BZ-Interview

Nachwuchssorgen: Handwerk zahlt höhere Azubi-Gehälter

Sarah Beha

Von Sarah Beha

Do, 12. Juli 2018 um 20:08 Uhr

Wirtschaft

Immer weniger junge Menschen wollen Bäcker oder Metzger werden. Jetzt haben sich die Verantwortlichen auf einen neuen Tarifvertrag für Lehrlinge verständigt. Reicht das aus?

Das Azubi-Gehalt steigt deutlich, allein im ersten Lehrjahr in zwei Stufen um insgesamt 115 Euro brutto. Zusätzlich wird Lehrlingen eine Kostenbeteiligung an der Monatskarte für Bus und Bahn angeboten. Ob so bald mehr Nachwuchs ins Haus kommt, fragte Sarah Beha den stellvertretenden Verbandspräsidenten Heribert Kamm.

BZ: Herr Kamm, bei den Löhnen für Auszubildende im Bäckerhandwerk und im Bäckereifachverkauf gab es einen ordentlichen Sprung nach oben. Hat das den Zentralverband keine Überwindung gekostet?

Kamm: Wenn wir etwas Gutes für unsere Azubis tun können, tut uns das nicht weh. Natürlich muss man immer abwägen, was wirtschaftlich möglich ist und vom Markt vertretbar. Wichtig wäre mir aber noch zu erwähnen, dass es sich bei der Azubivergütung um keinen "Lohn" im eigentlichen Sinne handelt. Das Geld ist also keine Gegenleistung für verrichtete Arbeit, sondern eine Art Unterhaltsbeihilfe für den Auszubildenden.

BZ: Hat die Vergütungserhöhung auch damit zu tun, dass dem Bäckerhandwerk die Auszubildenden fehlen?

Kamm: Viele Ausbildungsberufe haben mit dem Nachwuchsmangel zu kämpfen. Natürlich ist die Vergütung ein Instrument, um uns nach außen positiv darstellen zu können. Wir kämpfen um unseren Nachwuchs. Das Geld ist aber nur ein Mosaikstein von vielen.
Auszubildende

2007 wurden im Bäckerhandwerk noch 36 241 Lehrlinge ausgebildet, Bäcker wie Fachverkäufer. 2017 waren es nur noch 17 301. 2016 waren laut Bundesinstitut für Berufsbildung bei den Ausbildungen zum Bäcker 24 Prozent der Lehrstellen unbesetzt.

BZ: Als Bäcker oder Bäckerin muss man sehr früh aufstehen und auch mal am Wochenende arbeiten. Schreckt das junge Leute nicht ab?

Kamm: Grundsätzlich gilt: Solange der Auszubildende noch keine 18 Jahre alt ist, gilt das Jugendarbeitsschutzgesetz mit einigen Besonderheiten. Ansonsten: Es gibt so viele Berufe, in denen Sie am Wochenende oder zu ungewöhnlichen Zeiten arbeiten müssen. Dafür erhalten die Auszubildenden ja auch Freizeitausgleich oder Zuschläge. Es wird viel zu oft über die Nachteile des Bäckerberufs geredet, dabei gibt es auch Vorteile. Ein Bäcker kann jeden Tag sehen, was er produziert und mit einem lebenden Produkt arbeiten – das ist ein Erlebnis. Es ist ein toller Beruf, der nach der Ausbildung auch ordentlich entlohnt wird.

BZ: Gilt der Tarifvertrag für alle Betriebe?

Kamm: Der Tarifvertrag soll bundesweit und allgemeinverbindlich für das ganze Gewerbe gelten, was wir aber noch beantragen müssen.

BZ: Halten sich alle Bäckereien daran?

Kamm: Davon gehen wir einmal aus. Aber auch bei uns wird es schwarze Schafe geben. Wenn ein Auszubildender eine niedrigere Vergütung erhält als die, die im Tarifvertrag vereinbart ist, kann er sich an uns wenden.

BZ: Immer mehr Bäckereien suchen sich ein Spezialgebiet, auf dem sie besonders gut sind. Ist das ein guter Trend, auch mit Blick auf die Ausbildung?

Kamm: Die Spezialisierung ist vom Markt her gesehen eine große Chance. Wenn ein Betrieb seine Nische gefunden hat und sich da behaupten kann, ist das sicherlich gut. Die Auszubildenden sollten aber immer die Möglichkeit haben, alle Grundlagen zu erlernen. Deshalb finden die Ausbildungen nicht mehr nur im Betrieb und in den Berufsschulen statt, sondern es gibt dazu noch die überbetrieblichen Unterweisungen. So sind alle Azubis auf dem gleichen Niveau. Nach der Grundausbildung können sie sich natürlich auf ein Gebiet spezialisieren, wenn sie das möchten.
Heribert Kamm

(68) ist Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. Er ist Landesinnungsmeister des Bäckerinnungsverbands Westfalen-Lippe. In den 1960er-Jahren arbeitete er eine Saison lang in einer Freiburger Bäckerei, bevor er sich mit einem eigenen Betrieb selbständig machte.

Alllgemeinverbindlichkeit

Tarifverträge einer Branche gelten nur für die Firmen, die Mitglied des Verbandes sind, der den Tarifvertrag abschließt. Soll ein Tarifvertrag für ausnahmslos alle Firmen gelten, muss er für allgemeinverbindlich erklärt werden. Dazu muss ein Antrag beim Tarifausschuss des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gestellt werden.