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20. Juni 2012

Emotionen als starke Argumente

Müllheimer und Neuenburger versuchen gemeinsam, die Kultusministerin vom durchgehenden Französischunterricht zu überzeugen.

  1. Die baden-württembergische Kultusministerin Gabriele Wirminski-Leitheußer Foto: Alexander Anlicker

  2. Der Schulchor der Rheinschule singt französische Lieder und zeigt, mit welcher Begeisterung die Grundschüler die französische Sprache lernen. Foto: Alexander Anlicker

NEUENBURG/MÜLLLHEIM. Mit einer geballten Ladung an Emotionen und Argumenten versuchten am Montag in Neuenburg Kinder, Schulleiterinnen, Bürgermeister(-in) und Vertreter von Schulamt und Pädagogischer Hochschule die baden-württembergische Kultusministerin davon zu überzeugen, dass Französischunterricht von der ersten bis zur vierten Klasse unverzichtbar ist. Gabriele Warminski-Leitheußer bekannte später, etwas gelernt zu haben: Dass es nicht einfach um das Erlernen einer Sprache gehe, sondern darum, "in einer Grenzregion in die Lage versetzt zu werden, miteinander zu leben".

Ihrer Zusage, nicht aus einem Reflex heraus etwas zerstören zu wollen, was lange gewachsen sei, waren zahlreiche Statements vorausgegangen. Zuvor sang der Schulchor der Rheinschule im gut gefüllten Stadthaus französische Lieder mit so großer Begeisterung, dass der SPD-Landtagsabgeordneter Christoph Bayer als Gastgeber sagte, dank des Chors habe man gespürt, wie viel Spaß die französische Sprache Kindern machen könne.

"Wenn es um Französisch an der Rheinschiene geht, sind Emotionen mit dabei", bekannte Manfred Voßler, Leiter des Staatlichen Schulamts in Freiburg. Er warnte davor, das Grundschulfranzösisch methodisch und didaktisch mit alt hergebrachtem Sprachunterricht zu vergleichen. Voßler weiß, woher die Kritik daran rührt: Früher habe es viele überforderte Lehrkräfte gegeben, die die Sprache nicht hätten vermitteln können. Dies sei heute anders. Voßler erwähnte auch das im Neuenburger Bildungshaus untergebrachte Servicezentrum Französisch, in dem sich Lehrkräfte Unterrichtsmaterial ausleihen können. Einst aus der Not heraus entstanden, sei es eines der Pfunde, "mit denen wir wuchern können".

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Constanze Weth von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg erinnerte an die besondere Verpflichtung Baden-Württembergs: Das Land habe eine 180 Kilometer lange Grenze zu Frankreich und müsse Möglichkeiten der Kommunikation und des Kennenlernens schaffen. Es gehe aber auch um den Arbeitsmarkt am Oberrhein, wo Handwerker auf Französischkenntnisse angewiesen sind. Und nicht nur sie: Für die Firma Rexam war Geschäftsführer Marc Felber gekommen. Von den Neuenburger Rexam-Mitarbeitern seien 25 Prozent Franzosen. Für ein international tätiges Unternehmen sei es wichtig zu wissen, was hinter dem stecke, was gesagt werde: Man müsse die Mentalität verstehen.

Anschaulich zeigten die Rektorinnen Barbara Dobuszweski von der Michael-Friedrich-Wild-Grundschule und Michaela Münch von der Rheinschule mit ihrer Stellvertreterin Johanna Seib, was sich an den Schulen in Sachen grenzüberschreitende Projekte und Kooperationen tut. Auch Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich und ihr Kollege Joachim Schuster setzten sich für das Grundschulfranzösisch ein – als Vertreterin einer Garnisonsstadt, in der die deutsch-französische Brigade beheimatet ist, und als Vertreter einer Metropolregion, die ihre Eurodistrikte mit Leben füllen wolle. Eine Lücke im Französischunterricht, der hier schon in den Kindergärten beginne, sei "eine Katastrophe", so Schuster. Astrid Siemes-Knoblich sprach von einem fatalen Zeichen über den Rhein, würden die Errungenschaften zunichte gemacht: "Hier am Oberrhein geht es auch um Europa."

Die Ministerin versicherte, die Argumente sehr gut zu verstehen und eine "weise Entscheidung" treffen zu wollen mit Hilfe einer Expertenrunde.

Autor: Andrea Drescher