern und die Fotos dann anonym den isländischen Medien zu schicken.

Mitleid mit den Geschädigten ist selten. Der Zorn auf die Schuldigen an der Misere ist auch ein Jahr nach dem großen Bankenkrach lichterloh, und das Bild von Björgolfur Björgolfsons überspraytem Hummer weckt nur Schadenfreude. Vor einem Jahr war der Mann noch Islands reichster – mit einem Vermögen von geschätzten 2,5 Milliarden Euro. Jetzt führt er nur noch die im Internet ermittelte Liste der verhasstesten Isländer an, und der Besitzer der Sodoma-Bar in Reykjavik bestätigt den Trend. Er hat die Konterfeis der größten Finanzjongleure auf sein Pissoir gehängt. Auf Björgolfur pinkeln die Gäste am liebsten.

Werbung


Dabei hatten dieser und das halbe Dutzend Seinesgleichen mit ihren Milliardengeschäften zunächst als Volkshelden gegolten, als Vorreiter eines scheinbar grenzenlosen Aufschwungs, der aus der alten Fischernation ein Finanzparadies machen sollte. Das böse Erwachen kam vor einem Jahr. Da war erst die Glitnir-Bank in Zahlungsschwierigkeiten geraten und hatte die Zentralbank um einen Stützkredit gebeten. Deren Chef, David Oddsson, mit der Glitnir-Führung spinnefeind, verordnete, dass der Staat die Bank übernimmt. Das richtete internationales Augenmerk auf Islands Finanzsektor, der im Lauf weniger Jahre auf das Zehnfache des Inlandsprodukts angeschwollen war und auch im Ausland mit guten Zinsen lockte. Islands Krone stürzte ab, bange Kunden zogen ihre Einlagen zurück, solange sie konnten. Die britische Regierung beschlagnahmte isländisches Eigentum als Sicherheit und ein paar Tage später musste die Regierung in Reykjavik auch Landsbanki und Kaupthing verstaatlichen. Daran werden die Isländer noch lange löffeln. Der zuvor schuldenfreie Staat halste sich eine Bürde auf, die Generationen plagen wird, und nur ein Hilfskredit internationaler Gläubiger rettete Island vor dem Staatsbankrott. Familien, die im Vertrauen auf die guten Zeiten hohe Kredite in Fremdwährung aufgenommen hatten, standen vor dem Ruin. Der Leitzins ging auf 18 Prozent hoch, die Inflation erreichte ähnliche Höhen. Arbeitslosigkeit, auf Island bis dahin ein Fremdwort, wurde Realität für viele. Die Wirtschaftsleistung brach um neun Prozent ein.

Jetzt, ein Jahr später, gibt es erste Zeichen leichter Erholung. "Die Wirtschaft ist nicht so tief gefallen wie befürchtet. Island ist billig für Touristen geworden, der Export von Fisch oder Aluminium ist wegen der schwachen Krone lukrativ. Wir Isländer waren immer gewohnt, hart zu arbeiten", sagt Margeir Petursson, der Aufsichtsratschef der MP-Bank, des größten privaten Geldinstituts, das die Krise überlebt hat. Die verstaatlichten Großbanken sollen nach und nach wieder privatisiert werden, mit dem Kapital ausländischer Eigner. Der Leitzins ist mit zwölf Prozent brutal hoch, auch die Inflation mit elf Prozent. Doch die Arbeitslosigkeit sinkt wieder. Im August betrug sie 7,7 Prozent. Mehr als die Hälfte der 320 000 Isländer geben an, dass sie Probleme haben, ihre Rechnungen zu bezahlen. 20 000 Hausbesitzer können ihre Hypotheken nicht mehr bedienen. Der Sozialminister versprach Hilfe. Ihre Rückzahlungen sollen an die Lohnentwicklung gekoppelt werden, um zu verhindern, dass ihnen die Ausgaben über den Kopf wachsen.

Die Regierung und Zentralbankchef Oddsson, durch Passivität mitschuldig an dem Schlamassel, sind aus ihren Ämtern getrommelt worden: lärmende Demonstranten belagerten Parlament und Zentralbank so lange, bis die Verantwortlichen entnervt aufgaben. Doch auch die rot-grüne Koalition, die die danach ausgeschriebenen Wahlen gewann, hat ihren Kredit schon wieder verspielt. Das ist Folge eines notwendigen, aber höchst unpopulären Abkommens, in dem sich Reykjavik verpflichtet, für die Guthaben ausländischer Sparer bei isländischen Banken zu bürgen. "Warum sollen wir für die Verbrechen von ein paar gierigen Bankern einstehen?", empört sich ein Wähler und spricht damit für viele andere.

Die EU erscheint ihnen heute nicht mehr als der Rettungsanker, an den sie sich auf dem Höhepunkt der Krise noch klammern wollten. Das Parlament stimmte für den Beitrittsantrag, der in Brüssel positive Resonanz fand. Doch das letzte Wort hat das Volk in einem Referendum. Wenn sich die Stimmung nicht radikal ändert, ist der Ausgang klar. Gegenwärtig sind 61,5 Prozent gegen den Beitritt.

Autor: Hannes Gamillscheg