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12. April 2009 18:49 Uhr

Flaute im Schwarzwald

Kuckucksuhrenbauer in der Krise

Die goldenen Zeiten der Kuckucksuhr sind vorbei. Der schwache Dollarkurs und die Wirtschaftskrise haben den Export in die einst so kauffreudigen USA weiter abstürzen lassen. Nun sucht die Kuckucksuhr neue Abnehmer.

  1. Foto: Arne Bensiek

Post aus den USA: "Schicken Sie uns alle Kuckucksuhren, die Sie haben. Der Preis ist egal." Dieser dringende Großauftrag flatterte 1985 in den Briefkasten der Firma Rombach und Haas in Schonach. Uhrmacher Ingolf Haas schwärmt noch heute: "Das waren die goldenen Zeiten." Damals führte sein Vater Herbert noch das Geschäft und die Kasse klingelte. Die Familie hatte mehr Arbeit als Zeit und Hände. Das war einmal. Heute sieht es düster aus. Wäre der Kuckuck in der Uhr ein echter, ihm würde die Lust am Rufen vergehen und er würde "Zum Kuckuck nochmal!" fluchen – so schlimm steht es um ihn und seinen geschnitzten Holzkasten.

Die Verkaufszahlen von Kuckucksuhren sind nicht gesunken, sie sind gestürzt: von 350 000 Stück auf 150 000 innerhalb der vergangenen neun Jahre. Als die Kuckucksuhrenwelt noch in Ordnung war, wanderten zwei von drei Exemplaren in amerikanische Wohn- und Schlafzimmer. Der Amerikaner liebt die Kuckucksuhr, und damals, vor neun Jahren, war sie ihm auch noch das Geld wert. Doch der Kaufrausch ist passé. Der schwache Dollarkurs hat die Situation weiter verschärft. Weil die Uhren für die Liebhaber aus Übersee plötzlich immer teurer wurden, blieben viele Bestellungen aus. Einige Kuckucksuhrfabriken haben den Rückzug der Amerikaner nicht überlebt. Die Firma Dold aus St. Georgen – einst mit 120 Mitarbeitern der größte Hersteller überhaupt – machte vor drei Jahren die Tore dicht. Geblieben sind zehn Hersteller. Alle kämpfen irgendwie ums Überleben und teilen sich den geschrumpften Markt.

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Ingolf Haas sitzt im Verkaufsbüro seiner Kuckucksuhrenfabrik und hat die Arme verschränkt. Es riecht nach Lindenholz und Sprühwachs. An den Wänden hängen allerlei Uhren, mindestens 80: Schilduhren, antike Uhren, Kuckucksuhren und zwischen den beiden Fenstern, die zur Straße zeigen, hängt Haas’ Lebensversicherung – ein kleiner, quadratischer, knallroter Holzwürfel mit zwei schwarzen Zeigern und einer Klappe. "Das ist die neuste Generation der Kuckucksuhr", sagt Haas. "Ich habe das klassische Modell nach 160 Jahren Stillstand mal weiterentwickelt." Der gelernte Uhrmacher hat den kleinen Vogel umgesiedelt, raus aus der geschnitzen Hütte, rein in ein glattes, schlichtes Gehäuse. Das Ergebnis heißt "Art" und ähnelt auf den ersten Blick einer Vesperbox. Haas’ Frau Conny bemalt und verziert die kleinen Kästen zu Unikaten. "Wir müssen vielen Leuten erst erklären, dass das auch wirklich eine Kuckucksuhr ist", sagt Haas. "Aber dann laufen sie sehr gut."

Mittlerweile ist jede dritte Uhr aus dem Hause Rombach und Haas ein Modell der neuen Art. Vor allem bei Deutschen kämen sie gut an, sagt Haas. Ein Absatzmarkt, den die Branche schon abgeschrieben hatte. Nicht, dass der Deutsche die traditionelle Kuckucksuhr nicht schätze. "Viele sagen aber: Das Geschnitzte passt einfach nicht zu meiner Einrichtung." Diese Ausrede soll nun nicht mehr gelten.

Gegen die geringe Nachfrage haben auch andere Kuckucksuhrfabriken Strategien entwickelt: Plexiglas heißt die der Firma Hönes aus Titisee-Neustadt – heute der größte Hersteller in der Branche. "Wir behalten die klassische Form bei und ändern nur das Material", erläutert Verkaufsleiter Christian Schwarz. Noch gebe es nur Prototypen vom Kuckuck im hochpolierten durchsichtigen Gehäuse. In einem halben Jahr soll die Uhr in Serie gehen. Alle müssten sich in der jetzigen Lage bewegen, sagt Schwarz. Auch der Kuckuck. Trotz der Verkaufsrückgänge sieht er die Zukunft positiv: "2010 sind die Passionsspiele in Oberammergau und Hundert-tausende Amerikaner werden wieder nach Deutschland kommen." Ein Erfolgsjahr stehe deshalb bevor. "Die Kuckucksuhr wird überleben." Fragt sich, wie viele Hersteller dies auch tun.

Der Ton sei rauer geworden untereinander, sagt Haas. "Wir sind eine sehr kleine Branche, die zusammenhalten muss, sonst haben wir keine Chance." Haas ist seit zehn Jahren Erster Vorsitzender im "Verein – die Schwarzwalduhr", der Dachverband aller Uhrenhersteller aus dem Schwarzwald. Dadurch hat er einen guten Überblick. Im Grunde hätten alle die gleichen Probleme: weniger Kunden, steigende Kosten und China. Denn von dort kommen immer mehr billige Kopien auf den Markt.

Über manch schlechtes Plagiat können die Schwarzwälder noch lachen. Bei manchen wird es ihnen aber angst und bange. "Ich hatte neulich eine mechanische Kuckucksuhr aus China in der Hand und muss zugeben: Ich konnte nicht erkennen, ob sie aus Schonach oder China kommt", sagt Herbert Haas mit großen Augen und ernster Miene. Er ist in die Werkstatt herunter gekommen und kontrolliert die fertigen Uhren. "Es ist wichtig, dass alle Uhrenfabriken im Schwarzwald sich für das Echtheitszertifikat Original Schwarzwälder Kuckucksuhr stark machen."

In Triberg, drei Kilometer weiter, seilt sich ein Dekorbär an der Fassade vom "Haus der 1000 Uhren" ab. Auf dem Gehweg davor posiert Michael Kan mit drei Freunden für ein Gruppenfoto. Der junge Mann aus Hongkong sagt, er finde die Kuckucksuhren im Schaufenster sehr schön, besonders weil alles Handarbeit sei. Aber kaufen werde er sich keine. "Die sind zu teuer." Die Gruppe sei auch nicht extra deswegen nach Deutschland gekommen. "Ich dachte bisher, die Kuckucksuhren kommen aus der Schweiz und habe mich sehr gewundert, als ich vor kurzem in einem Reiseführer gelesen habe, dass sie aus Deutschland kommen." Die Werbung ist bei ihm offensichtlich nicht angekommen. "Vielleicht kaufe ich mir zu Hause eine." Dann habe er weder das Problem mit dem Preis noch mit dem Transport.

Drinnen im Haus der 1000 Uhren bedient Siglinde Melrose im bayrischen Dirndl. Die Uhren, die sie verkauft, sind genauso deutsch wie ihre Tracht. "Wir haben hier nichts aus China", stellt die Geschäftsführerin klar. In der Mitte des Verkaufsraums, an zwei halbhohen Wänden, hängen die neuen Designuhren von Ingolf Haas. "Die kommen gut an, werden aber wenig gekauft", sagt Melrose. Für Amerikaner sei eine solche Kuckucksuhr unvorstellbar. "Die kaufen die geschnitzten Klassiker, bei denen sich möglichst viel bewegt." 300 bis 400 Euro lassen amerikanische Kunden durchschnittlich für eine Kuckucksuhr springen. Leider sei heute nur noch jeder fünfte Kunde ein Amerikaner.

Auch ein Uhrengeschäft muss sich in der Krise bewegen. Genauer genommen die Belegschaft: "Früher bin ich für 1000 Euro Umsatz einmal hoch ins Lager gegangen, heute gehe ich fünfmal", sagt Melrose und lächelt. Denn kleine Uhren zu kleinen Preisen wandern heute am häufigsten über den Ladentisch. Die meisten Kunden seien Deutsche, sagt Melrose, etwa die Hälfte. Und Geiz ist offensichtlich auch beim Kauf von Kuckucksuhren geil: 79,90 Euro kostet des Deutschen liebstes Stück – klein, schlicht, mit Ahornblättern und geschnitztem Vögelchen verziert. Der Preis zählt. Dafür nimmt der Deutsche auch das Ein-Tages-Uhrwerk in Kauf. Jeden Tag aufs Neue muss er die Uhr an ihren beiden Zapfen aufziehen.

Miranda Clark verzieht den Mund. Vor einer halben Stunde haben sie und ihr Mann eine Kuckucksuhr gekauft. Jetzt stehen die beiden Urlauber aus der Nähe von Washington D.C. in einer kleinen Seitenstraße in Schonach. Sie wollen die "Erste größte Kuckucksuhr der Welt" besichtigen. Doch der Kauf von vorhin wirkt noch nach. "Ich fühle mich unwohl", sagt Clark. Sie ist skeptisch, ob die Investition sinnvoll war. Bekannte von ihnen seien auch schon hier gewesen, hätten eine große Kuckucksuhr gekauft und dann damit geprahlt. Miranda und ihr Mann wollten auch so ein Ding. Sie waren im Haus der 1000 Uhren. "Der Kauf war ein Reflex." 230 Euro haben sie bezahlt.

Autor: abe