Pazifisten in der Waffenschmiede

Wolf von Dewitz

Von Wolf von Dewitz (dpa)

Sa, 22. September 2018

Wirtschaft

Heckler & Koch muss zu seiner Hauptversammlung auch ausgewiesene Kritiker zulassen – weil sie Aktionäre sind.

ROTTWEIL. Für den obersten Waffenhändler war es eine Feuertaufe: Erstmals trat der neue Chef von Heckler & Koch, Jens Bodo Koch, an diesem Freitag vor die Hauptversammlung – und musste sich herbe Schelte von Aktionären anhören.

Das lag weniger an den roten Zahlen der Firma in Rottweil und seiner Leistung – der 46-Jährige ist erst seit Mai im Amt –, sondern an der Zusammensetzung der Versammlung: Während sich die Großaktionäre wie üblich in Schweigen hüllten, meldeten sich Friedensaktivisten zu Wort. Von etwa 40 Teilnehmern stellten sie bei der nichtöffentlichen Veranstaltung die Hälfte. Sie durften teilnehmen, weil sie Kleinaktionäre sind, und nutzten die Bühne zur Generalkritik. Ihr Mini-Stimmrecht bewirkte indes nichts.

Dass es die Hauptversammlung von Heckler & Koch überhaupt gibt, ist ein Treppenwitz der Börsengeschichte. Denn das Unternehmen ist auf Verschwiegenheit bedacht. Pazifisten Rede und Antwort stehen zu müssen, ist für die Waffenhändler nicht sehr erquicklich. Doch vor einigen Jahren brauchte das klamme Unternehmen mal wieder Geld. Also steuerten die Verantwortlichen das Börsenparkett an – neue Aktionäre sollten die Kasse füllen. Die Pläne waren weit gediehen, zur Erfüllung einer Mindestanforderung der Pariser Börse wurde 2015 ein winziger Anteil von 0,03 Prozent der Stimmrechte ausgegeben. Mehr wurde nicht verkauft. Warum, ist offen.

Die Geschäftszahlen waren damals mau – eine große Menge an Aktien hätte vermutlich keinen hohen Preis gebracht. Doch der Mini-Anteil war im freien Handel – Pazifisten griffen zu und kauften Aktien als Eintrittskarten für die Hauptversammlung. Unter ihnen ist Jürgen Grässlin aus Freiburg, einer der schärfsten Kritiker von Heckler & Koch. Er verortet die schwäbische Waffenschmiede in einem kriminellen "Netzwerk des Todes", so der Titel eines von ihm mitverfassten Buches. Grässlin empört sich über illegale Exporte des Unternehmens etwa in mexikanische Unruheprovinzen im vergangenen Jahrzehnt – dort hätten die Gewehre nie landen dürfen. Zudem gibt er der Firma eine Mitschuld an Tod und schweren Verletzungen unzähliger Unschuldiger.

Seit Mai läuft vor dem Stuttgarter Landgericht ein Strafprozess gegen Ex-Mitarbeiter von Heckler & Koch, die Firma ist mitangeklagt. Zum laufenden Verfahren will sie sich nicht äußern. Eine juristische Baustelle immerhin konnte sie schließen: Der US-Rüstungskonzern Orbital ATK hatte Heckler & Koch auf 27 Millionen Dollar (23 Millionen Euro) Schadenersatz wegen Nichtlieferung von Bauteilen für ein Granatgewehr verklagt. Der Streit wurde mit einem Vergleich beigelegt, H & K muss 7,5 Millionen Dollar zahlen.

Branchenkritiker Grässlin brachte auf der Hauptversammlung chancenlose Gegenanträge ein, etwa auf Nichtentlastung der Führungsriege. Als Grund nannte er die Waffenausfuhren ins Ausland, aber auch eine "desaströse" Finanzpolitik. Tatsächlich hat die Ratingagentur Moody’s H & K zuletzt auf Ramschniveau eingestuft. Im ersten Halbjahr verbuchte die Waffenschmiede einen Verlust von 2,3 Millionen Euro, nach 1,1 Millionen Euro Gewinn im Vorjahreszeitraum. Die Umsätze stiegen zwar um 14 Prozent auf 109,5 Millionen Euro, zugleich schnellten aber auch die Kosten hoch.

Der neue Chef will nun Arbeitsabläufe verbessern und Kosten drücken. H & K sei "sehr gut für die Zukunft aufgestellt", betonte er. Jens Bodo Koch – die Namensgleichheit mit Firmengründer Theodor Koch ist Zufall – dürfte im Kopf gehabt haben, was seinem Vorgänger 2017 passierte: Norbert Scheuch hatte sich auf der Aktionärsversammlung damals bemerkenswert offen gezeigt für Kritik von Pazifisten. Zwei Wochen später wurde er entlassen. Scheuch hatte versprochen, die Forderung nach einem Opferfonds prüfen zu wollen. Dem Vernehmen nach hat das Unternehmen das aber inzwischen abgehakt. Zudem hatte Scheuch eine Strategie durchgesetzt, die Lieferungen nur an nichtkorrupte, gefestigte Demokratien vorsah. Wichtige Märkte wie die Türkei fielen dadurch weg.

Friedensaktivist Grässlin hat aber Zweifel, dass diese Strategie konsequent umgesetzt wird. Tatsächlich genehmigte der Bundessicherheitsrat H & K unlängst Ausfuhren von 350 Maschinenpistolen-Rohren nach Indien und 55 Rohren nach Hongkong. Nach Lesart der Firma sind das Altaufträge, für die die Strategie nicht gilt. Vorstandschef Koch betonte, die Strategie werde fortgesetzt. Dabei sagte er laut Pressemitteilung: "In den richtigen Händen stellen unsere Produkte einen wichtigen Baustein der Sicherheitsarchitektur vieler Demokratien in Europa und der Nato dar."