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01. Januar 2010 19:25 Uhr

Inter view

Klaus Endress: "Das Unmögliche denken"

Noch kürzer arbeiten,um die Krise zu bewältigen? Das ist mit Klaus Endress nicht zu machen. Den IG-Metall-Vorschlag, die Wochenarbeitszeit in Krisenbranchen auf 28 Stunden zu verkürzen, lehnt er ab. Mit dem Endress+Hauser-Chef (E+H) sprach Bernd Kramer.

  1. Klaus Endress Foto: Privat

BZ: Herr Endress, das Wort Kreditklemme beherrscht die wirtschaftspolitische Diskussion. Stehen viele WVIB-Mitglieder vor dem Ende, weil ihnen die Finanzinstitute kein Geld mehr geben wollen?
Endress: Im Moment ist das nicht der Fall. Vielmehr steht viel Geld bei den Banken zur Verfügung, was nicht nachgefragt wird. Die Geschäfte gehen oft nicht gut, manch einer muss Umsatzverluste in Höhe von mehr als 20 Prozent hinnehmen. Das drückt die Investitionsnachfrage. In der Krise haben die Unternehmen auch die Lager geleert, um Liquidität zu sichern, also Geld vorrätig zu haben. So gibt es nicht viel zu finanzieren.

BZ: Die Kreditklemme – ein Hirngespinst der Wirtschaftswissenschaftler und Politiker?
Endress: Nein. Es werden derzeit leichte Zuwächse beim Auftragseingang verzeichnet. Die Unternehmen müssen entsprechend die Lager wieder auffüllen. Der eine oder andere Unternehmer wird deshalb zur Bank gehen und nach einer Finanzierung fragen. Die Bank schaut dann in die Bücher und wird nicht zufrieden sein, weil die Geschäfte des Unternehmens zuletzt schlecht liefen. Dann gibt es erheblichen Gesprächsbedarf. Es werden mit Sicherheit Kredite verweigert werden, weil das Rating des Unternehmens, also dessen Bonitätsbewertung, angesichts der schlechter gewordenen Gewinn- und Verlustrechnung reduziert wurde. Probleme mit der Finanzierung gibt es vor allem im Aufschwung, weil dann der Liquiditätsbedarf höher ist.

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BZ: Der Staat muss also noch mehr Geld des Steuerzahlers in die Wirtschaft stecken, um den konjunkturellen Aufschwung abzusichern.
Endress: Nein, das ist nicht Sache des Staates. Die Unternehmen müssen sich der Situation anpassen. Sie haben ja auch mehr als ein Jahr Zeit gehabt, um sich auf diese Entwicklung einzustellen.

BZ: Keiner hat vor dem Oktober 2008 von der Krise geredet. Sie überraschte alle.
Endress: Das stimmt zwar. Aber man muss immer damit rechnen, dass es einmal wieder abwärts geht – vor allem dann, wenn man über mehrere Jahre von einem starken Aufschwung profitiert hat. Zudem dauert die Krise jetzt schon eine Weile und wir müssen versuchen, aus ihr zu lernen. Ein Beispiel: Wer vor der Krise nur auf einem Bein stand – zum Beispiel als reiner Autozulieferer – und damit Schiffbruch erlitten hat, muss woanders hinsteuern. Also andere Kunden suchen oder neue Produkte auf den Markt bringen. Viele Unternehmen haben dies getan. Wer dies aber unterlassen hat, dem kann auch der Staat nicht helfen.

BZ: Das hört sich an, als wäre die Krise eine Art Medizin, die die Unternehmen wieder auf einen besseren Weg bringt.
Endress: Keiner mag Krisen. Aber sie können eine heilsame Wirkung entfalten, vorausgesetzt man zieht die richtigen Schlüsse. Krisen bieten auch die Chance, vollkommen neue Wege einzuschlagen. Das Unmögliche denken, nenne ich das. Also etwas in Frage zu stellen, das vorher als Tabu galt, weil wir uns schlichtweg daran gewöhnt hatten. Bei E+H haben wir in den vergangenen Monaten beispielsweise Produkte deutlicher schneller entwickelt als zuvor.

BZ:
Die Banken haben das Desaster verursacht. Die Bank – der neue Feind?
Endress: Man darf nicht alle Banker über einen Kamm scheren. Es gibt nach wie vor in den Finanzinstituten viele Leute, die ihre Arbeit sehr gut machen. Aber es gibt andere, die Investmentbanker und Spekulanten, die aus der Krise nichts gelernt zu haben scheinen. Sie haben bislang ihre Vorgehensweise nicht geändert. Das betrifft auch die Chefetagen, die nach wie vor horrende Boni zahlen. Hier ist der Staat gefordert. Er muss ein Regelwerk schaffen, das Exzesse verhindert und so das System stabiler macht. Hier habe ich weiter ein ungutes Gefühl.

BZ: Lange Zeit galt die Maximierung der Eigenkapitalrendite als die Richtschnur in der Wirtschaft. Hat sich dies geändert?
Endress: Die Maximierung der Eigenkapitalrendite war bei E+H und bei vielen anderen Familienunternehmen nie ein Ziel. Ich habe es abgelehnt, diese Größe in die Strategie aufzunehmen. Aus einem einfachen Grund: Sie können eine Steigerung der Eigenkapitalrendite auch dadurch erreichen, dass Sie bei gegebenem Gewinn Ihr Eigenkapital reduzieren und durch Fremdkapital ersetzen. Das haben viele börsennotierte Unternehmen gemacht, weil Fremdkapital angesichts der niedrigen Zinsen billig war. Eigenkapital ist aber entscheidend. Es ist das Polster, von dem Sie in schlechten Zeiten zehren. Ich denke, das ist vielen Leuten durch die Krise wieder stärker bewusst geworden.

BZ: Welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen erfüllen, um langfristig erfolgreich zu sein?
Endress: Man braucht eine Vision. Die Vision bei E+H basiert auf der Frage: Wie wollen wir von unseren Kunden gesehen werden? Unsere Antwort: Als weltweit präsenter Anbieter, der die Kunden unterstützt und ihre Bedürfnisse mit den eigenen Produkten abdeckt. Kurz gesagt: Wir sind dazu da, den Nutzen unserer Kunden zu steigern. Das geschieht am besten in einer Atmosphäre, die von Fairness geprägt ist, gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Gesellschaft und Umwelt. Der Gewinn ist nicht das Ziel eines Unternehmens, sondern das Ergebnis seines guten Tuns. Wir werden bei E+H 2009 wohl zehn Prozent weniger Umsatz haben als 2008, der Gewinn wird sogar um die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr schrumpfen. Aber wir machen noch immer Gewinn. Andere stecken in den roten Zahlen.

BZ: Mit Ihrer Auffassung stehen Sie ziemlich alleine.
Endress: Da bin ich anderer Meinung. Es werden immer mehr Leute, die dieser Überzeugung sind – auch beim WVIB. Und noch einmal: Ohne Kundenzufriedenheit ist eine Gewinnprognose das Papier nicht wert, auf dem sie steht.

BZ: Muss man bestechen, um erfolgreich zu sein?
Endress: Bestechung ist nicht Teil unserer Unternehmensleitlinien. Allerdings erwarten beispielsweise Chinesen Geschenke. Schenkt man zu wenig, ist der Partner beleidigt, schenkt man zu viel, setzt man sich dem Verdacht der Bestechung aus. Das ist ohne Zweifel eine Gratwanderung. Bestechung wird die Wirtschaft aber nicht aus der Krise führen. Am Ende garantiert nur eine überzeugende Leistung den Erfolg.

BZ: Auch bei E+H ist in Teilen des Unternehmens kurz gearbeitet worden. Ist die Kurzarbeit ein gutes Mittel, um die Krise zu bewältigen, oder verzögert sie Anpassungen – also Jobabbau?
Endress: Die hinter der Kurzarbeit steckende Idee, eine Krise überbrücken zu können, ohne dabei Mitarbeiter entlassen zu müssen, ist gut. Sie schont die Sozialkassen, weil die Arbeitslosigkeit viel teurer käme. Sie ist nicht schlecht für die Mitarbeiter, weil sie mehr Freizeit haben, ohne dabei auf all zu viel Lohn verzichten zu müssen. Auch die Unternehmer profitieren. Die Kurzarbeit macht sich positiv in der Bilanz bemerkbar. So werden alle abgefedert. Allerdings verhindert dies, dass die Krise auch durchschlägt und die Betroffenen zu einem Umdenken zwingt.

BZ: Die IG Metall hat vorgeschlagen, die Wochenarbeitszeit in Krisenbranchen auf 28 Stunden zu verkürzen. Arbeitnehmer sollen einen Teillohnausgleich bekommen, der Arbeitgeber für den Teillohnausgleich bei den Abgaben entlastet werden. Der Arbeitgeberverband hat Sympathie für den Vorschlag gezeigt.
Endress: Ich halte dies für keinen sinnvollen Weg. Das Geld, das ich erhalte, muss in einem direkten Zusammenhang zu dem stehen, was ich tue. Geld fällt nicht wie Manna vom Himmel. Letztlich würde dies bedeuten, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einigen und am Ende der Steuerzahler für die Kosten aufkommt.

BZ:
Wie schätzen Sie die Entwicklung 2010 ein? Gibt es Kündigungen?
Endress: Wir gehen bei E+H von einem leichten Aufwärtstrend aus. Allerdings ist die Entwicklung bei den Kunden sehr unterschiedlich. Einen Arbeitsplatzabbau in nennenswerten Umfang wird es nach derzeitigem Stand nicht geben. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass einzelne Jobs wegfallen.

Zur Person: Klaus Endress

Der 61-Jährige leitet seit 1995 den Messtechnikhersteller Endress+Hauser. Klaus Endress hat in Berlin studiert und hat als Diplom-Wirtschaftsingenieur abgeschlossen. Der Schweizer engagiert sich in seiner Heimat Reinach (Kanton Basel-Landschaft) für die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) im Gemeinderat. Zum Präsidenten des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) wurde er 2008 gewählt.

Hintergrund: WVIB

Der Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden versteht sich als Selbsthilfeeinrichtung für den Mittelstand. Er berät seine Mitglieder, hält Seminare ab und organisiert die Erfahrungsaustauschgruppen. Hier treffen sich Chefs und Mitarbeiter, um offen über Probleme zu diskutieren. Rund 1000 Unternehmen mit 156 000 Mitarbeitern sind unter dem WVIB-Dach vereint. Der Sitz des Verbandes ist in Freiburg.

Autor: Bernd Kramer